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In der dritten Oktoberwoche 1965 starb Pierre Brice als "Winnetou" auf der Leinwand - ein Schock für eine ganze Generation.
In der dritten Oktoberwoche 1965 starb Pierre Brice als "Winnetou" auf der Leinwand - ein Schock für eine ganze Generation.(Foto: imago/United Archives)
Mittwoch, 14. Oktober 2015

Vor 50 Jahren starb Winnetou: Schock für eine ganze Generation

Vor 50 Jahren sitzen unzählige Zuschauer geschockt vor dem Bildschirm, als eines ihrer Idole stirbt: Der Indianerhäuptling Winnetou. Sein filmischer Eintritt in die ewigen Jagdgründe markiert eine Zäsur - mit weitreichenden Folgen.

Winnetou war Claudia Roths erste Liebe, und deshalb kam sein Tod für sie als ein Schock. "Ich bin regelrecht krank geworden", erzählte die Grünen-Politikerin vor einiger Zeit in einem Interview. "Ich habe das ganze Bett nass geweint." Und das bloß nach der Lektüre des Buches.

Als Winnetous Tod aber vor genau 50 Jahren, in der dritten Oktoberwoche 1965, höchst melodramatisch auf die große Kinoleinwand kam, fielen die Reaktionen noch drastischer aus. "Wir wurden hier mit Drohanrufen, mit Drohbriefen eingedeckt, es war fürchterlich", schilderte Matthias Wendlandt, der Sohn des Produzenten Horst Wendlandt (1922-2002), viele Jahre später in einer Fernsehdokumentation. "Die Leute haben wohl nicht damit gerechnet, obwohl doch jedem bekannt war, dass in "Winnetou 3" Winnetou stirbt."

Der italienische Schauspieler Rik Battaglia (1927-2015), der als Bösewicht Rollins den tödlichen Schuss auf den Apachenhäuptling abgibt, erlebte es ähnlich: "Das ist furchtbar gewesen, wirklich schrecklich", schilderte er als alter Mann. Er habe damals viele deutsche Fans gehabt, weil er vorher einen Film mit Hans Albers gedreht habe. "Alle haben mir geschrieben und wollten Fotos und Autogramme. Dann habe ich Winnetou umgebracht. Danach kam der große Stopp. Niemand hat mir auch nur ein einziges Mal mehr geschrieben. Es kam auch nicht ein einziger Wunsch mehr für ein Foto oder Autogramm."

"Das hat etwas von Götterdämmerung"

Viele Ältere haben die Szene bis heute vor Augen: Der sterbende Winnetou (Pierre Brice) auf einem jener kroatischen Karstgebirge, in denen vorzugsweise gedreht wurde, gestützt von Old Shatterhand (Lex Barker). Dessen Gedanken schweifen in die Vergangenheit, er sieht sie beide noch einmal im Kanu über den Silbersee rudern, erinnert sich daran, wie Winnetous Schwester Nscho-tschi in seinen Armen starb oder wie der Blutsbruder seiner unerfüllten Liebe Ribanna tief in die Augen blickte. Dann galoppiert noch Iltschi heran, Winnetous treuer Rappe, und wiehert zum Abschied. Aus der Ferne erklingen die Glocken von Santa Fe, gefolgt von allerletzten Worten in der dritten Person: "Winnetous Seele muss gehen..."

Karl-May-Experte und Buchautor Michael Petzel war damals 13. "Ich fand das schon als Kind etwas kitschig", erzählt er. "Diese pathetische Überhöhung, das hat etwas von Götterdämmerung." Mit "Winnetou, 3. Teil" hatte die seit 1962 währende, sensationell erfolgreiche Karl-May-Serie ihren Höhepunkt erreicht oder auch schon leicht überschritten, wie Petzel meint. Im nächsten Film "Old Surehand" trat Winnetou zwar wieder auf, als wäre nichts gewesen, doch reichte es erstmals nicht mehr zur Goldenen Leinwand.

Große Zäsur in der Karl-May-Reihe

Surehand-Darsteller Stewart Granger fand die deutschen "Sauerkraut-Western" kurios und brachte dies auf der Leinwand zum Ausdruck, indem er sein Gewehr wie ein Baby im Arm hielt oder Winnetou gönnerhaft auf die Schulter klopfte. Pierre Brice hat ihm dies nachhaltig verübelt, wie er in seiner Biografie "Winnetou und ich" schreibt. Ihm war klar, dass eine mythologische Heldengeschichte nur mit einer entrückten Abgehobenheit funktionieren kann. "Für Märchen taugt Ironie nicht", meint Petzel.

Im Nachhinein markiert Winnetous Eintritt in die ewigen Jagdgründe nicht nur die große Zäsur innerhalb der Karl-May-Reihe, sondern auch einen entscheidenden Moment in der Sozialisation der ersten (west-)deutschen Nachkriegsgeneration. "Winnetous Tod war der Abschied von einer deutschen Kindheit für die Enkel von Adolf Hitler, die zugleich Kinder von Coca-Cola waren", schreibt der Filmkritiker und Autor Georg Seeßlen ("Geschichte und Mythologie des Westernfilms"). Drei Jahre später rebellierten schon die Studenten.

"Winnetous Tod" ist auch der Titel des dritten und letzten Teils der zurzeit von RTL produzierten Neuverfilmung des Stoffes. Viele der früheren Fans sind skeptisch, ob der albanische Schauspieler Nik Xhelilaj in die Mokassins des kürzlich verstorbenen Pierre Brice treten kann. Experte Petzel meint jedoch: "Warten wir doch erst mal ab und schauen es uns an."

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Quelle: n-tv.de

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