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Guido Westerwelle prägte die FDP und die deutsche Politik Jahrzehnte lang.
Guido Westerwelle prägte die FDP und die deutsche Politik Jahrzehnte lang.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Nachruf auf Guido Westerwelle: Mister "Jetzt erst recht!"

Von Issio Ehrich

Der frühere Außenminister und FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle ist im Alter von 54 Jahren gestorben. Erinnerungen an einen Mann, der es allen gezeigt hat.

Der Satz fällt auf dem Landesparteitag der FDP in Siegen. Es ist Frühjahr 2010, und wieder einmal arbeiteten sich die Opposition und Teile der deutschen Öffentlichkeit an Guido Westerwelle ab. Da ist schließlich diese Sache mit der "spätrömischen Dekadenz", die Auslandsreise mit seinem Lebensgefährten, der viele ein Geschmäckle nachsagen. Und da sind die Zweifel an seinen Englischkenntnissen. Außenminister Westerwelle feuert seinen Kritikern entgegen: "Ihr kauft mir den Schneid nicht ab!" Ein Satz, der in Erinnerung bleibt. Denn es ist ein Satz, in dem so vieles zusammenkommt, was den Bundesvorsitzenden der FDP ausmachte.

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54 Jahre alt ist Guido Westerwelle geworden. Rund 30 Jahre davon hat er die deutsche Politik geprägt. Er hat in dieser Zeit viele Wandlungen durchlebt. Doch dabei gab es immer eine Konstante: Seine Jetzt-erst-recht-Mentalität. Sie ist es, die ihn nicht nur zu einem ausgesprochen erfolgreichen, sondern vor allem zu einem markanten Politiker gemacht hat.

Diese Jetzt-erst-recht-Mentalität zeichnet sich schon sehr früh in Westerwelles Leben ab. Der Sohn eines Notars und einer Richterin, der nach der Scheidung seiner Eltern eine schwierige Kindheit hat, scheitert bei seinem ersten Versuch des Abiturs. Als ehemaliger Realschüler hat er es beim zweiten Versuch schwer, Anerkennung unter Gymnasiasten und Gymnasiallehrern zu finden. Aber er kämpft. Er kandidiert für nahezu alle Posten, die sich ihm bieten. Chefredakteur der Schülerzeitung, Stufensprecher. Und obendrauf setzt er den Leistungskurs Latein. Das ist ein Statement: Jetzt erst recht. Und wie so oft bei Westerwelle bleibt es nicht bei der Geste. Er schafft nicht nur das Abitur, er entwickelt sich auch zu einem der stärksten und vor allem schärfsten Rhetoriker des Bundestages.

Keineswegs ein Schluckauf des Größenwahns

Keine Episode in Westerwelles Leben macht seinen unbändigen Durchsetzungswillen so deutlich wie seine "Strategie 18": Im Bundestagswahlkampf 2002 verkündet Westerwelle, dass er mit der FDP mindestens 18 Prozent holen will. Westerwelle lässt sich diese Zahl gar in die Schuhsohle gravieren und geht mit dem Guido-Mobil auf Wählerfang. Am Ende werden es nur 7,4 Prozent. Und der Spott kennt keine Grenzen. Doch statt zu resignieren, sich in Schmach zurückzuziehen, macht Westerwelle weiter. Er schwört vom Spaßpartei-Image der FDP dieser Tage ab und schlägt einen harten neoliberalen Kurs ein. Bei der Bundestagswahl 2009 holt er dann fast jene 18 Prozent, die seine Kritiker nur als Schluckauf des Größenwahns abgetan hatten. Schon 2002 hätte er ihnen entgegenrufen können: "Ihr kauft mir den Schneid nicht ab." Denn das ist das historisch beste Ergebnis der FDP. Und Westerwelle wird Außenminister.

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Nach seinem Auftritt auf dem Parteitag in Siegen, als ihm die Öffentlichkeit indirekt vorwarf, für das Amt nicht zu taugen, setzt langsam die wohl größte Wandlung in Westerwelles politischem Leben ein. Befeuert wohl auch dadurch, dass junge Liberale ihn in der großen Krise der FDP aus der Parteispitze putschen. Getreu dem Motto: Ohne ihn geht es besser. Auch in dieser Wandlung allerdings, schimmert jene Jetzt-erst-recht-Mentalität durch.

Westerwelle konzentriert sich auf seinen Posten als Außenminister. Er wirkt im Amt immer seltener kämpferisch. Er bereut öffentlich seine Äußerungen über Hartz-IV-Empfänger. Auch die Geschichte mit den Auslandsreisen und seinem Lebensgefährten ist dann schnell vergessen. Es setzt sich ein anderer Eindruck durch: Dass Westerwelle seinen Lebensgefährten nicht wegen Geschäften mit auf seine Reisen genommen hat, sondern weil es ihm darum ging, ein politisches Signal zu senden - als erster offen schwuler Außenminister eines europäischen Staates. Und seine Englischkenntnisse? Mit jedem Tag im Amt verfeinert er sie. Am Ende seiner Zeit als Außenminister spricht er gern und oft in einem geradezu geschliffenen Ton.

Ohne Westerwelle geht's der FDP kaum besser

Westerwelles Kritiker werfen dem einst als zu schrill Gescholtenen jetzt gar vor, zu zurückhaltend aufzutreten. Westerwelle durch und durch Diplomat? Das können sie kaum glauben. Spätestens als er dann als Privatmann die Westerwelle-Foundation gründet, in der er die Inhalte seiner Amtszeit aufgreift, macht er aber klar, dass er nicht mehr Mister Guido-Mobil ist. Und in der FDP müssen alle einsehen: Ohne ihn läuft es keinen Deut besser.

Am Ende seiner aktiven Amtszeit  gilt Westerwelle in der Bevölkerung als einer der beliebtesten Politiker Deutschlands. Wer hätte das gedacht? Wie auch immer man Guido Westerwelles politisches Wirken bewertet: In gewisser Weise hat er es allen gezeigt.

Quelle: n-tv.de

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