"Back to the Future" in SchweizerischPasquale Aleardi: "Es endet damit, dass ich mich wie ein Teenager benehme"

Pasquale Aleardi ist ein Gesprächspartner, wie man ihn sich wünscht. Der Schweizer mit griechisch-italienischen Wurzeln fühlt sich auf der Bühne als Schauspieler und Musiker wohl. Über Fitness- und Jugendwahn, die ewige Liebe und warum Schauspieler eine Gewerkschaft brauchen, spricht er mit ntv.de.
ntv.de: Wo können wir Sie gerade sehen?
Pasquale Aleardi: Was ich gerade mache: Viel Promo für einen Kinofilm in der Schweiz. Wir sind auf Platz eins der deutschsprachigen Filme geschossen mit "Ewigi Liebi". Den Song kennt jeder Schweizer …
Hier ist er eher nicht so bekannt, aber warum sollten wir den Film trotzdem sehen, wenn wir die Möglichkeit dazu hätten?
OK, ihr bräuchtet Untertitel (lacht), aber es ist ein Feelgood-Movie, das den Menschen in diesen Zeiten wirklich etwas geben kann. Wir haben nicht erwartet, dass die Leute so begeistert sein werden.
Katharina Thalbach hat mal gesagt: "Selbst wenn Liebe nur zwei Monate dauert, in der Zeit aber schön ist, dann sollte man das genießen und danach nicht rumflennen, dass es vorbei ist. Nichts dauert ewig! Ja, man sollte in der Zeit, in der es schön ist, die Dinge genießen."
Recht hat sie! Also, in dem Film geht es um eine Zeitreise, und ich begebe mich in eine Zeit zurück, in der ich auf mein jüngeres Ich treffe, in meinem alten Dorf, und versuche, mein junges Ich davon abzuhalten, all die Fehler zu begehen, die ich begehen werde. Die Fehler, die dazu führen werden, dass ich ein Leben lang unglücklich bin. Was nur auf einem Missverständnis beruht. Meine Figur leidet ein Leben lang darunter.
Also "Back to the Future" in Schweizerisch …
Genau. Wann hat man schon die Gelegenheit, eine solche Zeitreise zu machen? Und dann mit coolen Pop- und Rocksongs.
Begegnet man seinem eigenen, wirklichen Ich dann auch nochmal, wenn man sowas dreht?
Meine Kollegin und ich haben auf jeden Fall gemerkt, dass wir älter geworden sind. Ich bin inzwischen ja auch schon 54 (lacht) ...
Ihr jüngeres Ich wird von Luca Hänni gespielt, …
… genau, und das hat er super gemacht, war seine erste große Rolle. Dass ich schon älter bin ist mir noch nie so bewusst geworden wie in diesem Film. Weil es natürlich nur darum geht. Da kommen einige Erinnerungen hoch. Vor 30 Jahren war ich ein galoppierendes junges Pferd (lacht).
Und jetzt sind Sie im gemütlichen Trab unterwegs?
Eher im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, eine ganze Herde galoppiert in mir. Je älter ich werde, desto mehr Liebe, Leidenschaft und Spaß habe ich eigentlich. Vor allem, weil ich das jetzt viel besser durchdringe und verstehe. Das Problem ist, ich kann jetzt schlecht noch den Romeo spielen.
Ach Quatsch. Man könnte ja mal über Romeo und Julia in einer älteren Version nachdenken.
Das ist eine sehr gute Idee! Das wäre ein Konzept, bei dem ich sehr gern dabei wäre.
Wir werden immer älter, angeblich, aber da man nicht weiß, wie alt, weiß man eben nicht, wieviel noch bleibt. Und das ist doch das Blöde am Älterwerden.
Das Gefühl hatte ich schon vor langer Zeit, als mein Vater starb. Da war ich erst Mitte dreißig. Wenn die Eltern nicht mehr da sind, dann sind wir die nächsten. Es wird einem vor allem bewusst, wenn man Kinder hat. Ich bin ja erst relativ spät Vater geworden, das hat das Bewusstsein auf jeden Fall verstärkt, dass das Leben doch sehr endlich ist. Aber witzigerweise ist auch intensiver geworden. Ich genieße mehr und lebe besser. Ich freue mich mehr.
Achten Sie auf sich?
Ja, das macht viel aus. Das Umfeld, der Partner, Sport, weniger Alkohol. Oder gar keiner. Ich trinke seit Jahren nichts. Meine Frau und ich wollen ja zusammen alt werden.
Alt werden schon, aber auf keinen Fall alt sein, oder? Das ist immer noch ein Makel, denn alt sein wollen alle erst später, selbst, wenn sie bereits alt sind …
Ich finde es ehrlich gesagt total verrückt, was da gerade passiert in unserer Gesellschaft. Ich finde, man sollte gar nichts müssen. Wenn ich so alte Männer im Sportstudio sehe, die da ackern und schwitzen, um einen guten Body zu haben, die aber so aussehen, als ob sie gleich vom Laufband kippen, das ist doch auch nicht gesund. Lasst uns doch mal wertschätzen, dass, wenn wir alt werden, machen können, was wir wollen. Es wird einem aber vorgegaukelt, dass man auch mit 80 noch extrem fit sein muss. Grundfitness – klar, man muss sich wohl fühlen und gesund sein, aber dieser Krampf, das geht mir echt auf den Wecker.
Als Schauspieler muss man fit sein …
Ja, aber wenn ich kein Schauspieler wäre, dann weiß ich nicht, ob man mich im Sportstudio antreffen würde (lacht). Früher hat so ein Training auch einfach länger gehalten. Jetz verschwinden die Muskeln schneller wieder. Man ist halt nicht mehr dreißig. Ums Verrecken jung und dynamisch bleiben zu müssen ist aber so ein Druck, Wahnsinn!
Wenn man heute krank ist oder alt aussieht, dann wird einem das ja eigentlich vorgeworfen.
Es ist ein völlig neues Mindset, denke ich. In Zürich macht ein Club zu, den ich früher super fand, weil die da kaum mehr Alkohol verkaufen. Das ist auf der einen Seite super, aber auf der anderen Seite auch befremdlich. Finde ich.
Wären Sie gern nochmal jung? Vielleicht nur für einen Tag?
Da muss ich echt überlegen, aber ich glaube, ich fänd's lustig. Mit meinem jetzigen Wissen und meiner Energie von damals nochmal 20 zu sein, das wäre schon was. Dann hätte ich eine Frau, die 20 Jahre älter wäre (lacht), aber das macht nichts, die lieb' ich so oder so, und ich wäre ein extrem junger Vater. Also daran würde es scheitern, ich wäre kein guter Vater gewesen so jung. Ich hätte die Zeit aber vielleicht auch noch anders genutzt.
Zurück zur "Ewigi Liebi" ...
Ich glaube, dieser Film macht was mit den Leuten. Er hat ein hoffnungsvolles Ende, so viel sei verraten. Was jung hält, ist das, was einen inspiriert, das ist bei jedem sicher anders. Und das ist unabhängig von allem anderen. Egal, was andere sagen. Wenn dich Briefmarken sammeln glücklich macht, dann musst du das machen. Sich vernünftig ernähren und bewegen, das steigert die Lebensqualität.
Es sei denn es ist in deiner DNA, dass du Gewichte stemmen musst …
Wie Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone. Die müssen die Meister des positiven Denkens sein. Das ist mehr als nur Muckis. Man wird nicht einfach Mister Olympia, bestbezahlter Schauspieler, Gouverneur, Umweltaktivist. Das geht nur, wenn du ganz klar bist.
Apropos klar sein, Sie sind Mitglied der Schauspielergewerkschaft BFFS …
… Mitglied der ersten Stunde, möchte ich betonen!
Warum sollte man als erfolgreicher Schauspieler Mitglied in einer Gewerkschaft sein?
Weil man ja nicht immer erfolgreich ist. Zumindest besteht diese Möglichkeit, und zwar sehr realistisch! Ich wurde gefragt, mitzumachen. Ich bin sehr dankbar und froh, dass es das gibt, weil es so wichtig ist, dass es Orte gibt, an denen man sich austauschen kann. Es geht um Fortschritt, zum Beispiel bei E-Castings. Das ist etwas, mit dem sich viele Schauspielerinnen und Schauspieler noch schwertun, wird aber immer üblicher. Sich darüber auszutauschen, über das Prozedere, ist total wichtig. Wenn man immer alles allein vor sich hin macht, wie es viele Schauspieler tun, dann kann man auch vieles falsch machen. Es muss authentisch sein, der Ton muss stimmen, man muss gut zu sehen sein. Darüber haben wir heute zum Beispiel lange diskutiert, mit CasterInnen und KollegInnen.
Bringt eine Gewerkschaft mehr Solidarität mit sich?
Ja, auf jeden Fall. Vor allem seit der Pandemie empfinde ich das als sehr viel wertvoller. Das erste Jahr ging noch, aber das zweite Jahr wurde eine Qual, auch wenn es mit der Familie toll war. Aber nicht mehr auftreten zu können, auch keine Musik mit meinen geliebten Phonauten machen zu können, das war schon sehr schwer.
Berlinale – Pflicht oder Kür?
Beides. Es gibt Termine, zu denen man aus Respekt geht und es gibt Spaß-Termine. Aber beides endet ehrlich gesagt mit dem Gefühl, dass ich mich wie ein Teenager benehme (lacht). Es ist wunderbar. Und das, obwohl ich diesen Beruf schon seit über dreißig Jahren ausübe. Berlinale ist wie ein fröhliches Klassentreffen.
Mit Pasquale Aleardi sprach Sabine Oelmann im Rahmen der BFFS Backstage Reception im Drive. Volkswagen Group Forum
Termine für Pasquale Aleardi und die Phonauten finden Sie hier