Kolumnen

Schlechte Zeiten, gute Zeiten Die "Leckt uns"-Wut der Pfleger

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Musikuntermalung für diese Kolumne: Johann Sebastian Bach - Partita für Violine Nr. 1 in H-Moll

(Foto: Shutterstock / Agafred)

Beifall von Balkonen? "Euer Klatschen könnt ihr euch sonst wo hinstecken", erklärt eine junge Berliner Krankenschwester zornig. Sie hat keine Lust, heute als Heldin gefeiert und morgen wieder alleingelassen zu werden. Wer will es ihr verdenken?

Im vergangenen Jahr erlebte ich einen Albtraum, aus dem ich erst vor gar nicht so langer Zeit erwacht bin. Meine Mutter starb Ende August mit 92 Jahren. Ihr hohes Alter war mehr als ein Trost, auch dass wir, die Familie, uns von ihr verabschieden konnten. Die Trauer ist bis heute geblieben, der tiefe Schmerz aber zum Glück verschwunden, was vor allem an der Unterstützung meiner tollen "großen" Schwester lag, die immer die richtigen Worte fand, wenn es mir mal wieder dreckig ging. Jetzt - auch das ein Trost - sind wir heilfroh, dass unsere Mutter das fiese Virus nicht mehr erleben muss, wir keine Angst um sie haben und ihr nicht sagen müssen, dass wir sie nicht besuchen können, obwohl sie es verstanden hätte.

Meine Mutter war zuerst wochenlang im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin-Wilmersdorf. Das Personal erlebte ich als freundlich, motiviert und engagiert. Bei Google rät ein ehemaliger Patient, "diesen Ort (zu) meiden", die Mitarbeiter agierten lustlos, ihnen fehle es an Empathie. Die Kritik kann ich nicht ansatzweise bestätigen. Klar, da war ein junger gelackter Arzt, der hochnäsig erschien. Na und? Solche Typen gibt es auch in anderen Berufen. Wer erwartet, dass die Angestellten eines Krankenhauses dieser Größe und bei der Masse an Arbeit auf jeden einzelnen Patienten eingehen, Händchen halten und nebenbei - natürlich in strahlend weißen Kitteln - auch noch eine Liebesbeziehung retten, sollte sich "Bettys Diagnose" oder die "Jungen Ärzte" reinziehen.

Mich hat es eher verwundert, dass die Ärzte und Pfleger bei all dem Stress, den vielen (!) unfreundlichen oder kaum Deutsch sprechenden Besuchern und motzenden Patienten nicht permanent "Fuck you! And you!" schrien, sondern freundlich und ruhig blieben. Ich wäre manches Mal ausgetickt vor Zorn über die Anmaßung und Arroganz, die einem da begegnet. Höhepunkt meiner Erlebnisse war eine grauhaarige Patientin, die klingelte, um der hereinstürzenden Pflegerin zu befehlen: "Schwester, Sie können abräumen." Zur Erinnerung: Ein Krankenhaus ist kein Fünf-Sterne-Hotel. Die Frau war fertig mit dem Essen, über das sie sich vorher beschwert hatte. Manch Obdachloser wäre glücklich über diese Rundumversorgung. Ich dachte kurz, ihr den Tee über den Schädel zu schütten, aber blieb brav. Die Schwester drehte sich auf dem Absatz um. Die Reaktion gefiel mir.

Danach kam meine Mutter in ein Pflegeheim in Lichterfelde. Dort gab es immer wieder Dinge, über die wir Angehörigen uns aufregten, oft ganz simpler Natur. Ständig tauchten Leasing-Kräfte auf, die meine Mutter - wie auch? - nicht kannten und nicht wussten, was sie gerne aß und was ihr nicht bekam, wie ihre Beine zu liegen hatten, damit sie nicht schmerzten. Ihre Kraft reichte nur noch, um Ja oder Nein zu sagen. Obwohl meine Schwester und ich das x-fach gesagt hatten, ein Kissen zwischen die Füße zu schieben, ignorierten selbst Angestellte des Seniorenheims standhaft diese simple Bitte. Oder dass selbst bei Prachtwetter viel zu selten jemand auf die Idee kam, das Fenster weit zu öffnen, auch wenn das eine der letzten Freuden war, die meine Mutter noch hatte.

Trotzdem würde ich nicht den Stab über die Pfleger brechen. Niemals. Im Gegenteil. Ich bin ihnen - wie den Schwestern und Ärzten des Krankenhauses - überaus dankbar, zumal meine Mutter in ihrer Verzweiflung manchmal ungerecht war und sinnlos meckerte. Das steckten die Angestellten im Pflegeheim alles professionell weg. Muttern war in guten Händen. Sie taten, was sie konnten und erklärten immer wieder, wo die Grenzen ihrer Möglichkeiten und Befugnisse lagen. Man muss kein Berater von McKinsey sein, um nach wenigen Wochen rauszufinden, was da alles schiefläuft und wo es hakt oder fehlt. Es gab zwei Pfleger, Mario und Waldemar, die stets freundlich, verständnisvoll, nach meinem Bauchgefühl kompetent und zutiefst menschlich waren. Vor allem waren sie: sehr motiviert - und das trotz der Nachtschichten und der nicht gerade üppigen Bezahlung.

Ich glaube, dass das Gesundheits- und Pflegesystem ohne die hohe Motivation seiner Mitarbeiter sofort zusammenbrechen würde. Selbst Krankenhausärzte verdienen ja nicht - schon gar nicht gemessen am Stressfaktor - wahnsinnig viel Geld, auch wenn das immer wieder kolportiert wird. Wer nicht total Bock auf seinen Job und den unbedingten Willen hat, anderen Menschen zu helfen, kann ihn auf Dauer nicht machen. Nina Magdalena Böhmer etwa ist so eine. Sie ist "gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin, früher sagte man Krankenschwester", wie es die 28-Jährige selbst formuliert. Ihren Urlaub sagte sie jüngst ab. "Ich habe mich freiwillig gemeldet, um weiterzuarbeiten. Wir bereiten uns auf einen Ansturm von Patienten vor." Das nennt man hochmotiviert.

Die Menschen überall im Land danken dem Engagement Böhmers, ihren Kollegen und den Ärzten mit Beifall von den Balkonen. Trotzdem schrieb sie auf Facebook: "Euer Klatschen könnt ihr euch sonst wo hinstecken, ehrlich gesagt ... Tut mir leid, es so zu sagen, aber wenn ihr helfen oder zeigen wollt, wie viel wir wert sind, dann helft uns, für bessere Bedingungen zu kämpfen!" Das kommt in er Bevölkerung an, gibt viel Unterstützung. Das Posting wurde schon mehr als 70.000 Mal geteilt.

Wer wollte Böhmer den Wutausbruch verdenken?! Wer könnte ihn nicht verstehen?! Aber ob er hilft? Es ist doch immer so in diesem Land: Themen werden in der Gesellschaft nur dann heftig diskutiert und relevant, wenn sie akut aufpoppen. Was, es gibt zu wenig Personal in Krankenhäusern und Altenheimen? Was, Pflegekräfte verdienen schlecht? Was, es fehlt an Schutzmasken in Kliniken und Seniorenheimen? Sonst interessiert das doch - jetzt mal ehrlich - nur die jeweils Betroffenen. Ab und an schafft es das Thema in eine Talkshow - aber passieren tut wie immer nichts.

So wird es jetzt wieder sein. Wenn die Corona-Krise vorbei ist, sind die Balkone wieder leer und die Helden vergessen. Genau das wollte uns Böhmer verklickern. Im "Tagesspiegel" erklärte sie zum Beifall: "Ich weiß, er ist als nette Geste gemeint. Aber glaubt mir: Es verändert absolut nichts."

Musikuntermalung für diese Kolumne: Johann Sebastian Bach - Partita für Violine Nr. 1 in H-Moll

Quelle: ntv.de