3D-Konzertfilm mit TiefgangJames Cameron fängt Billie Eilish neu ein
Billie Eilish braucht keine riesige Bühnenshow, um Zehntausende Menschen in ihren Bann zu ziehen. In "Hit Me Hard and Soft" begleitet Regisseur James Cameron die Sängerin bei einem Konzert in Manchester - und fängt dabei erstaunlich intime Momente ein.
Neun Jahre ist es inzwischen her, dass Billie Eilish mit "Ocean Eyes" praktisch über Nacht berühmt wurde - und das sogar eher zufällig. Ihr Bruder Finneas O'Connell hatte den Song ursprünglich für seine eigene Band geschrieben, überließ ihn dann aber Billie. Billie sang ihn ein und lud ihn bei Soundcloud hoch - eigentlich nur, damit ihr Tanzlehrer dazu eine Choreografie entwickeln konnte. Stattdessen ging der Song viral. Der Rest ist Popgeschichte.
Seitdem hat Billie Eilish nicht nur zwei Studioalben veröffentlicht - "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" (2019) und "Happier Than Ever" (2021), beide weltweit Nummer eins -, sondern auch eine beeindruckende Liste an Hits gesammelt: "Bad Guy", "Everything I Wanted", "Therefore I Am", "Happier Than Ever", "What Was I Made For?" oder zuletzt "Birds of a Feather" wurden internationale Erfolge und gehören längst zur Generation-Z-DNA. Dazu kommen mehrere Grammys, zwei Oscars und inzwischen ihr drittes Album "Hit Me Hard and Soft", das 2024 erschien und erneut Spitzenplätze rund um den Globus erreichte. Kaum eine junge Künstlerin hat Pop in den vergangenen Jahren so geprägt wie sie.
Dass sich nun ausgerechnet James Cameron ihrer angenommen hat, wirkt auf den ersten Blick überraschend - und gleichzeitig vollkommen logisch. Der Regisseur, der mit Filmen wie "Titanic", "Avatar" oder "Terminator" Filmgeschichte geschrieben hat, gilt seit Jahrzehnten als technischer Perfektionist und visueller Visionär. Für "Hit Me Hard and Soft" begleitet er Billie Eilish bei einem Konzert in Manchester - und macht daraus weit mehr als einen gewöhnlichen Konzertfilm. Regie führen beide gemeinsam, Cameron filmt große Teile selbst, oft ganz nah dran, mit Kamera auf der Schulter und angenehm unaufgeregter Präsenz.
Kein unnötiges Tamtam
Der Film lebt genau von dieser Nähe. Natürlich sieht man das Konzert - und zwar intensiv, laut und emotional -, aber eben auch alles dazwischen. Immer wieder verschwindet Billie während der Show unter der Bühne, rennt durch schmale Gänge unter der Arena entlang und taucht plötzlich an völlig anderer Stelle wieder auf. Die Kameras fangen diese Dynamik hervorragend ein, beziehen das Publikum ständig mit ein, spielen regelrecht mit dessen Energie. Besonders eindrucksvoll ist eine Szene rund um "When the Party's Over": Billie nimmt live auf der Bühne Harmonien auf, bittet die Arena um absolute Ruhe - und Zehntausende Menschen verstummen tatsächlich komplett. Mucksmäuschenstill. Später performt sie den Song im Liegen.
Spätestens dort wird klar, welche Wirkung sie auf ihre Fans hat und wie mühelos sie einen gesamten Raum emotional kontrollieren kann. Die 24-Jährige braucht keine riesige Bühnenshow, keine Backgroundtänzer, keine überladene Choreographie oder Pyrotechnik, kein unnötiges Tamtam. Der Film macht deutlich, dass ihre Konzerte im Kern nur aus zwei Dingen bestehen: ihr und ihren Fans. Genau so wolle sie es auch, sagt sie selbst im Gespräch mit Cameron.
Dass diese Verbindung echt ist, zeigen auch die Szenen vor der Arena. Einige Fans, die teilweise seit Tagen vor der Halle campiert haben, um möglichst nah an der Bühne zu stehen, erzählen dort - meist unter Tränen -, wie Billie ihnen durch Depressionen und Einsamkeit geholfen habe. Andere berichten, ihre Musik habe sie vom Freitod abgehalten oder wieder mit ihren Familien zusammengebracht. Auch während des Konzerts fließen immer wieder Tränen. Ein junger Fan mit Zahnspange scheint emotional völlig überwältigt zu sein und steht nahezu die komplette Show kurz vorm Nervenzusammenbruch.
Der Film zeigt aber auch die Stunden vor dem Auftritt. Wie Billies Knöchel getaped werden, weil sie bei Konzerten ständig springt und über die Bühne rennt. Wie sie per Facetime mit ihrem Gesangstrainer ihre Stimme aufwärmt. Wie sie sich selbst schminkt, ihre Haare macht und mit James Cameron über Eyeliner-Technik spricht. Gerade diese Momente funktionieren überraschend gut, der Umgang zwischen den beiden Megastars ist bemerkenswert angenehm, weil keiner versucht, größer oder wichtiger zu wirken als der andere. Cameron hält sich angenehm zurück, beobachtet mehr, als dass er inszeniert, und strahlt dabei eine Ruhe aus, die perfekt zum Film passt. Es ist tatsächlich schön, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Billie wiederum wirkt völlig entspannt, fast erstaunlich normal für einen der größten Popstars der Welt.
3D hätte es nicht gebraucht
Besonders spannend sind auch Billies Gedanken über ihren Kleidungsstil, der zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Seit Jahren trägt sie bewusst weite Basketballshorts, Trikots und unzählige Kleidungsschichten - ein Statement gegen den Druck, als junge Popkünstlerin möglichst sexy oder feminin auftreten zu müssen. Beeindruckend ist dabei weniger die Kleidung selbst als die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Entscheidungen verteidigt. Billie Eilish wirkt mit ihren 24 Jahren erstaunlich aufgeräumt, reflektiert und selbstsicher - nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Umgang mit Ruhm und Öffentlichkeit. Immer wieder lobt sie außerdem ihr Team dafür, ihre Ideen ernst zu nehmen und wirklich zuzuhören. Wer Billie und Finneas schon einmal bei der Arbeit beobachtet hat, weiß allerdings auch, warum das sinnvoll ist: Beide verfügen über ein außergewöhnliches musikalisches Gespür und ein beinahe absurdes Skillset.
Apropos Finneas: Es ist die erste Tour, die Billie ohne ihren Bruder bestreitet. Umso emotionaler ist ein Rückblick zu ihrem Auftaktkonzert, bei dem sie per Kurier Blumen und einen Brief von dem 28-Jährigen erhält. Schon bevor sie ihn laut vorliest, kommen ihr die Tränen. In Manchester taucht Finneas überraschend auf der Bühne auf und singt gemeinsam mit ihr "Ocean Eyes" und "Birds of a Feather" - zwei der schönsten Momente aus der Konzertdoku.
Überhaupt funktioniert "Hit Me Hard and Soft" hervorragend. Nicht als klassische Musikdoku oder gigantischer Konzertfilm, sondern als erstaunlich intime Momentaufnahme einer jungen Künstlerin, die längst ein Weltstar ist - und dabei trotzdem nie den Eindruck vermittelt, einer sein zu wollen. Nur eine Entscheidung bleibt fragwürdig: das 3D. James Cameron wäre nicht James Cameron, wenn er nicht auch technisch experimentieren würde. Wirklichen Mehrwert bietet das hier allerdings nicht. Weder intensiviert es das Konzertgefühl noch eröffnet es neue Perspektiven. Man vergisst zwischendurch sogar komplett, dass man überhaupt einen 3D-Film schaut. "Hit Me Hard and Soft" funktioniert am besten dann, wenn er ganz schlicht bleibt - genau wie Billie Eilish selbst.
