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Ein 20-minütiges Nickerchen alle sechs Stunden soll reichen, sagen manche.
Ein 20-minütiges Nickerchen alle sechs Stunden soll reichen, sagen manche.(Foto: imago/Bernd Friedel)
Freitag, 20. Mai 2016

Erfolgsrezept der Genies: Wie man mit zwei Stunden Schlaf auskommt

Von Kai Stoppel

Beruf, Hobbys, Familie - oft bleibt keine Zeit, alles unter einen Hut zu bringen. Schließlich muss der Mensch auch schlafen. Damit bleiben nur etwa 16 Stunden am Tag übrig. Doch es gibt einen Trick, wie man die Schlafphase drastisch reduzieren kann.

Die Genies Leonardo da Vinci, Thomas Edison und Nikola Tesla hatten eine unglaubliche Schaffenskraft. Manche sagen ihnen nach, sie hätten nur sehr wenig Schlaf benötigt - teilweise weniger als zwei Stunden am Tag. Das wäre also nur ein Viertel der durchschnittlichen Schlafzeit eines Menschen. Das hätte ihnen erlaubt, ihre schier übermenschlichen Leistungen zu erbringen. Aber geht das überhaupt?

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Laut dem Schlafmedizinischen Zentrum in München schlafen die meisten Menschen zwischen sieben und neun Stunden pro Nacht. Langschläfer träumen viel und benötigen zehn bis elf Stunden Schlaf pro Nacht. Aber es gibt auch Menschen, denen deutlich weniger Schlaf reicht: Kurzschläfer etwa brauchen teilweise sogar nur vier Stunden - und sind dabei genauso ausgeruht wie andere. Der Trick dabei: Sie träumen nicht.

Wie sollen Menschen nun aber mit nur zwei Stunden Schlaf auskommen? Das Geheimnis ist eine besondere Variante des Schlaf-Wach-Rhythmus: der polyphasische Schlaf. Jeder hat ihn schon mal durchgemacht, nämlich als Säugling. Neugeborene schlafen in kleinen Blöcken über den ganzen Tag verteilt, ähnlich wie Katzen. Alle vier Stunden klimpern die Äuglein. Erst nach und nach entwickeln Babys einen Tag-Nacht-Rhythmus wie Erwachsene.

US-Visionär wollte den Schlaf revolutionieren

So wird vermutet, dass auch die Genies Da Vinci und Co sich eines polyphasischen Schlafs bedient haben. Allerdings einem, der auf eine bestimmte Zahl kurzer Schlafphasen zurückgreift, die in der Summe nicht mehr als zwei oder drei Stunden betragen. Wie das funktioniert, hat der US-Architekt und Visionär Buckminster Fuller Mitte des 20. Jahrhunderts am eigenen Leibe erforscht. Er nannte seinen Schlafrhythmus "Dymaxion" - nach seinem von ihm entwickelten Label für alle möglichen zukunftsweisenden Konzepte. Das Prinzip: Alle sechs Stunden ein 30-minütiges Nickerchen ermöglichte es ihm, mit insgesamt nur zwei Stunden Schlaf pro Tag auszukommen. Der verkürzte Schlaf erlaubte Fuller ein großes Arbeitspensum. Über zwei Jahre soll er diesen Rhythmus durchgezogen haben.

Seitdem haben auch andere diese Idee immer wieder aufgegriffen: In den 1980er Jahren hatte sich der italienischen Neurologe Claudio Stampi mit polyphasischem Schlaf befasst. In einer Studie untersuchte er das Schlafverhalten von Seglern, die bei einem Segel-Wettbewerb auf hoher See ohne größere Schwierigkeiten und dank mehrerer kürzerer Schlafphasen ihren Schlafbedarf auf bis zu 4,5 bis 5,5 Stunden reduzieren konnten. Bei einem anderen Experiment beobachtete Stampi den Schweizer Künstler Francesco Jost, der für 49 Tage seinen Schlaf auf 30-Minuten-Nickerchen reduzierte - mit Wachphasen von 3,5 Stunden. Ein erstaunliches Ergebnis: Dessen intellektuelles Leistungsvermögen war nahezu unbeeinträchtigt.

"Tatkräftiger und energiegeladener als jemals zuvor"

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Ein berühmtes Beispiel aus der Gegenwart ist die Bloggerin mit dem Künstlernamen PureDoxyk, die mehrmals mit einem polyphasischen Schlafrhythmus experimentiert hatte - und ihm auch den Namen "Uberman" gab, angelehnt an den deutschen Begriff "Übermensch". Bei ihren Experimenten waren es 20-Minuten-Schläfchen alle vier Stunden. Allerdings fällt es nach ihren Aussagen anfangs schwer, den Körper an den ungewohnten Rhythmus zu gewöhnen. Nach zwei Wochen wolle man jedoch gar nicht mehr damit aufhören. Doch es bedürfe größter Disziplin: Auf keinen Fall, so die Warnung der Bloggerin, solle man ein Nickerchen verpassen oder länger als die nötigen 20 Minuten schlafen. Die Folge wäre länger anhaltende Erschöpfung.

Auch der Geschäftsmann Steve Pavlina praktizierte den "Uberman"-Rhythmus und verfasste dazu einen Internet-Ratgeber. Nach einer anfänglichen Schwächephase beim Eintritt in den Schlafrhythmus fühle man sich nach einiger Zeit tatkräftiger und energiegeladener als jemals zuvor. Einige Problem des extremen Schlafverhaltens aus seiner Sicht: Man verbringe mehr Zeit ohne seine Familie, auch neigten manche Menschen dazu, sich in den zusätzlichen Wachphasen zu langweilen. Negative gesundheitliche Folgen habe er hingegen nicht gespürt, schreibt Pavlina.

Ermöglicht nur ein mutiertes Gen den "Uberman"?

Ob ein polyphasischer Schlaf mit kurzen Schlafphasen negative Langzeitfolgen haben könnte, ist noch nicht erforscht. Belegt ist lediglich, dass ein völliger Schlafentzug dem Menschen schadet, was etwa beim "Uberman"-Schlaf nicht der Fall ist. Ein Problem könnten fehlende REM-Schlafphasen sein, also jene Phasen des Schlafes, in denen Menschen intensiv träumen. Allerdings fand der Neurologe Stampi bei seinem Versuch mit Jost durch Messung der Gehirnströme heraus, dass sein Proband bei seinen 30-Minuten-Schlafphasen sofort in die REM-Phase überging. Die Schlussfolgerung: Der Körper holt sich den Schlaf, den er am dringendsten benötigt.

Was den "Uberman"-Schlaf angeht, ist offen, ob wirklich jeder Mensch damit klarkommen würde. Das erfolgreiche Praktizieren des extremen polyphasischen Schlafs könnte auch auf eine genetische Besonderheit zurückzuführen sein, die nur bei ein bis drei Prozent der Bevölkerung vorkommt. Es handelt sich um eine Mutation des Gens DEC2, welche Menschen mit vergleichsweise wenig Schlaf auskommen lässt, wie US-Forscher der Universität of California in San Francisco herausfanden.

Fest steht jedoch: Polyphasischer Schlaf wird von Menschen auf ganz natürlich Weise praktiziert. Seien es Neugeborene oder ältere Menschen - auch bei jüngeren Erwachsenen wurde so ein Schlafverhalten beobachtet. Ob jemand jedoch für die extrem kurze Netto-Schlafdauer von insgesamt nur zwei Stunden pro Tag geeignet ist, muss er oder sie am Ende selbst herausfinden. Gelingt es, könnte man während eines ganzen Lebens rund 20 Jahre an Schlaf einsparen. Die Frage ist nur: Was macht man mit der gewonnen Zeit?

Quelle: n-tv.de