Wirtschaft
Soll der Flughafen Tegel in Betrieb bleiben? Schon bald werden die Berliner darüber entscheiden.
Soll der Flughafen Tegel in Betrieb bleiben? Schon bald werden die Berliner darüber entscheiden.(Foto: picture alliance / Paul Zinken/d)

Rettung für den BER?: Was für und was gegen Tegel spricht

Von Hannes Vogel

Nach dem erfolgreichen Volksbegehren werden die Berliner bald über den Weiterbetrieb des Flughafens Tegel abstimmen. Von der Zukunft des City-Airports hängt auch das Schicksal des Pannen-Flughafens BER ab.

Nach dem erfolgreichen Volksbegehren werden die Berliner in den nächsten Monaten wohl in einem Volksentscheid über die Weiternutzung des Flughafens Tegel entscheiden. Da die rot-rot-grüne Regierung im Abgeordnetenhaus die Initiative kaum annehmen dürfte, wird sie wohl bald den Wählern vorgelegt. Fast 60 Prozent der Berliner wollen laut einer repräsentativen Umfrage des "Tagesspiegel" inzwischen, dass Tegel weiter offen bleibt. Dies sind die wichtigsten Argumente für und gegen den Weiterbetrieb:

Pro: Der BER ist zu klein

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Fakt ist: Die Hauptstadt braucht einen neuen, größeren Flughafen. Der Berlin-Tourismus boomt und die alten Berliner Flughäfen Schönefeld und Tegel können das steigende Passagieraufkommen der Hauptstadt allein nicht länger bewältigen. Laut "Tagesspiegel" rechnet die Flughafengesellschaft bis 2025 mit 43 Millionen Passagieren jährlich. Schon 2016 fertigten Berlins Airports 33 Millionen Reisende ab.

Ein Ausbau von Tegel allein reicht nicht, um diesen Ansturm zu bewältigen. Auf dem Gelände ist nicht genug Platz, um Landebahnen für Großflugzeuge zu bauen, auf denen parallel gelandet und gestartet werden kann. Aber es würde helfen.

Denn durch die jahrelangen Verzögerungen wird auch der neue Flughafen BER zu klein sein, wenn er dann 2018 oder später endlich öffnen sollte. Während der Pannenserie sind die Verkehrszahlen weiter angestiegen. Bereits jetzt wird der BER deshalb längst erweitert auf eine Kapazität von 39 Millionen Passagieren. Auch das ist mittelfristig aber zu wenig. Eine Lösung wäre also, das Passagieraufkommen zu verteilen und den Flugbetrieb in Tegel zusätzlich aufrecht zu erhalten.

Pro: Tegel liegt zentraler

Ein weiteres Argument für Tegel ist seine Lage: Der 1974 eröffnete Flughafen liegt zentraler als der Pannen-Airport am Stadtrand in Schönefeld. Gerade für Geschäftsreisende ist er deshalb viel schneller und bequemer erreichbar. Viele Hauptstädte würden wie Berlin parallel Flughäfen im Innenstadtbereich und am Stadtrand betreiben, argumentieren die Tegel-Fans.

In Washington machen sich der zentrale Reagan-Airport und der Dulles-Flughafen im Westen der Stadt Konkurrenz, in Paris die Flughäfen Charles-de-Gaulle im Norden und Orly im Süden. In Moskau und New York gibt es jeweils drei Airports, im Großraum London sogar sechs.

Der BER wurde zwar als einziges Drehkreuz für alle Flüge nach Berlin geplant. Aber diese Entscheidung fiel vor fast 20 Jahren. Insofern spricht nichts dagegen, den einst als "Single-Airport" gedachten BER mit einem zweiten Flughafen für Inlandsflüge oder EU-Strecken in Tegel zu ergänzen, nachdem sich die Verkehrsprognosen erhöht haben.

Kontra: Bleibt Tegel, kann der BER nicht öffnen

Die BER-Unterstützer pochen aus juristischen Gründen auf die Schließung von Tegel: Der neue Großflughafen am Stadtrand könne nicht öffnen, solange der alte Kleinflughafen in der Stadtmitte in Betrieb bleibt, sagen sie. Sie verweisen auf den Planfeststellungsbeschluss, mit dem die Behörden 2004 den Bau genehmigten.

Darin wird der Neubau des BER durch den wachsenden Verkehrsbedarf und die Schließung der innerstädtischen Flughäfen Tegel und Tempelhof gerechtfertigt. Zudem haben sich Brandenburg und Berlin im gemeinsamen Landesentwicklungsprogramm geeinigt, den Luftverkehrsanschluss der Region "möglichst auf einen Flughafen" zu konzentrieren.

Die Tegel-Anhänger halten diese juristischen Argumente jedoch für vorgeschoben: Schließlich könne man sowohl den Planungsbeschluss als auch den Staatsvertrag mit dem nötigen politischen Willen ändern. Auch der wissenschaftliche Dienst des Bundestags und des Berliner Abgeordnetenhauses sehen das so. Sie haben in Gutachten bestätigt, dass der Weiterbetrieb Tegels dem Planfeststellungsbeschluss nicht entgegensteht. Aussagen zur Schließung Tegels fänden sich dort nur in der Begründung, die sei jedoch nicht bindend. Um Tegel offen zu halten, müssten Berlin und Brandenburg einfach ihren Landesentwicklungsplan ändern sowie den Widerruf der Betriebsgenehmigung zurücknehmen.

Das würde allerdings die bisherigen Pläne für die Weiternutzung durcheinanderwirbeln. Denn auf dem bisherigen Flughafengelände sollen Wohnungen, Gewerbegebiete und ein Industriepark entstehen - Flächen, die die wachsende Stadt dringend braucht, sagt der rot-rot-grüne Senat.

Kontra: Tegel belastet Berlin mehr als BER

Das Hauptargument gegen den Weiterbetrieb in Tegel ist und bleibt allerdings die Lärmbelastung: Sie soll mit dem BER aus der Innenstadt an den Rand Berlins verlagert werden. Auch dort fühlen sich die Anwohner natürlich vom Flugbetrieb gestört, aber es sind eben weit weniger als im viel dichter besiedelten City-Bereich.

Am BER in Schönefeld müssen die Jets zudem nicht mehr über die Innenstadt fliegen wie in Tegel - das reduziert das Sicherheitsrisiko bei Abstürzen. Mit dem BER verlagert sich der Zubringerverkehr von der Innenstadt an den Stadtrand. Und Umsteiger müssten nicht länger durch die ganze Stadt nach Schönefeld fahren, wenn Tegel schließen würde.

Das Volksbegehren hat allerdings gezeigt, dass diese Argumente für die Anwohner zunehmend weniger zählen: Gerade in den vom Fluglärm betroffenen West-Gebieten haben viele für die Initiative gestimmt, Tegel offenzuhalten. Ohne das Debakel beim Bau des BER ist das nur schwer zu erklären: Der kommende Volksentscheid ist die Quittung für das jahrelange Planungsdesaster. Wäre der Hauptstadtflughafen rechtzeitig eröffnet worden, würde heute niemand mehr über den Weiterbetrieb von Tegel reden.

Quelle: n-tv.de

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