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"Eine Art Mini-Jetlag" Zeitumstellung birgt viele Risiken

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Wenn im Frühjahr wieder auf Sommerzeit umgestellt wird, ist Übermüdung ein weit verbreitetes Problem. Auch im Straßenverkehr.

(Foto: imago/Becker&Bredel)

Am Zeiger drehen oder die Zeit auf Knopfdruck zurücklaufen lassen - das ist schnell geschehen. Der Mensch jedoch passt sich nur langsam an. Das hat Folgen, die gefährlich werden können.

Eine Stunde früher aufstehen, früher zur Arbeit gehen, früher essen, am Abend früher zu Bett gehen und früher einschlafen – so beginnt das Frühjahr. Insbesondere kleinen Kindern, älteren Menschen und vor allem Menschen mit Schlafstörungen fällt das schwer. Jedes Jahr wird uns am letzten Wochenende im März durch die Zeitumstellung eine Stunde Schlaf gestohlen, die wir erst im Herbst zurückbekommen. Doch unsere innere Uhr lässt sich nicht so einfach umstellen. Sie schlägt noch eine ganze Weile im alten Takt weiter. Alltagsaufgaben nehmen darauf keine Rücksicht.

Der menschliche Organismus erfährt durch die Zeitumstellung daher eine Art Mini-Jetlag. Bis sich der Biorhythmus an den neuen, von außen aufgezwungenen Hell-Dunkel-Rhythmus anpasst, vergehen bei vielen Menschen zwei bis zehn Tage. Sie reagieren mit Müdigkeit, Antriebsschwäche, Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder gar depressiven Verstimmungen.

Sommerzeit erhöht das Unfallrisiko

Das ist ein ernst zu nehmendes Phänomen. Die Anzahl der Arztbesuche, die Einnahme von Schlafmitteln, die Häufigkeit der Unfälle im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz steigen nach der Zeitumstellung sprunghaft an. Wird die Zeit im Frühjahr um eine Stunde vorgestellt, nimmt das Unfallrisiko am Montag danach um etwa acht Prozent zu. Die Klinik-Einweisungen mit Verdacht auf Herzinfarkt steigen ebenfalls um fast zehn Prozent. Wer zu den sogenannten "Eulen" gehört, den Menschen also, die abends lange wach sind und morgens nur schwer aus den Federn kommen (und das sind immerhin 60 Prozent der Bevölkerung), tut sich jetzt besonders schwer.

Aber nicht nur Menschen haben mit der Zeitumstellung zu kämpfen, auch auf die Tierwelt hat sie Auswirkungen: So klagen Landwirte über Anpassungsschwierigkeiten von Milchkühen. Und wenn sich der Wildwechsel am Morgen und Abend um eine Stunde verschiebt, führt das zu einem erhöhten Risiko im Straßenverkehr.

Ende Oktober wird uns die abgezwackte Stunde Schlaf schließlich wieder zurückgegeben. Da die innere Uhr des Menschen immer etwas langsamer geht als der 24-Stunden-Tag, kommen wir mit dieser Umstellung besser zurecht. Es fällt uns leichter, später ins Bett zu gehen und einzuschlafen, als vor unserer gewohnten Zeit, wie es im Frühjahr der Fall ist.

Ein einziges Argument für die Sommerzeit

Über den Sinn und Zweck der Zeitumstellung wird viel diskutiert. Als man 1980 die Sommerzeit einführte (nicht zum ersten Mal), wollte man sich den westlichen Nachbarländern anpassen. Die setzten nach der Ölkrise von 1973 bereits seit mehreren Jahren auf die Zeitumstellung - aus energiepolitischen Gründen.

Studien zeigen jedoch, dass die Sommerzeit gar nicht zu der gewünschten Energieeinsparung führt. Möglicherweise wird der Energieverbrauch durch vermehrtes morgendliches Heizen im April und Oktober sogar erhöht. Hinzu kommen für viele Menschen die hohe gesundheitliche Belastung und das erhöhte Risiko für Unfälle durch Schlafmangel.

Man sollte die Zeitumstellung abschaffen. Mir würde nur ein einziges Argument einfallen, das gegen die Aufhebung der Sommerzeit spricht: Es fällt schwer, auf lange, helle Sommerabende im Garten bei einem Glas Weißweinschorle zu verzichten.

Dr. Hans-Günter Weeß leitet das Schlafzentrum Pfalzklinikum Klingenmünster und ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Im Schattauer-Verlag erschien 2016 sein Buch: "Die schlaflose Gesellschaft: Wege zu erholsamen Schlaf und mehr Leistungsvermögen".

Quelle: n-tv.de

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