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Die Angeklagten mit ihren Anwälten.
Die Angeklagten mit ihren Anwälten.(Foto: dpa)

Spektakulärer Spionageprozess: Ehepaar belog sogar Tochter

Sie sollen sich als harmlose Familie getarnt und so jahrelang Geheimnisse der EU und der Nato an Russland geliefert haben. Wegen "geheimdienstlicher Agententätigkeit steht ein mutmaßliches Spionage-Ehepaar nun vor Gericht.

Vor dem Oberlandesgericht Stuttgart muss sich ein russisches Ehepaar verantworten, das mehr als 20 Jahre lang für den russischen Auslandsgeheimdienst KGB und dessen Nachfolger SWR spioniert haben soll. Von den beiden Angeklagten sind bislang nur ihre Alias-Namen Andreas und Heidrun Anschlag bekannt. Sie verweigerten zum Prozessauftakt alle Angaben zu ihrer Person und zum Umfang ihres Geheimnisverrats.

Laut der von Bundesanwalt Wolfgang Siegmund verlesenen Anklage kamen die beiden mutmaßlichen Spione 1988 und 1990 als angebliche Österreicher nach Deutschland und gaben damals an, in Südamerika geboren und aufgewachsen zu sein. Nach Angaben ihres Verteidigers Horst-Dieter Pötschke haben sie beide die russische Staatsbürgerschaft.

Nato- und EU-Geheimnisse

Was die Agententätigkeit der beiden Angeklagten anbelangt, konnten laut Bundesanwaltschaft nur die vergangenen drei Jahre aufgeklärt werden. Die Anschlags hatten laut Siegmund "von der SWR-Zentrale den Auftrag, politische und militärische Geheimnisse der Nato und der EU zu beschaffen". "Insbesondere auch geostrategische Erkenntnisse zu dem Verhältnis von Nato und EU zu den Ländern Osteuropas und Zentralasiens".

Von Oktober 2008 bis August 2011 sollen die Agenten den niederländischen Beamten Raymond Valentino Poeteray im dortigen Außenministerium geführt haben. Poeteray habe mehrere hundert Seiten umfassende und teils geheim eingestufte Dokumente aus verschiedenen Botschaften der Niederlande beschafft und dafür insgesamt über 72.000 Euro erhalten. Die Dokumente deponierten die Angeklagten laut Bundesanwaltschaft im Raum Bonn in sogenannten toten Briefkästen, etwa unter markanten Bäumen, wo sie von Mitarbeitern des russischen Generalkonsulats in Bonn abgeholt worden seien.

Heidrun Anschlag sei für die Kommunikation mit dem SWR zuständig gewesen und habe Aufträge aus Moskau über Agentenfunk per Kurzwelle entgegengenommen. Mit ihrer Zentrale kommunizierten die Agenten demnach über Textnachrichten per Satellitentelefon oder über versteckte Botschaften als Kommentare zu YouTube-Videos unter abgesprochen Nutzernamen. Die beiden hätten für ihre Tätigkeit zuletzt ein gemeinsames Jahresgehalt von knapp 100.000 Euro bekommen.

Biedere Fassade

Die Anschlags lebten bis zu ihrer Festnahme im Oktober 2011 ein bürgerliches Leben. Andreas Anschlag studierte Maschinenbau und arbeitete in der Autozulieferindustrie. Heidrun Anschlag war Hausfrau und zog die hier geborene und mittlerweile erwachsene Tochter groß. Medienberichten zufolge wusste die Studentin nichts von den Doppelleben ihrer Eltern.

Die beiden Spione bekamen laut Siegmund "im Sommer 2011 von ihrer Führungsstelle den Befehl, sich wegen drohender Enttarnung aus Deutschland zurückzuziehen". Sie bereiteten dies dann vor, wurden aber im Oktober 2011 verhaftet.

Den Angeklagten drohen bis zu zehn Jahren Haft, falls die Bundesanwaltschaft das Gericht davon überzeugen kann, dass es sich um einen besonders schweren Fall der Spionage handelt. Ihr Verteidiger Pötschke zeigte sich am Rande der Verhandlung zuversichtlich, diesen Vorwurf entkräften zu können: "Die verratenen Dokumente waren allenfalls von mittlerer Qualität", sagte er. Laut Pötschke ist "damit auch kein sogenannter schwerer Schaden für die Bundesrepublik entstanden".

Quelle: n-tv.de

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