Wirtschaft
Genug von lauten Nachbarn? In dieser Wohnanlage nahe Madrid stören keine Mitmieter.
Genug von lauten Nachbarn? In dieser Wohnanlage nahe Madrid stören keine Mitmieter.(Foto: REUTERS)

Schulden, Schulden, Häusle bauen: Betongold bedroht Spanien

von Nikolas Neuhaus

Die Angst um Spanien ist wieder da. Die Achillesferse ist dabei der Bankensektor des Landes, der unter den Folgen einer riesigen Immobilienblase ächzt. Dem einstigen Musterland der Eurozone drohen die Trümmer der Häuserblase auf die Füße fallen. Dabei kämpft das Land schon jetzt gegen die Rezession und ausufernde Schulden.

Nun ist es amtlich: Spaniens Wirtschaft fällt zurück in die Rezession, die Wirtschaft schrumpft auch im ersten Quartal. Das einstige Wirtschaftswunderland der Eurozone mit kräftigen Wachstumsraten und geringen Staatsdefiziten zappelt nun fest im Würgegriff der Krise. Wie konnte das passieren?

Wie auch in anderen Euro-Sorgenstaaten führen die Probleme Spaniens früher oder später zu den Banken. Und doch ist die Situation anders.

Die spanischen Geldhäuser zeigten sich in der Finanzkrise stabiler als die Konkurrenten aus dem Rest der Eurozone. Dank strengerer Kapitalauflagen hatten sie sich nicht am großen Casinospiel mit immer wieder neu verpackten Hypothekenforderungen aus den USA beteiligt, deren Werthaltigkeit am Ende niemand mehr durchschaute. Hohe Abschreibungen auf toxische Papiere? In Madrid Fehlanzeige. Während beispielsweise in Deutschland Skandalbanken wie die IKB oder Hypo Real Estate mit immer neuen Milliarden vom Staat vor dem Zusammenbruch bewahrt werden mussten und damit die Staatsverschuldung kräftig nach oben trieb, konnten die Iberer gelassen zuschauen.

Viel Platz zum Wirtschaften.
Viel Platz zum Wirtschaften.(Foto: REUTERS)

Doch die Ruhe trügte. Denn statt in den fernen USA schufen spanische Finanzhäuser zur selben Zeit eine große Immobilienblase vor der eigenen Tür. Mit der weltweiten Finanzkrise platzte auch diese Blase und beschert seitdem den spanischen Finanzhäusern viel Wirbel – eine Lösung lässt weiter auf sich warten. Aber der Reihe nach:

Mit der Einführung des Euro fielen in allen südlichen Eurostaaten die Kreditzinsen deutlich, in Spanien im Jahr der Umstellung der Bücher um rund 40 Prozent. Das lockte Bürger und Unternehmen in Scharen zu den Kreditinstituten, die sich dort billig Geld leihen konnten, um damit Immobilien zu finanzieren. Dankbare Quelle für Liquidität waren dabei gerade auch Anleger aus Deutschland, die mit ihrem Kapital den Boom mitfinanziert haben.

Der Bauwirtschaft Spaniens gab die plötzliche Nachfrage einen gewaltigen Schub, was auch den privaten Konsum anfeuerte. Das spanische Euro-Wirtschaftswunder war geboren.

Während das Wachstum in vielen großen Industriestaaten nach dem Platzen der New-Economy-Blase in den Keller rauschte, blieben die Zuwächse in Spanien üppig. 2003 und 2004, als die deutsche Wirtschaft schrumpfte, wuchs die spanische Wirtschaft um 2,7 bzw. 3,1 Prozent. In der Spitze wurde fast jeder fünfte Euro der spanischen Wirtschaftsleistung im Immobiliensektor verdient.

Lieber leer

Dabei trieb der Boom skurrile Blüten. Obwohl die Zahl der Haushalte in Spanien in den Jahren nach der Euroeinführung lediglich um 2,5 Mio. stieg, schufen Investoren laut McKinsey in der selben Zeit rund 5 Mio. neue Häuser. Ganze Geisterstädtchen zogen Investoren hoch.

Großer Leerstand war dabei kein Makel, er war gewollt: In der heißen Phase mit starken Wertsteigerungen waren unbewohnte Immobilien besonders gefragt, weil in Spanien Mieter nur sehr schwer zu kündigen sind und sich leere Wohnungen deshalb besser verkaufen ließen. Doch damit nicht genug: Um bei Preissteigerungen schnell Kasse machen zu können, wurden Wohnungen bewusst nicht vermietet, obwohl es Interessenten gab. Weil Mieter so nur schwer eine Bleibe fanden, signalisierte das dem Markt, dass das Angebot noch zu gering ist und mehr Wohnraum geschaffen werden muss – und der Bauwahnsinn ging in eine neue Runde.

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Finanziert wurde der Immobilienboom auf Pump. Zwischen 2000 und 2008 stieg die Verschuldung der privaten Haushalte von 50 auf 90 Prozent. Mitte 2011 stieg die Gesamtverschuldung des Landes, also die von Haushalten, Unternehmen, Finanzhäusern und Regierung gemeinsam, nach Berechnungen von McKinsey jüngst auf 363 Prozent der Wirtschaftsleistung. Damit belegt Spanien in der Eurozone nach Irland einen Spitzenplatz.

Solange die Häuserpreise kletterten, funktionierte das Spiel. Nicht selten besaßen Spanier zwei oder drei Immobilien. Doch 2007 erreichte das Preiswunder seinen Höhepunkt. Binnen zehn Jahren hatten sich die Preise mehr als verdoppelt. Dann jedoch kippte der Markt, die Häuserpreise rutschten seitdem um mehr als 20 Prozent ab. Spaniens Wirtschaft, die so essenziell vom Immobiliensektor lebt, traf das tief ins Mark. Über eine Million Arbeitsplätze gingen allein in der Bauwirtschaft verloren, davon hat sich der Arbeitsmarkt bis heute nicht erholt. Jeder vierte Spanier hat keine Beschäftigung, die Jugendarbeitslosigkeit liegt sogar bei über 50 Prozent.

Abgeschrieben

Steigende Massenarbeitslosigkeit bei hoher privater Verschuldung versetzt seitdem die Banken in Angst und Schrecken, denn wer keine Arbeit hat, kann die Zinsen seiner Kredite nicht bezahlen. Das zeigt sich bereits drastisch: Im Februar wurden nach Angaben von Spaniens Zentralbank 8,16 Prozent aller Kredite nicht bedient. Das Ende der Fahnenstange ist damit noch nicht erreicht. Insgesamt sitzen Spaniens Banken auf faulen Krediten in dreistelliger Milliardenhöhe.

Werden die Immobilienkredite nicht mehr bedient, dienen die Häuser selbst als Sicherheit und werden verkauft. Das aber senkt wiederum die Preise am Immobilienmarkt und beschleunigt die Abwärtsspirale weiter. Sinkende Immobilienpreise zwingen die Banken zu weiteren Abschreibungen, selbst auf bislang gesunde Kredite.

Für die spanische Bankenbranche werden die Häuser mit zweifelhafter Bewertung deshalb zur Schicksalsfrage. Sie lasten wie Blei auf den Bilanzen. Nach langem Zögern erwägt die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy deshalb, eine Art "Bad Bank" für Immobilien zu gründen. Hier können die spanischen Banken Immobilienbeteiligungen abladen, um ihrer Kernaufgabe nachzukommen, die darbende Wirtschaft des Landes mit Geld zu versorgen.

Spätestens hier schließt sich wieder der Kreis zu den Schrottpapieren der Finanzkrise, die in gleicher Manier aus den Bilanzen der Banken verschwunden sind. Und in beiden Fällen gilt: Das Risiko, am Ende auf Schulden sitzen zu bleiben, trägt der Staat und mit ihm der Steuerzahler.

Quelle: n-tv.de

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