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"Christian" zieht ab - und hinterlässt das Chaos : Sieben Tote allein in Deutschland

Der Herbststurm "Christian" zieht mit 170 Kilometern pro Stunde durch den Nordwesten Europas eine Spur der Verwüstung: Allein in Deutschland kommen sieben Menschen ums Leben. An Flughäfen und Bahnhöfen herrscht Chaos. Auch am Dienstag müssen Bahnkunden mit erheblichen Verspätungen und Zugausfällen rechnen.

In diesem Fahrzeug starben zwei Personen. Zwei weitere wurden verletzt.
In diesem Fahrzeug starben zwei Personen. Zwei weitere wurden verletzt.(Foto: dpa)

Der Herbststurm "Christian" hat im gesamten Nordwesten Europas viele Todesfälle verursacht und zu erheblichen Verkehrsbehinderungen geführt. Im nordrhein-westfälischen Gelsenkirchen sind zwei Menschen ums Leben gekommen, als ein Baum auf ihr Auto stürzte. Das gleiche Schicksal ereilte eine Frau in Niedersachsen und einen Mann in Schleswig-Holstein. Ebenfalls in Schleswig-Holstein wurde eine Frau von einer umstürzenden Mauer getötet. In der Nähe von Köln kam ein Mann ums Leben, der mit seinem Segelboot auf dem Liblarer See gekentert war. Im Hochsauerlandkreis ertrank ein Angler.

Endstation Straßengraben heißt es für diesen LKW, der in Thüringen einfach von der Fahrbahn geweht wurde.
Endstation Straßengraben heißt es für diesen LKW, der in Thüringen einfach von der Fahrbahn geweht wurde.(Foto: dpa)

Auf der A2 in Niedersachsen bei Helmstedt ging stundenlang gar nichts mehr - der Verkehr lag komplett lahm. Ein Baum war neben der Straße auf eine Stromleitung gekippt. Daraufhin sperrte die Polizei die Autobahn in beide Richtungen. "Die defekte Stromleitung hätte auf die Autobahn schlagen können", sagte ein Sprecher der Autobahnpolizei. Auch die Autobahn 71 in Thüringen musste zwischen Ilmenau-West und Gräfenroda für mehrere Stunden in beiden Fahrtrichtungen gesperrt werden. Bei starkem Wind hatten sich dort Lastwagen quergestellt. Das gleiche Bild bot sich auf der A38 zwischen Eisleben und Querfurt.

Verspätungen Chaos bei der Bahn und im Flugverkehr

Vor allem in Norddeutschland gab es im Bahnverkehr erhebliche Behinderungen: In Schleswig-Holstein kam ab dem Nachmittag der gesamte Regionalverkehr zum Erliegen. Auf den Strecken Berlin-Hannover und Berlin-Hamburg gab es wegen orkanartiger Windböen Verspätungen und Ausfälle im Regional- und Fernverkehr. Wie viele Züge genau betroffen waren, stand noch nicht fest. Starke Beeinträchtigungen gab es laut der Deutschen Bahn auch in Hamburg sowie in Niedersachsen. In Mecklenburg-Vorpommern wurden die Verbindungen ebenfalls eingeschränkt. Nördlich der Linie Dortmund-Hannover-Berlin sollen kaum noch Züge fahren.

Auch am Dienstag müssen Bahnfahrer in Norddeutschland mit Zugausfällen und Verspätungen rechnen. Im Fernverkehr bleibt die Strecke zwischen Hamburg und Kiel gesperrt, wie eine Sprecherin der Bahn mitteilte. Im Nahverkehr entfallen unter anderem die Züge zwischen Kiel und Flensburg sowie Bremen und Oldenburg. Wann die Züge wieder normal fahren, werde sich im Laufe des Vormittags entscheiden. Die Bahn will Ersatzbusse einsetzen.

Stau auf dem Vorfeld des Hamburger Flughafens.
Stau auf dem Vorfeld des Hamburger Flughafens.(Foto: dpa)

Am Flughafen Düsseldorf fielen mehrere Flüge aus. Auf dem Hamburger Flughafen konnten 1300 Fluggäste in ihren gelandeten Maschinen zunächst nicht aussteigen. Um 14.45 Uhr musste die Abfertigung wetterbedingt eingestellt worden, sagte eine Flughafensprecherin. Zeitweise standen deshalb bis zu 13 Flugzeuge auf dem Vorfeld, zudem wurden mehrere Flüge nach Hamburg gestrichen. 

Für die nordfriesische Küste und das Elbegebiet im Norden gab das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie eine Sturmflutwarnung heraus.

Vielerorts fegten Sturmböen durch Städte wie Frankfurt am Main oder Bremen, wo das Volksfest Freimarkt geschlossen wurde. In Hamburg wurden an vielen Gebäuden Dachziegel abgedeckt, Baugerüste fielen um. In Göttingen stürzten Teile der Fassade der Universität ein.

Der Deutsche Wetterdienst hatte vor allem in Schleswig-Holstein, Bremen, Teile Niedersachsens und einige Regionen in Nordrhein-Westfalens "extreme Windgeschwindigkeiten gemessen", erklärte n-tv Meteorologe Björn Alexander. Betroffen waren der Niederrhein, das Münster- und Emsland und Ostfriesland und die nordfriesischen Inseln. Auf Sylt, Amrum und Nordfriesland galt die höchste Unwetterwarnstufe violett.

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Auf der Hallig Hooge südlich von Sylt blies der Sturm mit 148 Kilometern pro Stunde, auf Spiekeroog waren es 158. Auf dem Brocken wurden Böen von bis zu 162 Kilometern pro Stunden gemessen. Spitzenreiter bei den Sturmgeschwindigkeiten war aber St. Peter-Ording in Schleswig-Holstein mit 173 Stundenkilometern. Das ARD-Wetterstudio will auf seinen Stationen auf Borkum und Helgoland sogar 191 Stundenkilometer gemessen haben. Das wäre Rekord bei Windgeschwindigkeiten für Norddeutschland. "Das Schlimmste ist jetzt aber vorbei, der Sturm zieht schnell ab", so Alexander.

Am Abend und in der Nacht lässt der Wind rasch nach. Er bewegt sich mit rund 100 Kilometern pro Stunde Richtung Skandinavien. Im Laufe der Woche soll der Wind dann bundesweit abflauen. Lediglich an der See muss noch mindestens bis zum Mittwoch mit stürmischen Böen gerechnet werden.

Auch Großbritannien schwer getroffen

In der Innenstadt von Amsterdam wurde eine Frau an einer Gracht von einem umstürzenden Baum getroffen, wie die Polizei mitteilte. Zwei Menschen in einem Auto seien zudem schwer verletzt worden, nachdem ein Baum auf sie gefallen war. In Amsterdam riefen die Behörden zwischenzeitlich die Bürger auf, in ihren Wohnungen zu bleiben. Am Amsterdamer Hauptbahnhof wurde der Zugverkehr eingestellt, wie die niederländische Bahngesellschaft NS mitteilte. Auch zum Flughafen Schiphol fuhren keine Züge, zahlreiche Flüge wurden gestrichen oder hatten Verspätung.

Schlingerkurs beim Landeanflug auf Schiphol.
Schlingerkurs beim Landeanflug auf Schiphol.(Foto: dpa)

Schwer getroffen hat "Christian" auch Großbritannien, wo mindestens vier Menschen von umstürzenden Bäumen erschlagen wurden. In Hever im Südosten Englands kam nach Polizeiangaben ein 17-jähriges Mädchen ums Leben, als ein Baum auf ihren Wohnwagen stürzte. In Watford nördlich von London wurde ein Mann in seinem Auto ebenfalls von einem umstürzenden Baum erschlagen. In London wurden ein Mann und eine Frau durch eine Gasexplosion in einem Haus getötet, nachdem ein umgefallener Baum Schaden angerichtet hatte. An der Küste in Sussex wurde wegen des Unwetters die Suche nach einem 14-jährigen Jungen eingestellt, der am Sonntag von den Wellen ins Meer gerissen worden war.

Der Wind fegte nach Angaben des Wetterdienstes mit Geschwindigkeiten von bis zu 130 Kilometern je Stunde über große Teile Großbritanniens. Auf der Isle of Wight wurden sogar Sturmböen von fast 160 Stundenkilometern gemessen. Stundenlanger heftiger Regen sorgte zudem vielerorts für Überschwemmungen. Zwischen London und dem Süden und Westen Englands fuhren am Morgen keine Züge, am Flughafen London-Heathrow wurden 130 Flüge gestrichen. Von den Häfen in Dover und Calais in Frankreich legten mehrere Stunden lang keine Fähren mehr ab.

Zwei Fähren mit über 450 Menschen an Bord hingen über zwei Stunden lang vor der englischen Küste fest, nachdem der Hafen von Dover geschlossen worden war. Auch beim Schnellzug Eurostar, der unter dem Ärmelkanal verkehrt, gab es Verspätungen.

Der Kran war in der Downing Street in eine Gebäude gekracht.
Der Kran war in der Downing Street in eine Gebäude gekracht.(Foto: imago stock&people)

Hunderte Bäume und Stromleitungen wurden umgerissen, zwischenzeitlich waren in Großbritannien rund 270.000 Haushalte ohne Strom. Das Atomkraftwerk Dungeness B wurde vorsorglich abgeschaltet. In London krachte ein Kran auf ein Regierungsgebäude, nach Polizeiangaben gab es jedoch keine Verletzten. In Hounslow im Westen von London beschädigte ein umgestürzter Baum eine Gasleitung. Nach Angaben der Feuerwehr stürzten drei Häuser ein, zwei weitere wurden beschädigt.

Tote auch in Frankreich und Dänemark

Auch im Nordwesten Frankreichs wütete das Orkantief "Christian". Auf der Insel Belle-Île in der Bretagne wurde eine Frau von den Wellen ins Meer gerissen und ertrank. Am Cap Gris-Nez am Ärmelkanal wurden Windgeschwindigkeiten von bis 147 Stundenkilometern gemessen. 65.000 Haushalte waren am Morgen ohne Strom.

Auf der dänischen Insel Seeland wurde ein Mann von herabfallenden Dachziegeln erschlagen. In Süderjütland wurde eine Frau schwer verletzt, als über ihr ein Dach einstürzte. Wegen des Sturms musste die Öresund-Brücke zwischen Schweden und Dänemark zeitweise gesperrt werden. Im Großraum Kopenhagen beeinträchtigten umgestürzte Bäume den regionalen Zugverkehr. Die dänische Polizei forderte alle Einwohner auf, in ihren Häusern zu bleiben. In der Nacht zu Dienstag wurde der Sturm in weiteren Teilen Dänemarks und Schwedens sowie auf dem Baltikum erwartet.

Trotz der hohen Windgeschwindigkeiten ist "Christian" nur ein normaler Herbstorkan, der sich nicht in die Reihe der großen Stürme des letzten Jahrhunderts einreihen wird. Sturmtiefs wie "Lothar", "Kyrill" und "Emma" hatten da schon ein wesentlich höheres Schadenspotenzial.

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Quelle: n-tv.de

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