Wettbewerber auf Augenhöhe?BYD Atto 3 - so schlägt sich der chinesische Golf-Konkurrent
Von Patrick Broich
Mit günstigen Angeboten mischt BYD auch den deutschen Markt auf. Doch reichen Optik und Qualität, um die hiesigen Marken ausstechen zu können? Wobei - um die geht es eigentlich gar nicht mal. ntv.de hat den BYD Atto 3 unter die Lupe genommen.
In vielen Medien ist dieser Tage zu lesen, dass chinesische Marken stark im Kommen seien. Ja, da ist auch etwas dran. Müssen die deutschen Autohersteller jetzt zittern? In Europa nicht unbedingt, zumal viele Modelle von BMW, Mercedes und Co. häufig in ganz anderen Ligen spielen - also bezogen auf die Fahrzeugklassen.
Aber eine fernöstliche Marke wie BYD hat inzwischen nicht nur annehmbare Produkte im Portfolio, sondern ist darüber hinaus mit dem unbedingten Willen ausgestattet, anderen Marktteilnehmern Anteile wegzunehmen. Und wenn schon nicht den hiesigen Herstellern, dann wenigstens den Importeuren. Dass der Konzern allein in Deutschland Hunderte Handelspartner installieren möchte, sagt schon viel.
Doch lass einen Blick auf den Atto 3 werfen. Vorher sei noch darauf hingewiesen, dass BYD-Produkte extrem unterschiedlich ausfallen. Während der geradezu flippig daherkommende Dolphin Surf prädestiniert scheint für europäische Metropolen, kann man andere Modelle durchaus als piefig bezeichnen. Das hängt einerseits mit dem Debütjahr zusammen - BYD lernt unfassbar schnell -, andererseits aber auch mit dem Segment.
Und der kompakte Atto 3 ist ein Beispiel dafür, wie viel Luft nach oben eben noch herrscht segmentweise. Das beginnt mit einem etwas angestaubten Design, reicht über ein eher mäßiges Fahrwerk und endet nicht einmal mit einer mittelmäßigen Verarbeitung. Doch Moment. Das klingt jetzt alles ein bisschen dramatisch. Vielleicht sogar ein bisschen dramatischer, als es wirklich ist. Aber wer hoch hinaus möchte, muss sich eben auf einen scharfen Kritiker-Blick einstellen. Und der Markenname "Build Your Dreams" verspricht ja ziemlich viel und setzt einen Maßstab, an dem sich der BYD messen lassen muss.
Entert man ihn, merkt der versierte Beobachter, dass eben doch noch ein Abstand zu europäischen Produkten gegeben ist. So muss das Team beim Finish noch eine Schippe drauflegen. Und auch die Sitze könnten in puncto Ergonomie sicherlich mehr. Doch Schwamm drüber, der 4,46 Meter lange Atto 3 ist ja per se kein Langstreckler. Und so dürfte es etliche Interessenten kaum stören, dass er ein ausgewiesener Lademuffel ist und nicht über 88 kW Ladeleistung hinauskommt. Das hat zur Konsequenz, dass man für einen Hub von 10 auf 80 Prozent rund 40 Minuten am Ladeplatz verharren muss. Wobei, wer nicht zu Hause laden kann und auf öffentliche Infrastruktur angewiesen ist, könnte davor zurückschrecken, selbst bei durchschnittlicher Kilometerleistung. Immerhin schafft man mit voller 60-kWh-Batterie über 300 Kilometer real.
Fronttriebler hat Leistung satt
Doch wie genau fährt der Atto 3 eigentlich? Immerhin, an Leistung fehlt es dem Fronttriebler nicht. Seine Permanentmagnet-Maschine lässt ausgewachsene 204 Pferde und 310 Newtonmeter Drehmoment auf die Räder los, was sich in entsprechender Souveränität (7,3 Sekunden auf 100 km/h und 160 Sachen Höchsttempo) manifestiert. Und mit 1,8 Tonnen ist der Allrounder nicht mal besonders schwer. Klar, das kleine SUV bewegt sich flink durch städtische Gefilde, macht so manchen Verkehrsteilnehmer an der auf Grün schaltenden Ampel nass. Und auch Autobahn wie Landstraße absolviert das kräftige Gefährt fein.
Eine etwas synthetisch rückmeldende Servolenkung ist für die anvisierte Zielgruppe jetzt kein Beinbruch, sofern man mal unterstellt, dass jemand mit einem hohen fahrdynamischen Anspruch jetzt nicht unbedingt auf BYD aufmerksam wird. Im Gegenteil, denn der Interessent auf der Suche nach simpler Automobilität, vielleicht auch noch häufiger in der Stadt unterwegs, freut sich über leichtgängiges Rangieren.
Bleibt das Infotainment. Und dieser Punkt mag den einen oder anderen Medienkonsumenten zum Schmunzeln bringen, wenn er hört, dass chinesische Marken besonders stark sein sollen beim Thema Software. Nun ja, man findet im BYD Atto 3 durchaus einen großen (übrigens ziemlich filigranen) Bildschirm vor mit viel Menü. Und das lässt sich auch gut durchdringen, nach einer Zeit kommt der User damit ordentlich zurecht. Aber hier und da wird es auch mal umständlich. Vor allem sind ziemlich viele Touchaktionen nötig, um übergriffige Assistenz loszuwerden. Aber hey, man wird sie immerhin los.
Ein weiterer Schwachpunkt ist die Klimatisierung. Um den Innenraum bei Kälte mollig warm zu bekommen, muss man die Innentemperatur auf 27 oder 28 Grad einstellen, und trotzdem fühlt es sich partiell noch zugig an.
BYD Atto 3 ist solide, aber kein Überflieger
Um das Bild zum Schluss wieder etwas geradezurücken und nicht in den Verdacht zu geraten, unfair zu bewerten: Der Atto 3 ist überhaupt kein schlechtes Auto. Aber eben auch kein grandios überragendes. Man darf auch nicht vergessen, dass er bereits seit 2022 auf dem Markt ist - demnach wurde er in einer Zeit entwickelt, als der Konzern noch gehörigen Lernbedarf hatte.
Und noch eine Sache muss man wissen. Im Design konservative Fahrzeuge mögen auf eine durchaus große Zielgruppe treffen. Nicht jeder Interessent möchte es hypermodern und fancy haben. Nur fällt auf, dass BYD oft auf eine Mischung zwischen genau diesen Attributen setzt. Und das wirkt dann manchmal ungewohnt – so auch hier. Demnach haben sich die Innenarchitekten austoben dürfen: Wellenförmige Applikationen im Bereich der Armaturen sind echt Neunziger. Wohingegen die scheibenförmigen Lüftungsdüsen sowie abgedrehte Türöffner mit den integrierten Lautsprechern wieder ganz cool wirken.
Sei es drum, der größte Hebel, dieses Auto zu verkaufen, das ja durchaus erwachsen auftritt und auch beim Platzangebot überzeugt, ist der Preis. BYD hat immer wieder Rabattaktionen mit Angeboten, die die Interessenten nicht ablehnen können. Der Listenpreis des BYD Atto 3 startet jedoch bei gar nicht mal schmalen 38.990 Euro. Kleiner Ausblick in die Zukunft: BYD legt beim Atto in Kürze den Turbo ein und wird bald Versionen mit 800 Volt und bis zu 449 PS anbieten. Dann werden aber auch die Preise andere sein.
Fazit: BYD Atto 3 oder nicht, das ist hier die Frage. Man kann mit dem Kompakten schon gut klarkommen, wenn man mit seinen Schwächen umgehen kann. Die Ladeleistung ist nicht top, der Innenraum nicht unbedingt europäisch-schick. Aber sonst? Das Platzangebot geht klar, der Fahrkomfort ist annehmbar. Und die Fahrleistungen sind über jeden Zweifel erhaben, wenngleich das Fahrwerk nichts für sportliche Naturen ist. Dafür gibt es durchaus moderaten Komfort. Demnach bekommt der Kunde ein zweckmäßiges Funktionsauto zum fairen Tarif, sofern man die zahlreichen Rabattaktionen des Herstellers einpreist.
Datenblatt BYD Atto 3
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe): 4,46 / 1,88 / 1,62 m
Radstand: 2,72 m
Leergewicht (DIN): 1750 kg
Sitzplätze: 5
Gepäckraumvolumen: 440 bis 1338 l
Motorart: Eine Permanentmagnet-Synchronmaschine
Getriebe: Eine Übersetzung, fest
Systemleistung: 204 PS (150 kW)
Antrieb Vorderradantrieb
max. Drehmoment: 310 Nm
Beschleunigung 0-100 km/h: 7,3 s
Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h
Akkukapazität: 60,4 kWh
Maximale Ladeleistung (Gleichstrom): 88 kW
Ladeleistung (Wechselstrom): 7 kW (11 kW auf Wunsch)
Verbrauch (kombiniert): 16 kWh
kombinierte WLTP-Reichweite: 420 km
CO2-Emission kombiniert: 0 g/km
Grundpreis: Ab 38.990 Euro