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#plötzlichundunerwartet Was es mit Todesfällen nach Impfungen auf sich hat

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Fast 65 Millionen Menschen haben in Deutschland mindestens eine Impfdosis erhalten.

Fast 65 Millionen Menschen haben in Deutschland mindestens eine Impfdosis erhalten.

(Foto: picture alliance / AA)

In sozialen Medien sammeln Impfgegner Todesnachrichten, die sie auf die Corona-Impfung zurückführen. Mit dem Hashtag #plötzlichundunerwartet suggerieren sie, dass es deutlich mehr Impftote gebe als offiziell bekannt. ntv.de erklärt, was an den Behauptungen dran ist - oder besser: was nicht.

Die Pandemie ist vorbei. Corona-Maßnahmen gehören der Vergangenheit an und eine Impfpflicht ist längst vom Tisch. Dennoch machen Impfgegner im Netz weiterhin Stimmung. Unter dem Hashtag #plötzlichundunerwartet stellen sie einen angeblichen Zusammenhang zwischen Todesfällen und Corona-Impfungen her. Meist geht es um prominente, junge Menschen, die gestorben sind. Die Impfgegner behaupten, dass diese Todesfälle in Wahrheit auf die Corona-Vakzine zurückzuführen seien - ohne dafür Belege zu liefern.

Die Idee hinter dem Hashtag ist allerdings nicht neu. Seit der Zulassung der Impfungen Ende 2020 gibt es Falschbehauptungen rund um angeblich nicht öffentlich gemachte Impfnebenwirkungen. Schon damals befürchteten Impfgegner, dass es bald viele sogenannte Impftote geben wird. Als dieser antizipierte Anstieg jedoch ausblieb, begannen manche von ihnen stattdessen, andere Todesfälle zu Impftoten umzudeuten.

Im Sommer 2021, als die Impfkampagne etwa ein halbes Jahr alt war, tauchte der Hashtag #plötzlichundunerwartet erstmals in den sozialen Medien auf. Seitdem wird er regelmäßig auf Telegram und Twitter unter Fotos und Totenanzeigen von Verstorbenen gepostet - größtenteils sind es junge Menschen, Sportlerinnen und Sportler, Prominente. So wurde der Hashtag in den vergangenen Wochen unter anderem in Bezug auf den Tod von Lisa Marie Presley und Skifahrerin Rosi Mittermaier verwendet. Woran die beiden Frauen gestorben sind, ist bis heute nicht offiziell bestätigt. Auf einen Zusammenhang mit der Corona-Impfung deutet allerdings nichts hin.

Dennoch wird durch den Hashtag unterstellt, seit Beginn der Impfkampagne habe es einen auffälligen Anstieg an "plötzlichen und unerwarteten" Todesfällen gegeben. Doch laut den Hashtag-Usern sind diese Tode in Wahrheit gar nicht "plötzlich und mit unbekannter Ursache", wie auf dem Totenschein steht - sondern die direkte Folge einer Corona-Impfung. Die häufige Verwendung des Hashtags soll offenbar nahelegen, dass viele Todesfälle durch Impfungen entweder nicht erkannt oder sogar verschleiert werden. Doch was ist an diesen Behauptungen dran? Ein Blick auf die Zahlen zeigt: nicht viel.

Anstieg von "überraschenden" Todesfällen

Im Jahr 2021 starben in Deutschland laut Statistischem Bundesamt insgesamt 1,02 Millionen Menschen. Bei 218 von ihnen wird die Todesursache mit "unerwünschte Nebenwirkungen bei der Anwendung von Covid-19-Impfstoffen" angegeben. Darunter waren 77 Menschen unter 65 Jahre alt. Zum Vergleich: Fast 65 Millionen Menschen in Deutschland haben bis heute mindestens eine Impfdosis erhalten. Das bedeutet, nur etwa 0,0004 Prozent der Corona-Impfungen hatten tödliche Folgen.

Nun suggerieren die Hashtag-Nutzer jedoch, dass es eine deutlich größere Menge an vermeintlichen Opfern gebe. Schaut man sich allerdings die Zahlen der letzten Jahre an, lässt sich kein drastischer Anstieg von "überraschenden" Todesfällen erkennen. Im Gegenteil: Fälle des sogenannten plötzlichen Todes unbekannter Ursache sind 2021 sogar gesunken. Und auch bei Schlaganfällen, Hirninfarkten, Gehirnblutungen und Herzstillständen gibt es keine bemerkenswerten Ausschläge im Vergleich zum Jahr davor ohne Impfungen.

Hinzu kommt: Auch wenn sich die Impfgegner im Netz darüber wundern, ist es schon aus rein statistischen Gründen nicht ungewöhnlich, dass einige Menschen kurz nach einer Impfung aus anderen Gründen versterben. Das Paul-Ehrlich-Institut erklärt es so: "Wenn ältere Menschen oder Menschen mit schweren Vorerkrankungen und einem erhöhten Sterberisiko geimpft werden, dann wird es eine gewisse Anzahl von zufälligen Todesfällen geben, die kurz nach der Impfung auftreten, ohne aber kausal mit der Impfung assoziiert zu sein."

Fragwürdig ist die Kampagne laut Emily Maichle, Bestattermeisterin aus in Baden-Württemberg, auch deshalb, weil der Hashtag #plötzlichundunerwartet eine Formulierung als verdächtig darstellt, die auch schon vor der Pandemie in Todesanzeigen verwendet wurde. Sie habe nicht den Eindruck, dass diese Formulierung seit 2021 häufiger verwendet werde, sagt sie dem Bayrischen Rundfunk. Außerdem sage "plötzlich und unerwartet" an sich wenig über die tatsächliche Todesursache aus. Es sei schließlich keine medizinische Diagnose. Maichle zufolge drücken Angehörige mit der Formulierung vielmehr ihr besondere Betroffenheit und Trauer aus - welche dann von Impfgegner missbraucht werde.

"Krass manipulative Statistik"

In der Vergangenheit sorgen die Corona-Impfstoffe in regelmäßigen Abständen für Schlagzeilen. Immer wieder wollen einzelne Wissenschaftler, Ärzte oder Politiker herausgefunden haben, dass die Vakzine deutlich gefährlicher sind als bisher angenommen. So befeuerte die AfD-Bundestagsfraktion die Twitter-Kampagne erst im vergangenen Dezember. Im Rahmen einer "Pressekonferenz zu Impffolgen" legte der gesundheitspolitische Sprecher der Partei eine Analyse vor, die einen angeblich sprunghaften Anstieg bei plötzlichen Todesfällen nachweisen soll. Nur kurze Zeit später stellt sich heraus: Die verwendeten Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) waren lückenhaft.

Zuvor machte bereits eine US-Studie in Impfskeptiker-Kreisen die Runde, die besagt, dass das Risiko, durch mRNA-Impfungen schwere Nebenwirkungen zu bekommen, höher sei, als wegen einer Corona-Infektion im Krankenhaus zu landen. Doch auch diese Analyse wird von renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern umgehend entkräftet. Sie beruhe "auf krass manipulativer Statistik", kommentierte unter anderem Leif Erik Sander, Professor für Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité. Die Studie sei minderwertig und die Schlussfolgerungen seien unzulässig.

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Vor Kurzem veröffentlichte sogar ein Ärzteverband eine fragwürdige Pressemitteilung. Darin behauptet der Ärztliche Berufsverband Hippokratischer Eid, dass in Deutschland angeblich 100.000 Menschen durch Corona-Impfungen gestorben seien. Zudem gebe es seit Beginn der Impfkampagne zwei Millionen Fälle schwerer Nebenwirkungen. Aber auch hier wird schnell klar: Die Vorwürfe beruhen auf Fehlinterpretationen und Falschbehauptungen, wie "Correctiv" herausfand. Zudem seien Mitglieder des Vereins in der Corona-skeptischen Szene bekannt und fielen immer wieder mit unbelegten Behauptungen auf.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Corona-Impfungen sind nach wie vor sicher und wirksam. Das belegen zahlreiche Studien. Weltweit verhinderten die Vakzine Modellrechnungen zufolge möglicherweise bis zu 20 Millionen Covid-Tote. Gleichzeitig ist es unumstritten, dass es in sehr seltenen Fällen zu schwerwiegenden Impfnebenwirkungen und noch seltener zu tödlichen Folgen kommen kann. Diese sind jedoch in Deutschland so wie in den meisten Ländern gut dokumentiert. Ziel sollte dabei Infektiologe Sander zufolge sein, "offen über Impfkomplikationen zu sprechen, Betroffenen zu helfen und Impfungen zu verbessern".

Quelle: ntv.de

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