"Hatte das Gefühl, zu ersticken"Prinz Harrys unterdrückte Trauer führte zu Panikattacken

Mit zwölf Jahren verliert Prinz Harry seine Mutter Diana. Seine Trauer unterdrückt er jahrelang und schottet sich emotional ab. Mit schwerwiegenden Folgen für seine psychische Gesundheit, wie er nun offenbart.
"Jeder wusste, was mir als Kind widerfahren war. Jeder hat mich wahrscheinlich angesehen und dabei gedacht: 'Wie geht es ihm? Ist er in Ordnung?' Das war für mich ein Grund, stets den Eindruck zu vermitteln, dass es mir gut geht und dass ich in Ordnung bin." So beschreibt Prinz Harry im Gespräch mit der Neurowissenschaftlerin Mary-Frances O'Connor rückblickend die für ihn so belastende Zeit nach dem Unfalltod seiner Mutter. Prinzessin Diana starb, als ihr jüngster Sohn zwölf Jahre alt war.
In einer Folge der Youtube-Serie "MasterClass" spricht der 42-jährige Herzog von Sussex sehr offen über die Themen Trauer und Resilienz. Dabei offenbart der Prinz, dass das jahrelange Unterdrücken seiner Gefühle bei ihm zu Phasen von Angstzuständen und Depressionen geführt habe. Anhand von Harrys persönlichen Erfahrungen wollen er und O'Connor die chemischen Auswirkungen von Trauer auf Gehirn und Körper betrachten. Die Aufnahmen entstanden laut Information des Magazins "People" im vergangenen Sommer in Kalifornien. Die Folge mit Prinz Harry wurde kurz vor dem Weltgesundheitstag am 10. Oktober veröffentlicht und kommt zwei Wohltätigkeitsorganisationen zugute, die sich um Hinterbliebene kümmern: "Comfort Zone Camp" und "Scotty's Little Soldiers", für die sich Harry schon seit Langem engagiert.
Der Prinz erklärt, dass seine Teenagerjahre von der Vermeidung jeglicher Emotionen, aber gleichzeitig auch von der Suche nach Adrenalinkicks, geprägt gewesen seien. Er habe damals durchweg "eine Art Taubheit, eine emotionale Abschottung" gefühlt. Als er mit 20 Jahren seine Militärlaufbahn begann, sei dies "die perfekte Ablenkung" für ihn gewesen. Für seine Kameraden sei er einfach nur ein Soldat unter anderen Soldaten gewesen - und nicht "Harry, der seine Mutter verloren hat". Zudem hätten die strengen Regeln beim Militär seinem Leben Struktur gegeben. Dass er bei seinen Einsätzen ständig unter Adrenalin gestanden habe, habe er genossen und als eine Art Super-Power empfunden.
"Aber als ich 2013 das zweite Mal aus Afghanistan zurückkam, gab es im Anschluss keinen weiteren Einsatz. Da hat mich alles eingeholt", erinnert sich Prinz Harry im Gespräch mit O'Connor. "Das Interessante war, dass mein post-traumatischer Stress nicht durch Afghanistan ausgelöst wurde. Die Dinge, die ich gesehen habe, die Dinge, die ich erlebt habe, schienen ein Auslöser für andere Traumata zu sein, die ich tief in mir vergraben hatte."
Plötzlich habe er auf dem Weg zur Arbeit oder im Auto Panikattacken bekommen. Sobald er sein Hemd zuknöpfte, habe er das Gefühl gehabt, zu ersticken. "Da habe ich verstanden, dass ich ein größeres Problem habe als ich mir selbst zugestehen wollte."
Schuldgefühle gegenüber seiner Mutter
Als er mit seiner Frau Meghan in Kanada gelebt habe, fernab vom Stress des royalen Lebens, habe er gemerkt, wie sehr er Adrenalin brauche, damit "mein Gehirn funktioniert". Kaum sei er in einem entspannten Umfeld gewesen, sei er "nutzlos" geworden. Simple Tätigkeiten im Haus seien nicht mehr möglich gewesen und er sei in eine heftige Depression gerutscht.
"Ich habe so lange Zeit in einem Zustand gelebt, in dem ich emotional quasi taub war. Weil ich mich meiner Mutter gegenüber schuldig gefühlt habe, wenn ich nach ihrem Tod Glück und Freude empfinde. Ich dachte, ich müsse traurig sein, um zu beweisen, wie sehr sie mit fehlt", erklärt Harry rückblickend.
Erst als er angefangen habe, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen, habe er erkannt, dass Prinzessin Diana genau das Gegenteil gewollt hätte: "Sie wollte, dass ich glücklich bin. Das war eine alles verändernde Erkenntnis für mich, die mich mental befreit und mir eine völlig neue Sicht auf mein Leben geschenkt hat."