Kolumnen

Schlechte Zeiten, gute Zeiten Was ist heute überhaupt noch lustig?

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Musikuntermalung zu dieser Kolumne: Prince - "Sometimes It Snows In April" (live 2004)

(Foto: imago images / Everett Collection)

Die Frage stellt sich schon seit einigen Wochen, doch heute ist dafür ein besonders geeigneter Tag. Unser Kolumnist findet sogar eine Antwort, die Mut macht - wenigstens ihm selbst.

Ja, heute ist der 1. April. Der Tag ist traditionell der zwischenmenschlichen Irreführung gewidmet. Sie bestand für mich heute Morgen darin, dass ich zum ersten Mal seit Coronagedenken alleine wach wurde. Vergeblich klopfte ich mich mit beiden Armen durchs Bett - auf der Suche nach der fremden Frau, mit der ich seit vier Wochen eine Corona-Pop-Up-WG bilde.

Dass sie auf einmal weg war, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Wohin auch? Die Optionen für eine Flucht aus der Zweisamkeit sind sehr begrenzt. Fremdgehen ist keine Option. Außerdem sind wir sehr harmonisch. Der Witz war also gelungen.

Aprilscherze (die aus Bayern in die Welt getragen worden sein sollen, was schon für sich ganz lustig ist) gibt es im Großen wie im Kleinen. Und sie sind immer Geschmacksache. Als Burger King einmal einen Hamburger für Linkshänder ankündigte, fand ich das lustig. Als mein Sohn mit fünf Jahren sein leer gegessenes Frühstücksei auf den Kopf drehte und mir ganz unschuldig anbot, musste ich auch lachen.

Ein guter Scherz liegt in der echten Überraschung. Die bleibt aus, wenn er alt und einfallslos ist wie "Du hast da was!" Oder wenn er zu durchschaubar ist wie "Mein Bruder datet jetzt deine Mutter". Oder wenn er zu makaber ist wie "Ich habe Aids". Die Regierung von Thailand hat übrigens alle Scherze a la "ich habe Corona" offiziell verboten und unter Strafe gestellt - auch nach dem 1. April.

Dabei ist es nicht leicht, in dieser Zeit überhaupt noch zu sagen, was lustig ist. Können Sie es?

Das ganze Leben, das wir auf einmal gezwungen sind zu führen, wirkt wie ein großer Scherz - und in vielen Fällen wie ein schlechter. Kein Klopapier mehr im Supermarkt. Polizisten, die Menschen auflauern und für ihren Herdentrieb bestrafen sollen, als hätte sie Hans Landa aus "Inglorious Basterds" geschickt. Mietzahlungen, die ausbleiben. Nachbarn, die zu Fremden und Passanten, die zu Zombies werden - das alles ist wirklich nicht lustig.

Die ganze Welt versucht sich deshalb gegenseitig mit gefühlt einer Million Memes aus und über Quarantäne und Lockdown zu bespaßen. Ich kann gar nicht sagen, wie viel davon in den vergangenen Wochen auf meinem Telefon eingegangen ist. Gefallen haben mir vor allem die Filme aus den italienischen und spanischen Biotopen der Langeweile. Keines war allerdings so ironisch und gar erotisch wie das Video "I don’t know what to do with myself" - das Musterbeispiel gehobener Monotonie, das Kate Moss, Sofia Coppola und Jack White vorsorglich für diese Zeit vor 17 Jahren gedreht haben.

Die beiden Videos, die in unserer Zweier-WG im Moment auf den beiden ersten Plätzen stehen, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Das erste stammt aus Russland und heißt "Why Russians don't get Coronavirus". Das andere ist die herrliche neue Stimme des Virologen Christian Drosten, die uns "Die ganze Wahrheit" im Stil des Method Acting erklärt.

Wenn Sie nun fragen, warum wir das lustig finden, lautet die Antwort: Weil beide Szenarien nicht völlig ausgeschlossen sind!

Umgekehrt wären einige Schlagzeilen von heute vor Corona nur im "Postillon" veröffentlicht worden:

– "Adidas entschuldigt sich und zahlt jetzt doch Miete"

– "Zwei Münzen sollen die US-Wirtschaft retten"

– "Putin regiert nun aus dem Homeoffice"

In dieselbe Kategorie fällt freilich auch die "Journalistin" Trish Regan, die im US-Sender Fox behauptet hat, Corona sei eine Erfindung der Demokraten, um Donald Trump loszuwerden. Oder wenn der US-Sender CNN öffentlich darüber nachdenkt, die Pressekonferenzen des US-amerikanischen Präsidenten nicht mehr unkommentiert zu zeigen, sondern zusammengeschnitten und kommentiert ohne den Präsidenten - weil der so viel Unsinn sagt. Dann nämlich ist die Wirklichkeit längst zum großen und schlechten Scherz geworden!

So ist es kaum noch möglich, zu lachen, sollte Kevin Kühnert vorschlagen, ein Ministerium für Happiness zu gründen. Passt, würde ich denken. Die SPD hatte mit Sigmar Gabriel auch schon einmal einen Pop-Beauftragten. Oder wenn wir hören, dass immer mehr Männer Candle-Light-Dinner mit Liebespuppen abhalten. Gut möglich, dasselbe hat Bill Bryson schon vor Jahren über Hamburg im Buch "Neither Here Nor There: Travels in Europe" (deutsche Ausgabe: "Streifzüge durch das Abendland - Europa für Anfänger und Fortgeschrittene") erzählt.

Neulich las ich, dass Tanzschulen neuerdings Tanzstunden mit Robotern anbieten. Ein Scherz. Nein, dachte ich, nachdem ich das Buch "Machines like me" von Ian McEwan gelesen hatte. Darin erzählt er eine Geschichte aus den Achtzigerjahren. Das Internet ist bereits voll in Betrieb, Großbritannien hat den Falklandkrieg verloren (lol) und ein Roboter namens Adam verliebt sich in die Freundin des Hauptdarstellers, so dass eine Art der Dreiecksbeziehung entsteht, die ich mir in meiner Pop-WG nicht wünsche.

Trotzdem könnte ich mir diesen Zustand sehr gut vorstellen. Weil ich immer mehr Spaß daran habe, neu und anders zu denken, also "outside the box", wie man auf Englisch sagt. Dabei geht es im Kern um das, was der Soziologe Niklas Luhmann "Kontingenz" genannt hat - und was Sie bitte nicht mit "Kontinenz" oder gar "Inkontinenz" verwechseln dürfen. Die Kontingenz beschreibt nicht die Wirklichkeit, die wir erleben, sondern eine Wirklichkeit, die auch möglich ist. So könnten wir uns eine andere Realität ohne Donald Trump vorstellen - aber keinen anderen Donald Trump in dieser Realität.

Dabei müssen wir sehen, dass unsere Wahrnehmungen von der Welt immer kontingent sind, weil wir die Welt nun einmal unterschiedlich wahrnehmen. Für den einen ist der Wald dunkel und bedrohlich, für den anderen ein Ort der Besinnung. Ebenso kann das Coronavirus für die einen viel zerstören und damit ein echtes Problem darstellen, während es anderen als Ausrede zupasskommt und womöglich eine handfeste Lösung von Problemen bietet, die es schon vorher gab.

Das führt zurück zum Witz und zum Aprilscherz: Denn die Überraschung, die ihm immer als "Pointe" innewohnen muss, ist eine meist übertriebene Form der Kontingenz. Liegt der Witz hingegen nicht mehr allzu weit entfernt von der Realität, sind man und frau am selben Punkt, wie zerrüttete Eheleute, die nicht mehr imstande sind, Witze mehr über Scheidung zu machen.

Das Gute, das ich diesen Zeiten abgewinnen kann, ist der Galgenhumor, den sie aus uns allen abverlangt und zugleich hervorlockt. Es ist eine Art der sarkastischen Selbstironie, die ohne Corona vor allem die Briten berühmt gemacht hat und die im Englischen als "self-deprication" bezeichnet wird: die Selbstzerfleischung als Erkenntnisgewinn, so wie in diesem Video schon vor Jahren von David Mitchell und Robert Webb an einem Beispiel von zwei deutschen Männern, die sich während der letzten großen Weltkrise gefragt haben, ob sie womöglich die "Baddies" sind.

Wenn ich noch einmal auf heute Morgen zurückkommen darf: Die Frau, die ich im Bett nicht finden konnte, war übrigens nicht bloß auf dem Klo. Vielmehr hatte sie an einem Webinar teilgenommen, das der ehemalige Polizeipräsident von Osnabrück neuerdings zur Steigerung des persönlichen Selbstschutzes anbietet. Dass der Mann die Seele eines Guerillas zu haben scheint, zeigt das Spektrum seiner Kurse, das sich nicht zwischen Nahkampf und Hilfeschreien bewegt, um eventuell Infizierte abzuwehren. Vielmehr reicht es von "erfolgreich Schmierestehen, wenn die Polizei kommt" zu  den "besten Ausreden, um Strafen zu entgehen".

Okay, ich räume ein, dass ich heute Morgen auch ein bisschen enttäuscht war. Eigentlich hatte ich geplant, mich totzustellen. Einfach so. Etwas Besseres war mir nicht eingefallen - ich mache ich es jetzt einfach im nächsten Jahr.

Musikuntermalung zu dieser Kolumne: Prince - "Sometimes It Snows In April" (live 2004)

Quelle: ntv.de