"Idealer Antrieb für Luxusautos"Fünf elektrische Exoten - oberklassige Erlebnisse auf der Überholspur

Während sich die Elektromobilität so langsam in der Masse breit macht, ist es mit Klasse noch nicht weit her. Zumindest nicht mit Ober-Klasse. Und auch Supersportwagen unter Strom sind rar. Aber egal, ob edel oder eilig - ein paar Elektroautos für die Elite gibt es bereits. Fünf Beispiele.
Die Elite pfeift offenbar auf den Zeitgeist. Denn während sich "das gemeine Volk" so langsam anfreunden mit der Elektromobilität, fremdelt die feine Gesellschaft mit dem Umweg über die Ladesäule. Denn hohe Wertverluste wiegen in der Liga der hoch sechsstelligen Preise deutlich mehr als bei einem Kleinwagen. Während es in einer Familienkutsche vor allem ums Ankommen geht, wird das Fahren im Sportwagen zum Selbstzweck, der beim Elektroantrieb bisweilen unter einem Mangel an Emotionen leidet. Und für viele Sehr-viel-Besserverdiener ist es außerdem ein Statement von Unabhängigkeit und Eigensinn, dass sie nicht dem Zeitgeist folgen müssen und deshalb bewusst gegen den Trend zur E-Mobilität kaufen.
Auf der anderen Seite bietet der E-Antrieb gerade bei Supersportwagen und Luxuslinern technisch entscheidende Vorteile: Kein anderer Motor entfaltet seine Kraft so explosiv und lässt sich zudem so feinfühlig und flott regeln wie eine E-Maschine, so dass Batterie-Boliden jeden Benziner in Grund und Boden fahren. Und weil der E-Motor zugleich flüsterleise ist sowie die Kraft nahtlos und ohne Schaltunterbrechungen serviert, ermöglicht er einen fast magischen Komfort. In eine entsprechend ausgestattete Luxuslimousine gebettet, wird Fahren so zum Beamen und ehe man sich versieht, hat einen die flüsterleise Technik ans Ziel teleportiert.
Auch wenn der Markt sehr viel langsamer wächst als in den bürgerlichen Segmenten, machen sich diese Eigenschaften durchaus bereits ein paar Hersteller zunutze und bieten der Generation E damit oberklassige Erlebnisse auf der Überholspur und vor dem Grand Hotel. Fünf Beispiele.
Rolls-Royce Spectre
"Elektromotoren sind der ideale Antrieb für ein Luxusauto." Die Erkenntnis stammt von Charles Stewart Rolls und ist schon ein bisschen älter. Viel älter sogar. Denn es war im Jahr 1900, als der Brite, der vier Jahre später mit Henry Royce zusammen eine Autofirma gründen sollte, zum ersten Mal vom absolut geräuschlosen und sauberen Antrieb ohne Gerüche und Vibrationen schwärmte und nur die Ladeinfrastruktur noch als Hindernis für dessen Siegeszug ausmachte.
120 Jahre später sind die Hindernisse überwunden und die britische BMW-Tochter hat mit dem Spectre das Versprechen ihres Gründers eingelöst: Das Coupé mit den gegenläufig angeschlagenen Türen misst stolze 5,50 Meter und fährt mit einem Akku von 102 kWh, der eine Reichweite von 500 Kilometern ermöglicht und mit bis zu 195 kW nachgeladen werden kann, teilt der Hersteller mit. Statt des bislang üblichen V12-Motors übernehmen den Antrieb dann zwei E-Maschinen mit zusammen 584 PS und 900 Nm, die beim Jetset für Fracksausen sorgen. Denn von 0 auf 100 km/h beschleunigt der immerhin 2,9 Tonnen schwere Viersitzer in 4,5 Sekunden und ihr Ende findet die Beschleunigung erst bei 250 km/h.
Nicht minder imposant ist aber der Preis: Er beträgt mit rund 400.000 Euro etwa das Doppelte des BMW i7, mit dem er sich die Technik teilt.
Ferrari Luce
Während Lamborghini gerade seinem elektrischen Erstling Lanzador den Stecker gezogen hat, zieht Ferrari durch und bringt in diesem Sommer den Luce ("Licht") an den Start. Den ersten Erlkönig-Fotos nach ein SUV im Stil des Purosangue, soll der Viersitzer auf einer neuen Plattform mit 120-kWh-Akku eine Reichweite von etwa 500 Kilometern ermöglichen und mit über 1.000 PS locken.
Doch befürchtet auch Ferrari, dass der Funke mit solchen Fahrleistungen alleine nicht überspringen könnte, und hat sich deshalb prominente Unterstützung geholt. Keinen Geringeren als Jony Ive, den Vater von iPhone und iMac, haben die Italiener als Designer für das Interieur verpflichtet, der den zukunftsweisenden Antrieb mit einem fast schon rückwärtsgewandten Cockpit kontert. Ausgerechnet der Mann, der das Telefon seiner Tasten beraubt hat, bringt hier im großen Stil Hebel und Schalter zurück - und schafft damit womöglich genau jenen Reiz, den es braucht, um die Ladehemmung in der Luxusliga zu überwinden.
Rimac Nevera
Den Titel als stärkster und schnellster Supersportwagen der Welt hat der Rimac Nevera zwar mittlerweile an die Chinesen verloren. Doch die Elite aus dem Benzinzeitalter lässt der Tiefflieger aus Kroatien noch immer weit hinter sich. Schließlich leisten seine vier E-Motoren in der noch einmal nachgeschärften R-Version irrwitzige 2.107 PS, beschleunigen in 1,66 Sekunden auf Tempo 100 und erreichen über 430 km/h.
Doch auch der Spitzentrumpf im europäischen Autoquartett macht kaum einen Stich und Firmenchef Mate Rimac muss sich immer wieder wilde PR-Stunts einfallen lassen und neue Versionen nachlegen, um den Wagen in den Schlagzeilen zu halten und die insgesamt mal avisierten 150 Exemplare doch noch irgendwie loszuwerden. Jüngstes Beispiel ist die Founders Edition, die auf dem Nevera R aufsetzt und auf zehn Exemplare limitiert ist.
Mercedes-AMG GT 4-Türer EV
Wenn in Affalterbach von Elektrifizierung die Rede ist, dann geht es nicht um Vernunft, sondern um Verdichtung. Mehr Leistung, mehr Präzision, mehr Anspruch. Im Mai lüften die schnellen Schwaben den Schleier über dem elektrischen GT 4-Türer - und der soll kein leiser Nachklapp auf die Verbrenner-Ära sein, sondern ein Paukenschlag. Orientierung bietet das Concept GT XX: flach wie ein Supersportler, breit wie ein Versprechen und mit einer Lichtsignatur, die selbst im Rückspiegel Respekt einfordert.
Technisch markiert der Viertürer den nächsten Schritt der Performance-Strategie. Statt adaptierter Großserientechnik setzt AMG auf eine eigenständige Architektur mit Hochleistungs-Batterie und Axialfluss-Motoren. Sie sind leichter, drehfreudiger und leistungsdichter als konventionelle E-Motoren - ideale Voraussetzungen für ein Auto, das trotz Luxus-Ambiente den Puls hochtreibt. Und ihn auch an der Ladesäule nicht runterkommen lässt. Denn als erstes Auto aus Deutschland zieht der AMG GT den Strom mit bis zu einem Megawatt.
Jenseits der reinen Zahlen geht es um Haltung. Der elektrische GT 4-Türer soll beweisen, dass Emotion kein Nebenprodukt von Hubraum ist. Also bekommt der Stromer eine eigens komponierte Akustik, eine spürbare Gasannahme, die mit Millisekunden jongliert, und ein Fahrwerk, das den Spagat zwischen Rennstrecke und Riviera beherrscht. All das adressiert ein Problem, das schwerer zu knacken ist als die Physik: die Psyche. Denn mit dem GT muss AMG all jene überzeugen, die glauben, dass sich Leidenschaft nicht laden lässt.
Maextro S800
Lange galten chinesische Luxuslimousinen als ehrgeizige Kopien westlicher Vorbilder. Doch mit dem Maextro S800 kippt das Narrativ. Denn der Luxusliner will S-Klasse & Co nicht kopieren, sondern düpieren. Schon die Proportionen machen klar, wohin die Reise geht: über fünf Meter Länge, ein Innenraum wie ein Ballsaal und eine Front, die weniger lächelt als repräsentiert. Im Fond warten Loungeliegen vor einer Kinoleinwand und gegen die Connectivity mutet die deutsche Oberklasse noch nach Festnetz-Telefon an. Kein Wunder, schließlich steckt hinter dem Projekt des Herstellers JAC kein Geringerer als Elektronik-Gigant Huawei.
Technisch setzt der S800 auf elektrischen Vortrieb mit üppiger Leistung und einer Batterie, die Reichweiten ermöglicht, bei denen selbst Chauffeure entspannt bleiben. Und wenn's doch knapp wird, gibt's auch einen Range Extender. Luftfederung und Hinterachslenkung sorgen dafür, dass die Limousine trotz XXL-Format handlich wirkt, während ein Arsenal an Assistenzsystemen die Fahrt zur Delegation macht: Das Auto denkt mit, liest die Straße, scannt den Verkehr und gleitet nahezu lautlos durch die Metropolen.
Dass der Maextro S800 daheim in China im Dezember mehr Käufer fand als S-Klasse, 7er, Panamera und Audi A8 zusammen, ist mehr als eine Momentaufnahme. Es ist ein Signal. Chinas Kundschaft - lange hungrig nach europäischen Prestigeobjekten - vertraut inzwischen den eigenen Marken. Und sie bekommt dafür nicht nur Status, sondern Substanz.
Der S800 zeigt, dass Luxus im Elektrozeitalter neu definiert wird: weniger Tradition, mehr Technologie, weniger Emblem, mehr Erlebnis. Damit verschiebt sich das Machtgefüge im Oberhaus. Während europäische Hersteller noch um die richtige Balance zwischen Historie und Hochvolt ringen, findet der Maextro bereits Anschluss bei der Generation E.