China-Preishammer gefährlich?Neuer Geely E5 bietet vor allem viel Auto und Platz für mäßiges Geld

Dass der Geely-Konzern hierzulande nun auch unter dem Markennamen „Geely“ auftritt, zeigt die Ambition, mit der er Produktpaletten global ausrollen will. Und der neue E5 ist eine preisliche Kampfansage an den Wettbewerb. ntv.de war mit ihm unterwegs.
Wie hatte Loriot so herrlich ironisch die Farbmuffeligkeit der Deutschen entlarvt mit dem berühmten "frischen Steingrau". Das sollte für nichts anderes als Langweile und Spießertum stehen, mal ganz verkürzt ausgedrückt. Und als langweilig kann man auch das 2024 eingeführte Weltauto Geely E5 bezeichnen, das neuerdings auch in Deutschland erhältlIich ist. Es muss aber auch noch in Afrika, Asien, Australien und Südamerika funktionieren. Geely hat viel vor, und daher müssen sich die deutschen Hersteller anstrengen.
Dass der in Frostgrau lackierte Testwagen vor allem optisch austauschbar und in der Tat ein bisschen langweilig daherkommt, mag dabei gar nicht schaden. Dieses preisgünstige Funktionsauto soll eben bloß - funktionieren. Aber es verdrängt dort womöglich bessere Produkte, die preislich aber deutlich unattraktiver sind. Und ja, der 4,62 Meter lange Family-Preiskracher (ab 37.990 Euro quasi in Vollausstattung erhältlich) lebt nicht davon, das präziseste Fahrwerk oder die höchste Ladeleistung zu haben. Hier reicht es, wenn die Passagiere möglichst geräuschlos an jegliche Ziele kommen, das gilt durchaus auch ein Stück weit im Wortsinne.
Das Erlebte nach dem Einsteigen ist ungefähr so spannend wie ein Zweckbau im Industriegebiet. Zwei Displays nach Schema F plus eine große Ablageschale mit induktiver Ladefunktion für zwei Smartphones, wie es bei vielen chinesischen Herstellern üblich ist. Praktisch, ja, aber eben belanglos. Und ein bisschen darf man sich wundern über einen Konzern, der aufregende Marken wie Lotus, Polestar oder Volvo im Portfolio führt. Da sollte auch ein Budgetlabel wie Geely eine Spur spannender sein.
Geely E5 setzt auf Funktionalität
Dass das für das Fahren nicht unbedingt gilt, sei an dieser Stelle verziehen. Antrieb und Chassis sind auf Funktionalität getrimmt, und das passt. Mit 218 PS beschleunigt der elektrisch bestückte 1,8-Tonner souverän. Allerdings vermittelt beispielsweise seine leichtgängige Servolenkung jetzt wenig Fahrbahnkontakt und mutet eher synthetisch an. Beim Rangieren in der City kommt dem User diese Art allerdings entgegen in Form maximal reduzierter Bedienkraft. Und der E5 dürfte jetzt auch keine Offerte sein, mit der man sich wilden Querdynamikorgien auf der einsamen Landstraße hingibt. In diesem Sinne ist es ja schön, dass er binnen rund sieben Sekunden auf 100 km/h beschleunigt (175 Sachen Spitze). Aber kaufentscheidend ist das vermutlich nicht.
Und die Ladeleistung? Warum patzt Geely ausgerechnet hier, wo der technologisch auf hohem Level operierende Konzern ganz sicher mehr könnte. Ein Auto für mehr als 40.000 Euro je nach Line mag, wenn es viel bietet, zwar als preiswert durchgehen, ist aber ganz sicher kein Billigheimer und übrigens schon in VW-ID.4-Sphären (wenngleich mit weniger Ausstattung und Platz) unterwegs. Zumal Geely den E5 jetzt auch nicht zügellos mit Akkukapazität versorgt - bei 68 kWh ist Schluss, und das Grundmodell liefert bloß 60 kWh. Beide Stromspeicher setzen auf Lithium-Eisenphosphat-Technologie. Das ist okay, aber nicht beeindruckend.
Und da müsste mehr gehen als 100-kW-Peakladeleistung, wie dem Prospekt zu entnehmen ist. Dass sich die Marke offenbar selbst ein bisschen für das langsame Laden schämt, lässt sich am Stil der Werksanlage ablesen. Das Papier nennt 20 Minuten für den Hub von 30 auf 80 Prozent. Wie lange man also wirklich braucht von eher relevanten 10 bis 80 Prozent Ladestand, müssen spätere Praxisversuche noch ans Tageslicht fördern.
Reichweite okay, aber nicht berauschend
Knapp 400 Kilometer Reichweite bei fast vollem Akku (größere Variante) sind zumindest ein Wert, mit dem man arbeiten kann. Und da es schon um den Themenkomplex Reichweite geht, der ja auch irgendwie mit Strecke abreißen zu tun hat, muss man sagen, dass Platzangebot und Sitze auf einem passablen Niveau rangieren. Das großzügige Interieur fällt sogar noch mehr ins Auge, denn nicht nur die Passagiere kommen luftig unter, ebenso das Gepäck. Mit einem maximalen Kofferraumvolumen von knapp 1900 Litern darf der E5 zudem als ausgeprägt praxistauglich durchgehen. Selbst bei aufrecht stehender Rücksitzlehne sind es immerhin noch 461 Liter. Und damit potenziell genug Raum, um Reiseproviant einer vierköpfigen Familie während des ausgedehnten Ferienausflugs zu transportieren.
So gesehen kann man mit dem Geely E5 schon gut leben, wenn man keine übermäßigen Ansprüche stellt. Disziplinen wie Ästhetik, Drivetrain, Laden oder Materialverarbeitung fallen eher durchschnittlich aus. Zumal die Bedienung insbesondere der Assistenz nervt - bis man unbehelligt unterwegs sein kann, muss nach jedem Start ganz schön viel ausgeschaltet werden.
Andererseits bietet der Geely jede Menge Features serienmäßig. Dazu gehören auch Brocken wie Rundumkamera, schlüsselloses Schließsystem und klimatisierte Sitze sowie ein im Feierabendverkehr oder auf längeren Strecken angenehmer aktiver Tempomat.
Die Premiummarken müssen hierzulande vermutlich weniger Angst vor einem weiteren Wettbewerber aus China haben, bei den Importeuren könnte die Sache anders aussehen. Ob Geely also ökonomisch gefährlich werden kann, hängt von Autohersteller respektive Portfolio ab. Europäer mit Budgetprodukten sollten zumindest auf der Hut sein. Das Zeug, sich international zu bewähren, hat der Geely E5 sowieso.