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Kampf gegen HIV Wird Aids bald heilbar?

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"Stop Aids" auf der Amsterdam Gay Pride 2019.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Seit 1981 kämpft die Medizin gegen Aids. Die Krankheit ist immer noch unheilbar. Doch es gibt große Fortschritte, sagt Julian Schulze zur Wiesch vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Auch wenn es die Corona-Krise der HIV-Bekämpfung aktuell schwer macht.

Zwischen Oktober 1980 und Mai 1981 erkranken in Los Angeles gleich fünf zuvor kerngesunde junge Männer an einer schweren Lungenentzündung. Zwei von ihnen sterben, noch bevor der kalifornische Arzt Michael Gottlieb im Juni 1981 an die Öffentlichkeit geht. In einer Fachzeitschrift der US-Gesundheitsbehörde beschreibt er eine neue Krankheit, die sexuell übertragbar sein könnte: Alle fünf erkrankten Männer sind homosexuell.

Michael Gottlieb behält recht. Wenig später tauchen Fälle der neuen Krankheit in anderen Teilen der USA und in anderen Ländern auf. 1982 geben die Mediziner ihr den Namen Aids. Die Abkürzung steht für Acquired Immune Deficiency Syndrome oder auf Deutsch: erworbenes Immunschwächesyndrom. Ein Jahr später entdecken Forscher den Erreger, das HI-Virus.

Schnell wird klar, dass das Virus ein sehr tödliches ist. "Es kann sehr schnell mutieren, es integriert sich in die Zellen und in das Genom des Menschen, es greift wichtige Zellen des Immunsystems an, sodass dieses sich selbst gar nicht attackieren kann. Und es kann über lange Zeit schlafend in den Zellen weiter existieren", erklärt Julian Schulze zur Wiesch, leitender Oberarzt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Heutzutage 38 Millionen Infizierte

Seit der Entdeckung vor knapp 40 Jahren sind etwa 33 Millionen Menschen laut der Vereinten Nationen an einer Aids-Erkrankung gestorben. "Mittlerweile ist die Krankheit aber sehr gut therapierbar, auch wenn Infizierte ihr Leben lang Medikamente einnehmen müssen", sagt Schulze zur Wiesch, der sich seit Jahren mit der HIV-Forschung beschäftigt. Die Zahlen geben ihm recht: Zwar sind auch heute noch etwa 38 Millionen Menschen an Aids erkrankt, doch die Diagnose ist kein sicheres Todesurteil mehr.

Womöglich gehört aber selbst das Stigma "HIV-positiv" bald der Vergangenheit an, die Medizin scheint den Schlüssel zur vollständigen Heilung gefunden zu haben. Es handelt sich um eine Therapie, die das HI-Virus im menschlichen Körper vollständig zerstört. Das hatte zuerst bei Timothy Ray Brown, dem sogenannten "Berliner Patienten", funktioniert. Bei ihm wurde 2007 im Rahmen einer Krebsbehandlung an der Berliner Charité das Immunsystem durch eine Stammzelltherapie neu aufgebaut. "Die neuen Blutstammzellen waren durch einen genetischen Defekt nicht infizierbar. Das Prinzip war sehr interessant und hat viel Hoffnung gegeben. Aber diese Behandlung ist nicht breit anwendbar. Man würde keinen Patienten heutzutage durch eine Stammzelltransplantation laufen lassen, um eine Heilung zu erreichen", sagt Schulze zur Wiesch.

Seit März dieses Jahres gilt zudem der "Londoner Patient" Adam Castillejo als geheilt. Auch er trägt kein intaktes HI-Virus mehr in seinem Körper. "Der Londoner Patient unterscheidet sich insofern, als dass er eine nicht so intensive Chemotherapie und Bestrahlung bekommen hat, sodass wir in diesem Fall weiter gelernt haben, was überhaupt notwendig ist, um eine Heilung zu erreichen."

Für einen weiteren Hoffnungsschimmer im Kampf gegen die Krankheit sorgt der Fall des "Sao Paulo-Patienten", der auf der diesjährigen Welt-Aids-Konferenz präsentiert wurde. "Das ist ein HIV-Patient, der innerhalb einer Studie mit normal verfügbaren HIV-Medikamenten sehr intensiv behandelt wurde und zusätzlich noch Vitamin B3 bekommen hat. Nach Absetzen der Medikation hat man kein Virus mehr nachweisen können", erklärt Schulze zur Wiesch und fügt hinzu: "Es ist ein Einzelfall, von einer Heilung würde man erst nach sehr viel gründlicherer Untersuchung und nach sehr viel längerer Zeit sprechen."

Mehr Aids-Tote durch Corona-Pandemie?

Beim "Sao Paulo-Patienten" handelt es sich um den 35-jährigen Ricardo Diaz. In seinem Blut wurden seit über einem Jahr keine HIV-Antikörper mehr nachgewiesen. Warum, ist unklar. Möglicherweise hat das Vitamin B3 ruhende, aber mit HIV infizierte Immunzellen aktiviert und die Viren damit angreifbar gemacht.

Solche im Körper versteckte Viren waren bislang das größte Hindernis auf dem Weg, HIV heilen zu können. Der Erreger ist auch deshalb so schwer zu knacken, weil er eine komplizierte Oberflächenstruktur hat. Und er verändert laufend seine Gestalt. Das Immunsystem hat es schwer, seinen Gegner zu erkennen.

Aus dem gleichen Grund fällt es der Forschung schwer, einen Impfstoff zu entwickeln. Der sei fast 40 Jahre nach Entdeckung des Virus immer noch nicht in Sicht, sagt Julian Schulze zur Wiesch: "Es wird viele weitere Milliarden benötigen. Die HIV-Forschung ist sehr aufwendig und teuer."

Hinzu kommt, dass die Corona-Krise die HIV-Forschung an den Rand drängt. Andere Infektionskrankheiten wie Aids sind durch die Pandemie aus dem Blickfeld geraten. Viele Menschen meiden aus Angst vor einer Corona-Infektion Arztpraxen und Krankenhäuser, zeigt eine Studie des Imperial College London. Die Zahl der Aids-Toten könnte in Afrika in den nächsten fünf Jahren um bis zu zehn Prozent steigen, ist die Befürchtung.

Doch trotz dieser Rückschläge bleibt Julian Schulze zur Wiesch optimistisch: "Ich habe weiterhin die Hoffnung, dass wir innerhalb der nächsten zehn Jahre eine funktionelle Heilung hinbekommen."

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Quelle: ntv.de