Der könnte erfolgreich werdenLeapmotor B05 überzeugt - aber wirklich jeden?
Von Patrick Broich, Frankfurt am Main
Leapmotor macht Ernst und wirft ein Modell nach dem anderen auf den Markt. Müssen Volkswagen und Co jetzt Angst haben? Nicht wirklich. Muss Stellantis jetzt Angst haben? Vielleicht. ntv.de hat den erklärten ID.3-Gegner namens B05 erstmals gefahren.
Wenn man derzeit Wirtschaftsmedien liest, könnte man schlechte Laune bekommen. Volkswagen sei sogar existenzgefährdet, liest man in der "Bild"-Zeitung. Und überhaupt, die deutsche Autoindustrie, um Himmels willen. Na ja, Pessimismus hilft an dieser Stelle freilich wenig, aber kluge Strategien und ein klarer Blick mögen sicherlich nicht schaden. Und dazu gehört auch, zur Kenntnis zu nehmen, dass die chinesische Autoindustrie aufholt. Das lässt sich auch nicht verhindern, da können vermeintliche Experten in noch so vielen Talkshows jede Menge gut gemeinte Ratschläge geben.
Der Punkt ist: Die Chinesen haben jetzt bereits genug Know-how, um immer besser zu werden - das ist unumkehrbar. Also können die Deutschen entweder zuschauen und resignieren oder sich schlicht anstrengen. Und jetzt dringt ein neuer elektrisch angetriebener Konkurrent in der Kompaktklasse auf den Markt. Und auf dem steht "Leapmotor" in großen Lettern auf dem Heckdeckel. Es handelt sich also um die Marke aus Hangzhou, an der Stellantis jedoch mittlerweile mit 21 Prozent beteiligt ist. Und Stellantis ist ein europäischer Autokonzern, der gute Geschäfte durchaus gebrauchen kann. Also hilft es auch Europa, wenn Leapmotor gut verkauft.
Die Frage ist jetzt, ob das Produkt viele Kunden überzeugen kann. Weit über 100 Verkaufspunkte verteilt über die ganze Republik hat Stellantis über sein Vertriebsnetzwerk mittlerweile installiert, und das sind gute Voraussetzungen für den Erfolg des Labels. Ebenfalls eine gute Voraussetzung ist, dass der neue Leapmotor B05 nicht nur ziemlich gefällig, sondern auch noch recht europäisch aussieht. Pastellig anmutende Farbtöne wie "Lightning Yellow" oder "Starry Night Blue" unterstützen diese Anmutung.
Innenarchitektonisch ist der B05 eher öde
Also nichts wie rein in den 4,43 Meter langen Kompakten, der mit nüchterner und moderner Formensprache durchaus besticht. Auch innen ist der neue chinesische Wettbewerber ziemlich clean. Zu clean wiederum, ehrlich gesagt, um europäischer Innenarchitektur mit einem gewissen ästhetischen Anspruch Paroli bieten zu können. Klar, der B05 ist nicht schlecht verarbeitet und hat mit einer leicht verspielten Armaturentafel sogar eine gestalterische Komponente. Doch der Schwerpunkt liegt hier mehr auf Digitalität als architektonischer Finesse.
Also schön im Menü hantieren, um Fahrzeugfunktionen zu steuern, und zwar ausschließlich. Physische Tasten sind passé. Das gilt selbst für das Verstellen der Außenspiegel. Kann man machen. Nervt aber bisweilen. Ebenso nervig ist, dass das Ausschalten diverser übergriffiger Assistenten mindestens fünf, eher sechs Positionen umfasst. Ein Glück: Ein Großteil dieser Positionen lassen sich per Shortcut erledigen. Um herauszufinden, wie das geht, braucht es jedoch die Anleitung eines kundigen Kopfes. Fair enough.
Und wie fährt der elektrische Golf- respektive ID.3-Konkurrent? Ziemlich unspektakulär, was in diesem Fall gut ist. Das Fahrwerk ist eher komfortabel ausgelegt, die Lenkung hat einen synthetischen Touch. Doch ganz ehrlich? In diesem Segment völlig okay, denn der B05 ist in erster Linie ein Tool, das funktionieren soll. Und da ist Leichtgängigkeit sinnvoll und nicht, ob er hohe Kurventempi erreicht. Außerdem ist es schon fein, wenn er beim Überrollen fies aufgeplatzter Straßen nicht knarzt oder rappelt. Check. Dazu kommt seine ausgeprägte Handlichkeit dank 10,3 Metern Wendekreis. Klar, die Antriebsachse liegt hinten.
Auch die Sitze passen, zumindest auf den ersten paar Kilometern. Wie es wirklich um die Langstreckenfähigkeit bestellt ist, müsste sich erst noch herausstellen.
Apropos. Es gibt zwei Batterieversionen (LFP) - eine mit 56,2 und eine weitere mit 67,1 kWh. Damit rangiert die WLTP-Reichweite zwischen 401 und 482 Kilometern. Das Laden von 10 auf 80 Prozent State of Charge soll in 20 respektive 24 Minuten erledigt sein. Das ist angesichts eines 400-Volt-Bordnetzes mit 140 beziehungsweise 168 kW Ladeleistung schwer okay. Und über 400 Kilometer hat der Bordrechner des B05 (großer Akku) auch in der Praxis angezeigt - und das bei über 30 Grad Celsius Außentemperatur mit laufender Klimaanlage und etlichen Kilometern Autobahn-Höchstgeschwindigkeit - in diesem Fall 170 km/h. Gut mitschwimmen kann der 1,8 Tonnen schwere Leap sowieso. Denn 218 PS sind unabhängig vom Akku gesetzt. Reicht für flottes Beschleunigen auf 100 Sachen in weniger als sieben Sekunden.
Lass über den Preispunkt reden, und hier wird es spannend. Ab 27.900 Euro (Life) ist der B05 zu haben. Ob man rund 80 Kilometer mehr Reichweite mit 4000 Euro extra erkaufen will (Ausstattungslinie Design), ist zu überlegen. Doch für das zusätzliche Geld gibt es noch einige Häppchen mehr. Nämlich Features wie Lenkradheizung, elektrisch verstellbare Sitze oder Panoramaglasdach. Ärmlich ausgestattet kommt allerdings auch die Basis nicht daher mit umfangreichem Navi, Rundumkamera, adaptivem Tempomat und Wärmepumpe. Braucht man mehr? Nicht wirklich.
Und zum Abschluss die Frage, ob der Leapmotor B05 dem deutschen Wettbewerb gefährlich werden könnte. Was Feinschliff und Präzision betrifft, dürften die jüngst überarbeiteten Volkswagen-Modelle die Nase vorn haben. Indes startet beispielsweise der ID.3 Neo mit knapp 34.000 Euro im Konfigurator - das ist schon eine andere Preisliga. Und selbst Importeure, die in Deutschland einst günstig starteten, sind preislich mittlerweile abgehoben. So kostet ein zugegeben exzellent verarbeiteter und in Finish wie Präzision makelloser Kia EV4 - auf den Zentimeter genau gleich lang wie der Leapmotor B05 - nicht unter 37.590 Euro. Und ob er für 10.000 Euro mehr den besseren Job macht, sei dahingestellt.
An solchen Beispielen mangelt es im Markt übrigens nicht. Ob chinesische Hersteller derartige Preisschlachten allerdings dauerhaft durchhalten können, steht auf einem ganz anderen Blatt.