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Prügel-Prinzessin im Märchenwald "Disenchantment" vom "Simpsons"-Macher

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"Disenchantment" ist die neue Serie von "Simpsons"-Erfinder Matt Groening.

(Foto: Netflix)

Matt Groening ist eine Legende. Er hat "Die Simpsons" erfunden und mit "Futurama" nachgelegt. Jetzt erscheint sein neuester Cartoon "Disenchantment", ein Mittelaltermärchen um eine deutlich bierdurstige Prinzessin.

Man will sich das nicht so richtig vorstellen - Homer Simpson verschwitzt über Cersei Lannister, Crusty der Clown die rote Gnubbelnase im Schoße von Daenerys Targaryan versenkt. Kein schönes Bild. Aber irgendwie muss es ja zustande gekommen sein, das Kind von "Die Simpsons" und "Game of Thrones". Als Kreuzung beider Serien war "Disenchantment" nämlich umschrieben worden, als Netflix' neuer Cartoon-Titel bei der MCM Comic-Con in London vorgestellt wurde. Was damit gemeint ist: Es soll lustig werden ("Die Simpsons") und blutig ("Game of Thrones"). Die Figuren sehen aus wie Bewohner von Springfield und das Geschehen könnte auf irgendeiner grobgezeichneten Nachbarinsel von Westeros angesiedelt sein.

Im Zentrum der Geschichte steht die Prinzessin Bean. Die trinkt gern mal einen zu viel und tut auch sonst so einiges, was sich für ein Mädchen nicht ziemt. An ihrer Seite: Elfo, der Elf, und ihr persönlicher Dämon Luci. Als Trio Infernale treiben sie Beans tölpelig herrischen Vater in den Wahnsinn, den König von Dreamland. Sie treffen Schlächter, Walrosse und so manche mystische Kreatur. Matt Groening hat sich das ausgedacht. Das merkt man - nicht nur optisch. Heldin Bean ist ein bisschen Lila, ein bisschen Lisa und damit voll auf Linie mit den weiblichen Hauptfiguren Groenings bislang größter Erfolge: "Die Simpsons" und "Futurama". Hat man die beiden Serien im Hinterkopf, wirkt das mittelalterliche Setting gleich schon etwas fad. Die Gegenwart und die Zukunft wurden abgegrast, drum muss es nun eben was mit Schwertern, Burgen und Fackelschein sein. Kernkonstante: Es fließt viel Bier.

"Disenchantment" guckt sich wie eine Auftragsarbeit, nicht wie die Frucht künstlerischen Schaffensdrangs. Vielleicht ist das Misstrauen unangebracht. Vielleicht wollte Groening wirklich dieses eine Projekt umsetzen. Vielleicht wollte er wirklich mal eine Frau zur Heldin eines Erwachsenen-Cartoons machen und ihm ist dann einfach nichts besseres eingefallen als eine mittelschöne Rotzgöre, die um die verstorbene Mutter trauernd den Vater ablehnt und doch seine Anerkennung sucht. Bean könnte eine echte Superfrau sein. Und sie ist es auch zuweilen. Wenn sie eine Horde Trunkenbolde an der Nase herumführt zum Beispiel. Oder wenn sie einem Tümpelungeheuer ordentlich was auf die Nase gibt. Aber "Disenchantment" macht sie immer wieder zum kleinen Mädchen. Sie hadert, wer sie sein soll. Zweifelt, ob sie überhaupt jemand sein soll. Bean will zwar nicht nach den Regeln spielen, aber gefallen will sie schon. Schnarch.

Ehe oder Kloster?

Es scheint, als wisse die Serie nicht wirklich was mit ihrer Heldin anzufangen. Und auch ansonsten will das mit den Frauenfiguren nicht so richtig hinhauen. Es gibt die Stiefmutter - bisschen böse, bisschen ungewöhnliche Genitalien, eine libidogesteuerte Elfin und eine liebevolle Ex-Amme. Interaktion zwischen den Frauen? Fehlanzeige. Das mag alles dem Setting geschuldet sein. Das Mittelalter ist eben eine Männerwelt. Aber wo es Dämonen und Elfen und quasi-erotische Walrosse gibt, da muss doch auch in Sachen Geschlechterstereotypen mehr drin sein, als eine Hauptfigur, die auch mal beim Bankett kotzt. Es gibt eine Oberräuberin. Ansonsten noch Nonnen. Die Mittelalterfrau hat zwei Optionen: Ehe oder Kloster. Vielleicht noch eine Dritte: das Leben als Gesetzlose.

Wenn "Disenchantment" denn wenigstens zum Brüllen wäre. Spoiler Alert: Ist es nicht. Wesentlich zehrt die Serie von Witzen über die Grausamkeiten einer Zeit, die in Wirklichkeit überhaupt nicht witzig, dafür vor allem grausam war. Was aber sagt das über die Gegenwart? "Disenchantment" wirkt auf den ersten Blick, als könne da nicht mehr viel schiefgehen. Aber ein ordentlicher Erwachsenen-Cartoon schickt nicht einfach einen 2-D-Trupp auf große Reise. Er muss Wahrheiten erzählen, manchmal wehtun. Man muss lachen können, weil man sich selbst, den Chef, die Schwiegermutter oder den Nachwuchs in den Comic-Figuren erkennt. Er muss aufregend sein und neu. "Disenchantment" ist nicht genüsslich garstig wie "Archer" (sagen wir bis Staffel sieben), abgedreht wie "Rick and Morty" oder so ungeschlagen innovativ zeitgeistig wie "Bob's Burgers". "Disenchantment" hat ein paar tolle Bilder. Wenn zwei Schweine genüsslich Därme schlürfen wie Susi und Strolch Spaghetti, dann ist das großartig. Ansonsten kann man getrost wegschalten.

"Disenchantment" ist ab dem 17. August abrufbar über Netflix.

Quelle: ntv.de