"Passiver Abfall" seltenWie tote Natur dem eigenen Nachwuchs hilft - oder schadet

Die Überreste von Bäumen, Gräsern oder Muscheln können die Erholung ihres Lebensraums massiv beeinflussen. Eine aktuelle Studie belegt diesen starken Effekt in zehn verschiedenen Ökosystemen. Die Ergebnisse zeigen, wie der Tod das Leben gestaltet.
Bestimmte Lebensformen prägen auch nach ihrem Tod noch ihr Ökosystem. Das könne gut für nachfolgende Artgenossen sein, etwa wenn tote Baumriesen das Heranwachsen junger Bäumchen fördern, berichtet ein Forschungsteam im Fachmagazin "Science Advances". Tote Korallenskelette hingegen beschleunigten den weiteren Rückgang. Der Einfluss der Toten auf die Lebenden nehme im Zuge der Klimakrise zu.
Grund ist, dass Extremereignisse wie Stürme, Waldbrände oder marine Hitzeweltwellen vermehrt zum Tod von Organismen führen. "Da Störungen immer häufiger und schwerwiegender werden, werden wir künftig häufiger Nachwirkungen beobachten", sagte Mitautor John Kominoski von der Florida International University.
Sie besser zu verstehen, helfe, gezielt Einfluss nehmen zu können. Die Natur sich selbst zu überlassen, könne dort, wo abgestorbene Organismen das Nachwachsen fördern, den Bedarf an kostspieligen Eingriffen verringern. Wo die Nachwirkungen schädlich seien, könnten gezielte Maßnahmen wiederum langfristige Schäden verhindern.
Überreste fördern Nachwuchs - oder behindern ihn
Die Forschenden um Kai Kopecky von der University of Colorado in Boulder hatten Grundlagenspezies aus zehn Ökosystemen wie subarktischem Wald, Hochgrasprärie und Korallenriff einbezogen, die zu Lebzeiten das Fundament eines Ökosystems bilden. Geprüft wurde, in welchem Ausmaß Überreste dieser Arten etwa nach einem Waldbrand oder einer Hitzewelle im Meer ihr Ökosystem weiter prägen. Berücksichtigt wurden 2 bis 32 Jahre umfassende Daten zu jeweils mehreren Zyklen von Verlust und Erholung.
"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass materielle Hinterlassenschaften selten als passiver Abfall dienen, sondern vielmehr regelmäßig die Populationsdynamik von Grundarten und damit auch die Strukturen von Lebensgemeinschaften und die Prozesse in Ökosystemen prägen", erläutern sie. Der Effekt reichte von einer Verminderung um die Hälfte bis zu einer Verzwölffachung des Vorkommens der jeweiligen Spezies.
Kleine Austern profitieren von Austernschalen
Zu den berücksichtigten Schlüsselarten der fünf terrestrischen und fünf marinen Lebensräume zählten bestimmte Bäume, Gräser, Korallen und Muscheln. Bei fünf der Arten förderten Überreste die Erholung. Schichten aus alten Austernschalen zum Beispiel bieten die Oberfläche, die junge Austern benötigen, um sich auf Wattflächen anzusiedeln und zu wachsen. Noch stehende Baumgerippe toter Hemlocktannen unterstützen über ihren Einfluss auf das Mikroklima des Unterholzes das Durchkommen neuer Jungbäume.
Im Gegensatz dazu zeigte sich bei vier Ökosystemen, dass tote Organismen der Schlüsselarten die Erholung verlangsamen oder verhinderten. So können dicke Schichten abgestorbenen Grases das Sonnenlicht blockieren und das Keimen neuer Präriegräser verzögern. In tropischen Wäldern werfen tote Baumriesen Schatten und nehmen Raum ein, sodass Sämlinge schlechtere Chancen haben. Nur ein Ökosystem, ein Kelpwald (auch Tang- oder Algenwald genannt), zeigte eine neutrale Reaktion.
Klimawandel beschleunigt Dynamik
Bisher werde vielfach unterschätzt, wie stark die Überreste von Arten ihr Ökosystem noch weit über den Tod hinaus beeinflussen, schließen die Forschenden. "Wir haben festgestellt, dass tote Organismen diese starken, anhaltenden Einflüsse haben, die in einer Vielzahl von ansonsten sehr unterschiedlichen Ökosystemen viel häufiger vorkommen als bisher angenommen", sagte Kopecky. "Das verdeutlicht, welche Rolle der Tod bei der Gestaltung des Lebens spielt."
Im Zuge der Klimakrise verstärkt sich laut den Autoren die Bedeutung noch. Schädlingsbefall, Großbrände, Hitzewellen, Stürme - mit mehr und heftigeren solchen Ereignissen komme es zu mehr Massensterben terrestrischer und mariner Schlüsselarten. "In dieser Ära des beschleunigten Artenverlusts und -sterbens wird das Verständnis und die Bewirtschaftung der Hinterlassenschaften toter Arten wichtiger denn je für den Erhalt lebender Ökosysteme", heißt es in der Studie.
In einigen Fällen werde das als Hebel für Management und Renaturierung bereits berücksichtigt: mit dem Belassen von Totholz in Wäldern zum Beispiel, kontrollierten Bränden in Graslandschaften und dem Aufbringen von Muschelschalen auf Austernriffe zum Beispiel. "Diese Beispiele sind zwar eindrücklich, aber noch wenige." Künftig gelte es weitaus stärker zu berücksichtigen, dass Überreste von Schlüsselarten hohes Potenzial bergen, die Struktur, Funktion und Resilienz von Ökosystemen zu verändern.