Bald großer Salzwassereinbruch?Wasserstand der Ostsee auf historischem Tiefstand

Die Ostsee ist ein Binnenmeer und auf Salzwassereinbrüche aus der Nordsee angewiesen. Gerade sind die Chancen dafür außergewöhnlich gut: Der lange andauernde Ostwind lässt den Wasserstand der Ostsee auf den tiefsten Stand seit 1886 sinken.
Eine außergewöhnlich lang anhaltende Ostwindlage hat den mittleren Wasserstand der Ostsee seit Anfang Januar auf einen historischen Tiefstand sinken lassen. Messungen am schwedischen Pegel Landsort-Norra zeigten Werte, die so niedrig seien wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1886, teilte das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) mit. Forscher sprachen von einer seltenen ozeanografischen Ausgangssituation für einen möglichen großen Salzwassereinstrom aus der Nordsee in die Ostsee.
Laut IOW sind "derartige Einströmungsprozesse die einzige Möglichkeit, um das Tiefenwasser mit frischem Sauerstoff zu versorgen – ein Glücksfall für die aufgrund ihrer natürlichen Gegebenheiten ökologisch besonders gefährdete Ostsee".
Die Ostwinde drückten in den letzten Wochen große Wassermengen aus der Ostsee durch die Meerengen der Beltsee zwischen Deutschland, Dänemark und Schweden in Richtung Nordsee. Nach aktuellen IOW-Berechnungen fehlen der Ostsee dadurch zurzeit rund 275 Kubikkilometer Wasser im Vergleich zum langjährigen Mittel. Am 5. Februar wurde am Pegel Landsort-Norra ein Tagesmittelwert von mehr als 67 Zentimetern unter dem langjährigen mittleren Wasserstand gemessen.
Salzwassereinbruch sehr wahrscheinlich
Bereits Ostsee-Füllstände von 20 Zentimetern unter dem mittleren Meeresspiegel gelten in der Ozeanographie als eine gute Voraussetzung für das Auftreten großer Salzwassereinbrüche aus der Nordsee in die Ostsee. "Nach den hier bei uns am IOW berechneten Zeitreihen zu Salzwassereinstrom-Ereignissen in die Ostsee liegt die Wahrscheinlichkeit aktuell bei 80 bis 90 Prozent", erklärt Michael Naumann, einer der Koordinatoren des IOW-Langzeitbeobachtungs-Programms.
Sollte der Einstrom tatsächlich jetzt erfolgen, hätte das nach Angaben der Forscher gleich zwei Effekte, die für die tiefen Ostseebecken von Bedeutung wären. "Kaltes Wasser kann deutlich mehr Sauerstoff aufnehmen als warmes und würde damit - bezogen auf sein Volumen - überdurchschnittlich viel Sauerstoff in die tiefen Becken transportieren. Außerdem könnte ein Einstrom ausreichender Intensität die seit rund zwei Jahrzehnten anhaltend erhöhten Tiefenwassertemperaturen in den zentralen Ostseebecken beenden", hofft Volker Mohrholz, stellvertretender Leiter der IOW-Abteilung Physikalische Ozeanographie.