Einer für fast allesKia EV4 - starker Allrounder mit eigenwilligem Design

Der Kia EV4 ist ein Elektroauto ohne große Schwächen. Die Wahl von Batterie und Ausstattung will trotzdem gut überlegt sein.
Kompakte Elektroautos sind längst keine reinen Stadtfahrzeuge mehr. Der Kia EV4 zeigt, wie nah die Stromer mittlerweile an den klassischen Allrounder herangerückt sind. Er bietet Platz wie ein Familienauto, fährt angenehm komfortabel und kommt mit der großen Batterie weit genug für die Urlaubsreise. Ganz billig ist das allerdings nicht.
Kurzcharakteristik
Der 4,43 Meter lange Kia EV4 tritt in der Golfklasse gegen Konkurrenten wie VW ID.3 und Cupra Born an, setzt also stärker als viele elektrische Wettbewerber auf klassischen Pkw-Zuschnitt statt auf Crossover-Optik. Trotz der relativ flachen Karosserie gelingt es Kia, Batterie, Passagiere und Gepäck gut unterzubringen.
Der Fünftürer ist ein ausgewogenes Elektroauto, das weder beim Stadtverkehr noch auf der Langstrecke größere Zugeständnisse verlangt. Das Fahrwerk ist komfortabel, der Innenraum gut gedämmt, der Antrieb kräftig genug und die Bedienung weitgehend problemlos. Größte Hürden sind das eigenwillige Design und der Preis der reichweitenstarken Varianten.
Karosserie
Mit 4,43 Metern Länge und 1,86 Metern Breite gehört der EV4 zu den größeren Vertretern der Kompaktklasse. Wem das nicht reicht, kann auch die alternativ angebotene Fließheckvariante Fastback (ab 41.500 Euro) wählen, die noch einmal 30 Zentimeter länger ist, aber in Deutschland bei den Zulassungen nur eine Nebenrolle spielt.
In beiden Fällen ist Platz reichlich vorhanden. Vorn sitzt man luftig, im Fond haben selbst langbeinige Erwachsene reichlich Knie- und Kopffreiheit. Weil der Mitteltunnel fehlt und die Rückbank breit ausfällt, können dort zur Not auch drei Personen reisen. Lediglich für große Füße ist unter den Vordersitzen wenig Platz. Der Kofferraum fasst bei den frontgetriebenen Modellen bis zu 1.415 Liter und ist dank breiter Öffnung und gut nutzbarer Form sehr alltagstauglich.
Innen setzt Kia auf ein breites Bildschirmband mit digitalen Instrumenten und zentralem Infotainment. Die Menüführung funktioniert ordentlich, die teilweise hinter dem Lenkrad versteckte Touch-Bedienung der Klimaanlage ist allerdings nicht ideal. Praktisch ist die serienmäßige Smartphone-Einbindung über kabelloses Apple CarPlay und Android Auto.
Motoren
Beim EV4 entscheidet weniger die Motorleistung als die Batterie über den Charakter des Autos. Der Frontantrieb leistet unabhängig vom Akku 150 kW/204 PS und 283 Nm. Das reicht für einen flotten Antritt und souveränes Mitschwimmen auf der Autobahn. Für Stadtfahrer und Pendler dürfte die kleine Batterie mit 58,3 kWh häufig genügen. Kia nennt bis zu 440 Kilometer Reichweite. Die maximale DC-Ladeleistung beträgt zwar lediglich 101 kW, aufgrund des kleineren Akkus dauert der übliche Ladehub von 10 auf 80 Prozent trotzdem nur 29 Minuten.
Der eigentliche Allrounder ist die 81,4-kWh-Batterie. In Verbindung mit 17-Zoll-Rädern sind bis zu 625 Kilometer Normreichweite möglich, selbst mit den größeren 19-Zöllern bleiben bis zu 594 Kilometer. Im Praxistest waren bei Autobahnfahrten und insgesamt ungünstigeren Bedingungen rund 500 Kilometer realistisch. Die maximale Ladeleistung steigt bei der großen Batterie auf 128 kW - angesichts des 400-Volt-Systems kein Spitzenwert, aber aufgrund der hohen Reichweite im Alltag völlig ausreichend.
Darüber ein Allradmodell mit zwei Motoren, 195 kW/265 PS und 385 Nm. Es sprintet in 6,5 Sekunden auf Tempo 100 und bietet vor allem bei Traktion und Anhängerbetrieb Vorteile. Dafür steigt der Verbrauch, die Reichweite sinkt je nach Ausstattung auf 550 bis 560 Kilometer. Rational zwingend ist der Allradantrieb daher nicht. Interessant kann er dagegen für Zugwagenfahrer sein: Während der kleine Akku lediglich 500 Kilogramm gebremste Anhängelast erlaubt und der große Fronttriebler 1.000 Kilogramm, darf der AWD bis zu 1.500 Kilogramm ziehen.
Top-Modell ist seit Kurzem der 215 kW/292 PS starke EV4 GT für 57.840 Euro, Äußerlich ist der GT unter anderem an 20-Zoll-Rädern, neonfarbenen Bremssätteln, speziellen Schürzen und einer Zweifarblackierung mit schwarzem Dach zu erkennen.
Serienmäßig lädt jeder EV4 an Wechselstrom mit 11 kW. Für Earth und GT-Line gibt es inzwischen auch einen 22-kW-Onboard-Lader für 990 Euro. Allerdings ist er jeweils an weitere Ausstattungspakete gekoppelt und wird dadurch deutlich teurer als der nominelle Aufpreis vermuten lässt.
Ausstattung
Kia gliedert das Programm in "Air", "Earth" und "GT-Line". Bereits das ab 37.590 Euro erhältliche Basismodell ist mit 17-Zoll-Alurädern, Zweizonen-Klimaautomatik, Navigationssystem, LED-Licht, Parksensoren vorn und hinten, Rückfahrkamera, adaptiver Geschwindigkeitsregelung und Autobahnassistent ordentlich bestückt. Ein überraschendes Loch gibt es jedoch bei der Winterausstattung: Sitz- und Lenkradheizung sowie Wärmepumpe sind nicht Serie, sondern kosten zusammen im Winter-Paket 1.100 Euro. Gerade bei einem Elektroauto ist das eine sinnvolle Ergänzung.
Der Earth startet bei 39.890 Euro und hat Sitz- und Lenkradheizung, induktive Smartphone-Ladeschale, automatisch ausfahrende Türgriffe und einen automatisch abblendenden Innenspiegel serienmäßig. Mit großem Akku kostet er 45.540 Euro. Das ist für die meisten Käufer die stimmigste Variante, zumal die serienmäßigen 17-Zöller nicht nur komfortabel sind, sondern die größtmögliche Reichweite bieten.
Wer zusätzlich eine Wärmepumpe möchte, kann beim Earth für 1.300 Euro zum Winter-Connect-Paket greifen. Neben effizienterer Innenraumheizung sind dann auch V2L zum Betrieb externer Elektrogeräte, eine 220-Volt-Steckdose sowie Hardware-Vorbereitung für weitere bidirektionale Ladefunktionen an Bord. Weitere Pakete bringen elektrische Sitze und Heckklappe, Rundumsichtkamera, aufwendigere Assistenzsysteme oder Premium-Audio. Die Paketlogik wird dabei allerdings schnell kompliziert und teuer, weil manche Extras nur zusammen mit anderen Paketen bestellbar sind.
Die GT-Line ab 49.440 Euro nimmt dem Käufer einen großen Teil dieser Konfigurationsarbeit ab. Sie bringt unter anderem 19-Zoll-Räder, adaptive LED-Scheinwerfer, umfangreichere Assistenztechnik, ein Harman/Kardon-Soundsystem und die Wärmepumpe standardmäßig mit. Wer zusätzlich Rundumsichtkamera, Head-up-Display und Remote-Parkfunktion möchte, zahlt dafür im Paket weitere 1.690 Euro. Die GT-Line ist attraktiv ausgestattet, entfernt sich preislich aber deutlich vom klassischen Kompaktwagen.
Empfehlungen
Für Preisbewusste und Pendler: EV4 Air mit 58,3-kWh-Batterie und Winter-Paket. 440 Kilometer Normreichweite reichen für den Alltag, Sitz- und Lenkradheizung sowie Wärmepumpe schließen die wichtigste Ausstattungslücke. Preis: ab 38.690 Euro.
Für Familien und Vielfahrer: EV4 Earth mit 81,4-kWh-Batterie und Winter-Connect-Paket. Bis zu 625 Kilometer Reichweite, viel Platz, hoher Komfort und Wärmepumpe machen ihn zum ausgewogensten EV4. Preis: ab 46.840 Euro.
Für Sportler: EV4 GT mit 215 kW/292 PS und Allradantrieb. Spaßig: ein virtuelles Getriebe simuliert Gangwechsel, ein künstlich erzeugter Motorsound gibt akustische Rückmeldung beim Beschleunigen. Preis: ab 57.840 Euro.