Wissen

Angriff auf Gefäßinnenseiten Wie Sars-CoV-2 zu Multiorganversagen führt

imago0093843660h.jpg

Wie das Virus den Menschen attackiert, untersuchen Pathologen im Labor.

(Foto: imago images/Westend61)

Das neue Coronavirus tötet auf verschiedene Arten. Um in Zukunft mehr Leben retten zu können, müssen deshalb schnell einige Fragen beantwortet werden. Eine Erklärung, warum auch andere Organe außer der Lunge kollabieren, liefern jetzt Forscher aus Zürich.

Covid-19 ist als Lungenkrankheit bekannt. Doch darüber hinaus sehen Ärzte immer wieder Patienten, deren gesundheitliche Probleme nicht in der Lunge, sondern in anderen Organen liegen. Was genau sich in Darm, Leber oder dem Herzen abspielt, wenn Sars-CoV-2 im Körper ist, haben Ärzte des Universitäts-Spitals Zürich (USZ) an drei konkreten Fällen untersucht. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen stellen die Forscher auf der Seite des Krankenhauses und im Fachmagazin "The Lancet" vor.

Das Team um Professor Frank Ruschitzka, Direktor der Klinik für Kardiologie am USZ, hatte bereits einen Verdacht. Aus diesem Grund suchten die Wissenschaftler gezielt in den Blutgefäßen nach dem Erreger. Die Pathologin Zsuszanna Varga wurde bei zwei an Covid-19 Verstorbenen und einem dritten schwer daran Erkrankten schnell fündig. Sie entdeckte, dass das Virus die sogenannten Endothelzellen schädigt oder sogar absterben lässt.

Schutzschicht in den Zellen

Als Endothel bezeichnet man eine Schicht in den Gefäßen, die diese zum einen schützt und zum anderen an der Regulierung verschiedener Prozesse beteiligt ist. Wird diese Schicht angegriffen oder sogar zerstört, kann das beispielsweise zu Durchblutungsstörungen in dem Gewebe und im schlimmsten Fall sogar zum Absterben des Organs führen.

Die Forscher berichten von ihrem ersten Patienten, einem 71 Jahre alten Mann, der nach einer Nierentransplantation sogenannte Immunsuppressiva eingenommen hatte. Er starb acht Tage nach dem Beginn der Covid-19-Erkrankung an einem Multiorganversagen. Die Untersuchungen in der Pathologie ergaben, dass es bei ihm zu einer sogenannten Endotheliitis, also einer Entzündung der Endothelzellen in den Blutgefäßen des Herzens, der Niere und im Darm gekommen war. Darüber hinaus wurden auch Endothelzellen gefunden, die bereits abgestorben waren. Dieser Vorgang wird in der Fachsprache als Apoptose bezeichnet.

Bei der zweiten Patientin, einer 58 Jahre alten Frau mit Diabetes, Bluthochdruck und Adipositas, wurde am 16. Tag der Covid-19-Erkrankung ein Mesenterialinfarkt festgestellt. Das ist der akute Verschluss eines Darmgefäßes, der unbehandelt zu einem lebensbedrohlichen Zustand führt. Die Ärzte operierten die Frau und entfernten den geschädigten Darmabschnitt. Sie starb kurze Zeit nach diesem chirurgischen Eingriff an einem Herzinfarkt. Auch bei ihr wurden bei der Autopsie entzündete Endothelzellen in Lunge, Herz, Niere und der Leber entdeckt. Zudem waren Zellen in der Leber abgestorben.

Der dritte Patient, über den die Forscher berichten, ist ein 69 Jahre alter Mann, der im Zusammenhang mit seiner Covid-19-Erkrankung bereits beatmet werden musste. Er litt zudem unter Bluthochdruck. Hinzu kam während der Behandlung auf der Intensivstation auch bei ihm ein Mesenterialinfarkt. Auch er wurde operiert und überlebte den Eingriff. In dem bei der OP entfernten Darmabschnitt sahen die Pathologen ebenfalls eine ausgeprägte Endotheliitis mit Apoptose.

Virus verursacht Entzündung der Gefäße

Die Forscher schlossen aufgrund ihrer Ergebnisse aus, dass Sars-CoV-2 über die Lunge das körpereigene Immunsystem attackiert. Sie gehen vielmehr davon aus, dass das Virus über die im Endothel vorkommenden ACE2-Rezeptoren andockt, sich von dort ausbreitet und so direkt die körpereigene Abwehr angreift. Es kommt zur Endotheliitis, die alle Gefäße in den Organen und sogar im Gehirn erfassen kann. Das wiederum führt zu schweren Mikrozirkulationsstörungen, die das Herz schädigen, Lungenembolien auslösen, Gefäßverschlüsse im Hirn und im Darmtrakt verursachen und schließlich zum Multiorganversagen bis zum Tod führen können.

"Wir konnten mit unserer Untersuchung den Beweis für unsere Hypothese beibringen, dass Covid-19 nicht nur die Lunge, sondern die Gefäße aller Organe betreffen kann. Covid ist eine systemische Gefäßentzündung, wir sollten das Krankheitsbild von nun an als Covid-Endotheliitis beschreiben", fasst Professor Ruschitzka die Ergebnisse zusammen. Die Befunde erklären seiner Ansicht nach plausibel, wie ein Multiorganversagen nach einer Sars-CoV-2-Infektion entsteht. Eine Vorschädigung des Endothels, wie sie bei zahlreichen Patienten mit Bluthochdruck, Diabetes oder verschiedenen Herzerkrankungen auftritt, könnte auch erklären, warum das Leben von Patienten mit diesen Vorerkrankungen so gefährdet ist. Das durch diese Vorerkrankungen bereits geschädigte oder geschwächte Endothel wird vor allem in der Phase, in der sich das Virus am schnellsten vermehrt, noch weiter geschwächt. Das Endothel junger Patienten kann sich in der Regel gut gegen die Angriffe des Sars-CoV-2 wehren.

Die Forscher wollen mit ihrer lebensrettenden Therapie nun an zwei Stellen ansetzen. "Wir müssen die Vermehrung der Viren in deren vermehrungsreichster Phase hemmen und gleichzeitig das Gefäßsystem der Patienten schützen und stabilisieren", so Ruschitzka. Er schlägt dafür den Einsatz von antientzündlichen Medikamenten, Lipidsenkern und ACE-Hemmern vor. Er positioniert sich damit eindeutig in der Diskussion um die Gabe von ACE-Hemmern. Diese waren in den letzten Wochen unter Verdacht geraten, den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung zu verschlimmern.

Quelle: ntv.de, jaz