Kolumnen

Schlechte Zeiten, gute Zeiten Langeweile à la Newton

Harfe Kopie.jpg

Musikuntermalung zu dieser Kolumne: Frankie Goes To Hollywood - Relax (La Royale & Yesco Version)

(Foto: imago images / Everett Collection)

Kontaktsperre ist blöd, Selbstisolation noch viel blöder, daran kann auch kein Netflix-Account dieser Welt etwas ändern. Dabei ist Langeweile lediglich eine Frage der Perspektive - und ein Zustand, den wir nutzen können, wenn wir sie nur zulassen.

Das Frühjahr und der Sommer 1665 waren für britische Verhältnisse außerordentlich sonnig und warm. Nur genießen konnten die Briten das gute Wetter so ganz und gar nicht, weil zeitgleich die "Große Pest" im Land wütete und alleine in London ein Fünftel der Bevölkerung dahinraffte. Auch in der Universitätsstadt Cambridge, nur 60 Meilen nördlich der Hauptstadt gelegen, bereiteten sich die Behörden auf die anrollende Seuche vor - und schlossen vorsorglich schon mal das berühmte Trinity College, an dem zu jener Zeit ein junger Mann namens Isaac Newton studierte.

imago51335636h.jpg

Macht einen auf Newton: Mann unter Apfelbaum.

Während in London die Apokalypse ihren Lauf nahm, ging es in Cambridge geordneter zu: Die meisten der Studenten folgten der Aufforderung, nach Hause zu gehen und die Pestwelle in selbstgewählter Isolation auszusitzen. So auch Newton, der dafür nur wenige Kilometer in seinen Geburtsort Woolsthorpe-by-Colsterworth reisen musste. In dem winzigen Nest gab es nicht viel zu tun, dafür ließ es sich unter einigen besonders hübschen Apfelbäumen der Sorte "Flower of Kent" aber wohl ganz hervorragend sitzen und denken. Was Newton dann auch so lange tat, bis ihn das reife Fallobst auf die Idee mit der Gravitation brachte. Der Rest ist Geschichte.

Netflix und Langeweile

Knapp 350 Jahre später muss sich die Menschheit mit einer neuen großen Seuche herumschlagen. Im direkten Vergleich mit den armen Briten von damals sind wir heute in einer komfortablen Situation: Es gibt ein Gesundheitssystem, das diesen Namen auch verdient, eine stabile Versorgungslage mit leichter Formschwäche beim Thema Toilettenpapier - und Netflix. Glücklich kann sich schätzen, wer obendrein noch einen Garten (am besten natürlich mit Apfelbaum) sein Eigen nennt, aber auch ohne sind die Voraussetzungen heutzutage in den meisten Fällen eigentlich gut genug, um locker ein paar Wochen die Füße stillzuhalten.

"Eigentlich" deshalb, weil das menschliche Gehirn schlicht und ergreifend nur begrenzt zum Nichtstun taugt. Die Wohlfühlspanne ist dabei zwar von Mensch zu Mensch unterschiedlich, aber irgendwann juckt es selbst die größte Couchkartoffel so sehr im Hintern, dass sie sich aus der perfekt angepassten Sitzmulde herauspellen muss. Blöd nur, dass es gerade so wenige von den üblichen Berieselungs- und Ablenkungsangeboten gibt, die uns in dem Fall normalerweise davon abhalten, uns mit uns selbst oder der Welt da draußen beschäftigen zu müssen.

Also sitzen wir zu Hause und fangen an, die Astlöcher im Küchentisch zu zählen, schauen den Amseln im Baum vor unserem Balkon beim Brüten zu - oder fragen uns, warum es die Natur so eingerichtet hat, dass älteren Menschen Haare aus Körperöffnungen wachsen, die dafür nicht vorgesehen sind. Das sind jetzt vielleicht nicht unbedingt Entdeckungen auf newtonschen Niveau, aber doch mehr oder weniger valide Naturbeobachtungen - und damit ein erster Schritt, die neugewonnene Langeweile umzudeuten und wertzuschätzen.

Die Entdeckung der Langsamkeit

"Windstille der Seele" nannte Nietzsche diesen Zustand, in dem sich Ennui in Muße verwandelt. Es ist ein Zustand, für dessen Erreichung wir bis vor wenigen Wochen noch bereit waren, viel Geld für Achtsamkeitstrainings und ähnliche Entschleunigungsmaßnahmen auszugeben - jetzt gibt es die Langeweile ganz für umsonst, wir müssen uns ihr nur ergeben. In meinem Bekanntenkreis und bei mir selbst klappt das gerade eher noch so lala, sonst würde ich diese Kolumne wohl auch nicht an einem Samstagmorgen schreiben. Aber natürlich habe ich auch keinen Apfelbaum vor der Haustür, unter den ich mich setzen könnte, weswegen ich in diesem speziellen Fall erschwerte Bedingungen geltend machen möchte.

Mehr zum Thema

Anders gesagt: Die Entdeckung der Langsamkeit ist für uns Neuland, wir dürfen ruhig ein bisschen gnädiger zu uns selbst sein. Erzwingen kann man sie ohnehin nicht, und ein bisschen Zeit haben wir ja so oder so noch totzuschlagen: Mindestens bis zum 20. April, sagt unsere Bundesregierung. Genug Zeit also, um in aller Ruhe unseren Gedanken nachzuhängen. Die meisten von uns haben ja ohnehin gerade nichts Besseres zu tun.

Musikuntermalung zu dieser Kolumne: Frankie Goes To Hollywood - Relax (La Royale & Yesco Version)

Quelle: ntv.de