Unterhaltung

"Dejá-Vu" im Dresdner "Tatort" Chronisch überhitzt

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Stefan Krüger (Jörg Malchow) versucht zu beweisen, dass er der Stiefvater des ermordeten Rico Krüger ist.

(Foto: dpa)

Kindesmissbrauch, Mord, Komplizenschaft, Selbstjustiz: Der fünfte Fall für die Oberkommissarinnen Sieland und Gorniak fährt die ganz großen Geschütze auf. Das gerät in weiten Teilen spannend und bedrückend, dreht aber ein wenig zu oft am Lautstärke-Knopf.

Es ist ein Abschied auf Raten. "Dejá-Vu" heißt der vorletzte Fall für Alwara Höfels in der Rolle der Dresdner Oberkommissarin Henni Sieland und mit dem Thema greift der MDR noch einmal in die Themenkiste mit der Aufschrift "Schlimmer geht es nimmer". Der neunjährige Rico Krüger wird vermisst, kurze Zeit später finden Jugendliche eine Tasche am Elbufer, darin der zusammengekrümmte Leichnam des Jungen. Als ein anonymer Anrufer Ricos Schwimmlehrer Micha Siebert (Niels Bruno Schmidt) belastet, hat das harte Konsequenzen. Kurz darauf brennt Sieberts Auto, wenig später wird er brutal zusammengeschlagen und landet im Krankenhaus.

Der Tipp, das finden Kripo-Chef Schnabel (Martin Brambach), Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland bald heraus, kommt von Jennifer Wolf (Alice Dwyer). Die junge Frau ist im Schulamt tätig und lebt mit einem Mann zusammen, der wiederum selbst nicht ganz astrein zu sein scheint. Was es mit dem sauber gescheitelten René Zernitz (Benjamin Lillie) auf sich hat, der als Techniker im Dienst der Stadtwerke viel mit seinem blauen Kastenwagen in der Stadt unterwegs ist, deutet sich denn auch recht zügig an. Zu schaffen macht dem Kripoteam dabei nicht nur der Fall selbst und der Dampf, den Bevölkerung und Medien unterm Kessel machen, auch die Wetterlage bringt insbesondere Brambach immer wieder an seine Grenzen: Es ist einfach viel zu heiß in der Stadt.

Fehlendes Mitspracherecht, krude Dialoge

Vielleicht wäre Alwara Höfels Entscheidung anders ausgefallen, hätte sich der Dresdner "Tatort" etwas öfter von so atmosphärisch-düsterer Seite gezeigt wie hier, stattdessen bemängelte die Schauspielerin fehlendes Mitspracherecht, krude Dialoge und hanebüchene Story-Entwicklungen. Regisseur Dustin Loose, Studenten-Oscar-Preisträger 2015 für "Erledigung einer Sache", und seinen Autoren Mark Monheim und Stephan Wagner kann man derlei Vorwürfe nicht machen.

Das rabenschwarze Sujet verpacken sie zu einem überaus emotionalen Krimistück, verzichten größtenteils auf Nebenschauplätze und erzählen das düstere Drama entlang der Biografie der Beteiligten: Da verschiebt sich plötzlich Karin Gorniaks Perspektive beim Blick auf das Verhältnis ihres Etagenflirts Nick (Sebastian Zimmler) zu Gorniaks Sohn Aaaron (Alessandro Schuster), Familienväter werden zu Schlägern, Lebensgefährten zu Komplizen, die zwischen Hoffnung und Angst taumeln und sich am Ende dauerhaft mitschuldig machen.

So atmosphärisch dicht das aber in vielen Momenten ist, ganz rund bekommen Loose und Co. auch diesen Fall nicht geschliffen. Allein wie Schnabel, in den Fällen zuvor schon oft überzeichnet an der Grenze zur Karikatur, quasi der Wutbürger unter den ARD-Kommissaren, hier in praktisch jeder Szene der Kragen platzt, ständig mit Schweißfilm auf der Stirn, weit aufgerissenen Augen und überlauter Stimme, das setzt dem Doppelbödigen viel zu viel Krach entgegen und ist nach kurzer Zeit einfach nur ermüdend. Am stärksten ist dieser Fall immer dann, wenn den Dingen, den Blicken, den Gefühlen Raum und Ruhe gelassen wird. Selbst das Binnenverhältnis zwischen Gorniak und Sieland bekommt auf diese Weise eine Dichte, die es zuvor nicht gab. Nur noch ein Fall, dann ist auch das Geschichte.

Quelle: ntv.de