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Projiziert ihre Gewalterfahrungen auf den Ehemann (Aljoscha Stadelmann) der Entführten: Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler)
Projiziert ihre Gewalterfahrungen auf den Ehemann (Aljoscha Stadelmann) der Entführten: Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler)(Foto: NDR/Marion von der Mehden)
Samstag, 04. November 2017

Gewalt-"Tatort" mit Furtwängler: Lindholms Fall

Von Julian Vetten

Die Frau eine Walsroder Bankfilialleiters wird entführt, ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Ist in "Der Fall Holdt" aber eigentlich gar nicht so wichtig, schließlich muss Kommissarin Lindholm erstmal mit ihren eigenen Gewalterfahrungen klarkommen.

Wildpinkeln ist nicht unbedingt die feine englische Art. Aber wenn's pressiert, pressiert's, und dann muss man manchmal eben einfach handeln. Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler) sucht sich dafür während einer Party eine dunkle Ecke zwischen zwei Autos aus - und wird dabei von drei betrunkenen Männern überrascht, die das Ganze mit ihren Kameras dokumentieren. Das ist freilich noch um Längen weniger fein als Lindholms Erleichterungsaktion. Findet auch die Kommissarin und fordert die Kerle auf, die Fotos zu löschen. Die denken nicht mal dran, es kommt zum Handgemenge, Lindholm wird verprügelt und erniedrigt.

Gespiegelte Kommissarinnen: Schäfer (Susanne Bormann, l.) und Lindholm (Maria Furtwängler)
Gespiegelte Kommissarinnen: Schäfer (Susanne Bormann, l.) und Lindholm (Maria Furtwängler)(Foto: NDR/Marion von der Mehden)

Die Anfangsszene des neuen LKA-"Tatorts" aus Niedersachsen hat auf den ersten Blick rein gar nichts mit dem eigentlichen Fall zu tun, den Lindholm am nächsten Tag mit zerschundenem Körper und verletzter Seele aufklären soll, löst aber eine selbstzerstörerische Kaskade aus, an deren Ende nicht nur Lindholm am Boden liegt. Das von ebenjenem Fall erst jetzt die Rede ist, hat zwei Gründe: Erstens spielt die Entführung der Frau eines Bankfilialleiters neben der stark gezeichneten Abwärtsspirale der Kommissarin eher eine Nebenrolle, zweitens ist die Aufklärung ohnehin nur für all jene spannend, die sich nicht mehr an den spektakulären Entführungsfall Bögerl aus dem Jahr 2010 erinnern.

Lindholms jüngeres Spiegelbild

Wem die Vorlage für "Der Fall Holdt" kein Begriff (mehr) ist, der darf indes bis zum Schluss mitfiebern: Stecken hinter der Entführung der Frau Unbekannte oder hat vielleicht doch der cholerische und in finanziellen Nöten steckende Ehemann (Aljoscha Stadelmann) den Menschenraub in Auftrag gegeben? Lebt die Frau überhaupt noch oder wurde sie längst beiseite geschafft? Auch Lindholm versucht Antworten auf diese Fragen zu finden, verrennt sich aber recht bald in einem persönlichen Rachefeldzug gegen den Ehemann, der zur Projektionsfläche der Gewalt wird, die ihr zuvor angetan wurde. In einer ob ihrer Intensität kaum zu ertragenden Verhörszene will die Kommissarin ein Geständnis von Holdt erzwingen - und der Zuschauer merkt: Worte können ebenso gewalttätig sein wie Schläge und Tritte.

Lindholms Absturz wird noch deutlicher, weil sie im Laufe der Ermittlungen auf ihr jüngeres Spiegelbild trifft: Kommissarin Schäfer (Susanne Borgmann) ist eine attraktive, intelligente und starke Frau, sogar Kleidungsstil und blonde Locken teilen sich die beiden Ermittlerinnen. Während Lindholm allerdings zunehmend erratisch agiert, übernimmt Schäfer die Rolle, die sonst ihrer älteren Kollegin zukommt: Sie ist ein rationaler Fels in der Brandung des Wahnsinns, der sie umgibt.

Stilistisch macht "Der Fall Holdt" so ziemlich alles richtig, was man richtig machen kann: Entsättigte Farben und klagende Streichermelodien unterstreichen den düsteren Flair des Streifens - und wer hätte gedacht, dass die Walsroder Wälder so ungemütlich sind? Wie viel Freude man mit diesem "Tatort" hat, hängt am Ende allerdings stark davon ab, ob man mit der Fokussierung auf die Kommissarin zu Lasten des Falles selbst d'accord ist. "Der Fall Holdt" könnte ohne Probleme schließlich auch "Lindholms Fall" heißen.

Quelle: n-tv.de

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