Van, Limo und Supercar zugleich Lucid Gravity ist das Schweizer Taschenmesser unter den Autos
Von Patrick Broich, Mallorca
Nach der Limousine Air bringt Lucid nun den Nutzwert-Profi Gravity auf europäische Straßen. Der ist aber nicht nur nützlich, sondern führt massig Power mit sich. ntv.de war mit dem SUV unterwegs. Oder ist es doch ein Van?
Genervt vom SUV-Boom? Da man unter SUV heute gemeinhin so eine Art Geländewagen versteht, darf man viele Modelle gedanklich mit einem Fragezeichen versehen, die zwar im Prospekt als SUV angepriesen werden, aber weit von Geländewagen entfernt sind. Aber SUV bedeutet ja bloß "Sports Utility Vehicle" - und das ist wahrlich ein dehnbarer Begriff. Und mal ganz im Ernst, sportlich ist der Gravity nicht wirklich, wenngleich er wuchtig loslegt.
Doch der Reihe nach. Mit dem neuen Lucid hat der US-amerikanische Hersteller in erster Linie einen ziemlich praktischen Luxusliner auf die Räder gestellt, in dem der Begriff "gutes Raumangebot" fast neu definiert werden muss. Um nur ein Beispiel zu nennen: Legt man die Rücksitzlehnen um (was elektrisch geschieht), passen rund 3400 Liter Gepäckäquivalent in das Abteil. Jetzt könnte man sagen, kann ein VW Bulli doch auch. Ja, kann er. Aber genau an dieser Stelle kommt eben eine weitere Eigenschaft zum Tragen, die aus dem Lucid Gravity eine besondere Angelegenheit macht.
Der Ami ist so eine Art Schweizer Taschenmesser mit dem Antrieb eines Supercars, dem Komfort einer Luxuslimousine und dem Platz eines Vans. Ein paar Eckdaten gefällig? Als "Grand Touring" - andere Varianten hatte Lucid zum Fahrevent nicht dabei - wirft der Gravity einfach mal 839 PS in den Ring. Noch fragen? Dass er in dieser Konstellation einfach nur brachial anschiebt, ist unausweichlich. Und gute Nachrichten für Fans höherer Temposphären: Er zieht stramm durch bis zur 250-km/h-Marke, danach wird freiwillig abgeregelt.
Effizient ist der 5,04-Meter-Brocken bei solchen Geschwindigkeiten natürlich nicht mehr, aber das ist eine andere Geschichte. Grundsätzlich ist der Tourer auf Strecke ausgelegt, wird mit bis zu 748 Kilometern Reichweite (WLTP) angegeben bei 123 kWh Akkukapazität. Bei forscher Fahrt auf mallorquinischen Landstraßen sind es laut Bordrechner zwar eher 450 Kilometer, aber selbst das wäre ja nicht schlecht. Zumal das in diesem Fall sogar mehr als 900 Volt erlaubende Bordnetz hohe Ladeleistungen von 400 kW im Peak erlaubt. So soll der Akku in Windeseile, also binnen deutlich unter 20 Minuten, wieder 80 Prozent SoC (State of Charge) erreichen, wenn man leergesaugt an die Ladestation fährt. Aber wie es um das Ladegeschehen wirklich bestellt ist, kann nur ein ausgiebiger Praxistest bestätigen.
Für seine Größe recht dynamisch unterwegs
Hier und heute lässt sich dafür feststellen, dass der Gravity eine Mischung aus Komfort und Dynamik offeriert. Komfortabel ist er, weil nicht nur seine Sessel angenehm bequem sind, sondern die Luftfederung dabei hilft, den 2,7-Tonner geschmeidig über schlechte Straßen flauschen zu lassen. Und dennoch entsteht keineswegs der Eindruck von Schwerfälligkeit. Man kann also auch Kurven getrost mal stürmischer angehen, ohne dass der gewichtige Tourer schaukelig oder merklich angestrengt über die Vorder- oder Hinterräder schieben würde.
Apropos Hinterräder: Diese lenken mit und sollen nicht nur die Querdynamik erhöhen, sondern auch das Rangieren im Parkhaus erleichtern, indem sie den Wendekreis von 12,8 auf 11,7 Meter reduzieren. Wieder auf der Geraden angekommen, macht das Hochbeschleunigen erst so richtig Laune. Um einen Eindruck zu geben, wie rasant es hier zugeht: Der Sprint von 0 auf 100 km/h soll laut Werk binnen 3,6 Sekunden erledigt sein. Eher nachteilig auf großer Fahrt dagegen wirkt sich die schmaler gehaltene Lenkradform aus. Sie erschwert das Finden einer guten Ruheposition der Hände.
Dafür ruhen insbesondere die Fahrgäste der zweiten Reihe exzellent bei jeder Menge Beinfreiheit - kein Wunder angesichts 3,04 Metern Radstand. Selbst in der dritten Reihe können sich erwachsene Personen körperlich noch ganz gut entfalten. Und mit einem kleinen Farbtouchscreen in der Mittelkonsole (zweite Sitzreihe) zur Einstellung von Klima und Lüftung gibt es ein charmantes Gimmick mit auf den Weg. Vor allem Kinder dürften daran ihre Freude haben. Gut zugängliche USB-C-Buchsen in den Sitzlehnen sorgen dafür, dass mobilen Endgeräten nicht der Saft ausgeht.
Wer sich vorn niederlässt, hat wahrlich ebenfalls kein Platzproblem. Auch kein Bedienungsproblem, denn die große Monitor-Kommandozentrale in der Mittelkonsole lässt sich recht intuitiv beherrschen. Ein kleiner Tipp an die Human-Interface-Architekten wäre, den Menüpunkt "Assistenz" zu simplifizieren - diese Kritik driftet zwar schon fast ins Inflationäre ab, allerdings müsste hier auf Autoherstellerseite auch mit etwas mehr Konsequenz agiert werden. Auch das Einstellen der Außenspiegel auf der elektronischen Touchfläche ist einfach nur Overkill und sollte wieder weichen zugunsten physischer Tasten.
Hinderlich für den Kauf des Lucid ist aber sicher nicht das Thema Bedienung, sondern für die meisten Menschen neben der bisherigen Unbekanntheit der Marke ganz klar das Preiskapitel. Ungeachtet der Tatsache, dass der Gravity sicherlich als einer der am besten verarbeiteten US-amerikanischen Automodelle mit einem architektonisch fein gearbeiteten Innenraum inklusive schicker Holzapplikationen gilt, sind 116.900 Euro (Grand Touring) einfach viel Geld für ein Auto. Das muss man sich erstens leisten können und zweitens wollen.
Allerdings gibt es mit der Einsteiger-Version Pure ja auch noch eine günstigere Option, die sicherlich für Firmenflotten und Gewerbetreibende interessant werden könnte. Knapp 100.000 Euro kostet aber auch die. Da braucht es definitiv eine halbwegs erschwingliche Leasingrate. An der Produktgüte sollte der Gravity-Vertrieb hierzulande jedenfalls kaum scheitern.