Unterhaltung

Düsterer Neujahrs-"Tatort"Im Dresdner Fritzl-Keller

01.01.2026, 21:57 Uhr
imageVon Julian Vetten
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Irrt nach ihrer Flucht aus dem Keller verletzt und verwirrt durch Dresden: Amanda (Emilie Neumeister). (Foto: MDR/MadeFor/Steffen Junghans)

Was treibt Menschen dazu, ihre eigenen Kinder einzusperren? Der neue Dresdner "Tatort" greift ein Thema auf, das vor allem durch zwei österreichische Fälle aus dem echten Leben für weltweites Entsetzen sorgte – und erzählt doch eine ganz eigene Geschichte.

Die Bilder aus Amstetten gingen 2008 um die Welt: Ein 60 Quadratmeter großes Kellergefängnis, gesichert mit acht schweren Türen. Josef Fritzl hatte seine Tochter Elisabeth dort 24 Jahre lang gefangen gehalten, mit ihr sieben Kinder gezeugt. Nur zwei Jahre zuvor war Natascha Kampusch die Flucht aus dem Verlies gelungen, in das sie ihr Entführer Wolfgang Přiklopil achteinhalb Jahre gesperrt hatte – und mit trauriger Regelmäßigkeit gehen ähnlich gelagerte Fälle durch die Presse. Der Dresdner Neujahrs-"Tatort" greift einige der zentralen Elemente der Fälle aus Österreich auf, um damit dann eine ganz eigene und ziemlich unerwartete Geschichte zu erzählen. Die zentralen Fragen bleiben aber dieselben: Was treibt Menschen dazu, (ihre eigenen) Kinder einzusperren? Und wie kann ein Mensch jahrelang verschwinden, ohne dass es jemandem auffällt?

In "Nachtschatten" heißt das entführte Mädchen Amanda (Emilie Neumeister) und fasst nach ihrer Flucht im Gespräch mit der Dresdner Kommissarin Winkler (Cornelia Gröschel) ihr Verständnis von der Welt so zusammen: "Papa darf alles". Das klingt sehr nach den realen Tyrannen Fritzl und Přiklopil, die vor allem ein Bedürfnis antrieb: Absolute Macht über einen anderen Menschen. Im Film schaffen es Drehbuchautorin Viola Schmidt und Regisseurin Saralisa Volm durch ein paar sehr geschickte Kniffe, auch noch weitere Motive durchzudeklinieren, die weniger eindeutig erscheinen, aber in ihrer Konsequenz nicht weniger brutal und grausam sind.

Pervertierte Liebe und falsch verstandene Fürsorge

Falsch verstandene Liebe ist dabei das gleichzeitig mächtigste wie am schwersten zu durchschauende: Im "Tatort" deutet Amandas Mutter, die sich am Ende als die Täterin entpuppt, die Kindesentführung vom Verbrechen zur Fürsorge um: "Die Welt ist ein böser Ort" – die Kinder vor ihr zu schützen, sei Aufgabe der Eltern. Wie leicht der Switch im Kopf funktionieren kann, erzählt Nina Kunzendorf, die im "Tatort" Amandas Mutter spielt: "Es mag merkwürdig klingen, aber eigentlich habe ich lediglich versucht, eine liebende Mutter zu spielen." Denn nichts anderes ist die Entführerin in ihrem eigenen Weltbild.

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"Schützt" ihre Tochter nur vor der "bösen Welt da draußen" und redet sich ihre eigene Tat damit schön: Emilies Mutter (Nina Kunzendorf). (Foto: MDR/MadeFor/Steffen Junghans)

Und Amanda selbst? Die zweifelt schon bald nach ihrer gelungenen Flucht daran, ob ihr die neugewonnene Freiheit wirklich gut tut. "Man spricht nicht schlecht über seine Familie", plappert das Mädchen einen der Glaubenssätze ihrer Peinigerin nach, als Kommissarin Winkler ihr klarmachen möchte, wie grausam die Entführung und jahrelange Kellerhaft sind. Oder anders gesagt: Die jahrelange Tortur hat Wirkung gezeigt, ein klarer Fall von Stockholm-Syndrom, bei dem Opfer Sympathie für ihre Peiniger aufbringen, um irgendwie mit der Situation umgehen zu können.

Dieser Strang erinnert sehr an Natascha Kampuschs Befreiung: Damals spekulierten Experten, sie leide unter ebenjenem Stockholm-Syndrom. Kampusch selbst wehrte sich gegen diese Deutung, sprach aber auch von "privaten Bereichen" ihrer Beziehung zu Přiklopil, die niemanden etwas angingen. Im Dresdner "Tatort" wird diese komplexe Opfer-Täter-Dynamik auf eine ganze Familie übertragen: Die Mutter (Nina Kunzendorf) ist nicht nur Täterin, sondern auch selbst Opfer, wie am Schluss deutlich wird.

Quelle: ntv.de

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