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So gut wie der FC Bayern Simon Verhoeven: Nightlife, Senta und Ernst

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Wie würde Simon Verhoeven es machen?

(Foto: imago images/Future Image)

Mit Simon Verhoeven zu sprechen ist leicht. Und schön. Er steckt voller Ideen, er spricht gern darüber - wenn er darf. Man kann ihn sogar auf seine Mutter ansprechen, die überaus verehrte Senta Berger, die heute erstaunlicherweise ihren bereits 80. Geburtstag feiert. Ach ja, er bekommt einen Preis für seine Komödie "Nightlife" und ist mitten in den Arbeiten zu anderen Projekten. So vielen anderen Projekten, dass er keine Zeit hätte, eine Corona-Komödie zu drehen. Dabei läge das doch auf der Hand, ist er schließlich der FC Bayern in der Rubrik Kino-Komödie: "Männerherzen", "Willkommen bei den Hartmanns" und jetzt eben "Nightlife", das Pandemie-bedingt keine wirkliche Chance in den Kinos hatte. Vielleicht ja jetzt, wenn das Leben bald wieder losgeht? Ein Gespräch über Hoffnung, junge Filme im Alter, politisch unkorrekte Verkleidungen, auch einiges, worüber er eigentlich lieber nicht sprechen möchte, über die Mama, wie oft Florian David Fitz zum Casting kommen muss, den Unterschied zwischen MeToo und romantischer Kontaktanbahnung am Set und wie er seine Söhne zu Gentlemen erzieht.

ntv.de: Sie bekommen den Ernst-Lubitsch-Preis dieses Jahr - und eigentlich hätte er schon längst an Sie übergeben werden sollen, im Januar, aber die Pandemie hat uns noch immer im Griff. Sind Sie trotzdem optimistisch?

Simon Verhoeven: Ja und nein. Ich bin eigentlich immer eher optimistisch, aber sagen wir mal so: Es fällt langsam schwerer, das aufrecht zu erhalten. Man wurde ja immer wieder "eines Besseren" belehrt. Insofern hoffe ich einfach darauf, dass es in diesem Sommer besser wird, wenn viele geimpft sind. Dann werden wir alle mit einer unglaubliche Sehnsucht in die Kinos strömen - und in die Biergärten (lacht) - aber vor allem in eine Gemeinsamkeit. Wofür das Kino ja auch steht. Das finde ich nämlich besonders bitter in der letzten Zeit, dass man gemeinsam nichts wirklich erleben kann.

Was wird dann in den Kinos gezeigt? Haben wir genug Material?

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Sind sich überwiegend einig: Simon Verhoeven und seine Mutter Senta Berger.

(Foto: imago/Michael Wigglesworth)

Mehr als genug, es ist eine Menge aufgelaufen und es wurde auch genug produziert. Und dieser Effekt, endlich wieder raus zu dürfen, der hat beispielsweise in den USA gerade für absolut ausverkaufte Kinos gesorgt, selbst bei Filmen, die sonst vielleicht gar nicht so super gelaufen wären. Einfach, weil die Leute endlich wieder ins Kino durften! Sie haben Lust auf diese gemeinsame Achterbahnfahrt.

Meine Vision, wenn ich an das Ende dieser Zeit jetzt denke, ist eine riesige, rauschhafte Party ...

Das ist ein wunderbares Bild, und man müsste auf jeden Fall einen Film darüber machen (lacht). Die Party wäre dann natürlich die grandiose Schlussszene. Momentan hänge ich noch in anderen Projekten fest, aber ein Film über die Corona-Krise wäre - ähnlich wie "Willkommen bei den Hartmanns" damals - ein tolles Zeitzeugnis. Der Stoff ist ebenso heikel, konfliktbesetzt, emotional, erlaubt mehr als nur einen Blickwinkel und wäre künstlerisch eine unglaubliche Herausforderung. Das Zeug eben, aus dem gute Komödien gemacht werden. Böse und gleichsam hoffnungsvoll, ein streitbarer Film, der wehtut aber auch befreit und beglückt. Wenn alles so richtig vorbei ist, dann tut es sicher gut, mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf diese Phase zurückzublicken. Also, wenn es keiner macht (lacht), dann kann ich in einem oder zwei Jahren noch mal drüber nachdenken.

Das wäre schön! Die Zeit der Ruhe, der ewigen Achtsamkeit und dieses One-on-One ist dann ja auch mal gut, wir wollen doch wieder über die Stränge schlagen.

Ich sehe das kommen (lacht). Mir tun momentan am meisten die Jugendlichen leid! Die ganz Alten auch, wegen der Kontaktbeschränkungen, aber die Kinder und jungen Menschen am meisten, weil sie sich doch eigentlich in einer Zeit des Aufbruchs befinden. Sie sollen doch bitte endlich wieder feiern dürfen, studieren, chillen und sich ausprobieren. Ich hatte das, ich kann da auf sehr gute Zeiten zurückblicken, aber die jungen Leute jetzt, die müssen damit rechnen, dass jemand sofort die Polizei ruft, bloß wenn sie sich mal zu mehreren treffen. Sogar im Park oder im Wald, also in der Natur, scheint das nicht möglich. Das finde ich bitter, wirklich.

Die Verunsicherung ist groß - früher kam die Polizei weil es zu laut war, heute hat man gleich eine Straftat begangen, wenn es mehr als drei Personen sind.

Ich baue auf die Aufbruchstimmung im Sommer! Ich habe ein sehr kleines Kind, für das es nicht so schlimm ist, weil es als Baby sowieso nur in der Familie ist, aber der Viertklässler, ohne Schule, ohne Fußball, das ist schon hart. Gemeinschaft ist in der Entwicklung total wichtig, man reibt sich, man lernt, man fühlt, was eine Gruppe alles kann. Und wenn es Kindern zu Hause schon eh nicht so gut geht, sei es, weil es eng ist, sei es, weil die Situation in der Familie angespannt ist, dann leiden sie ganz besonders. Man will sich nicht vorstellen, was für Dramen sich an manchen Orten abspielen.

Sie schaffen es, dem Drama eine liebevolle, komische Note zu verpassen, siehe "Willkommen bei den Hartmanns". Was ist das Geheimnis für eine solch geglückte Komödie - das bewährte Darsteller-Ensemble mit der Prise Wahnsinn vielleicht?

Zunächst mal ist die Idee alles entscheidend. Und das Drehbuch. An "Männerherzen" habe ich jahrelang geschrieben. Aber bei den "Hartmanns" ist mir das Drehbuch erstaunlich schnell aus der Feder geflossen - weil die Idee einfach so eine Sprungfeder war und eine enorme Kraft ausgelöst hat. Das Konzept war wie ein "gefundenes Fressen", das hat man nicht so oft: Eine bürgerliche Familie, ein bisschen dysfunktional, zerstritten, die Mutter sucht neuen Sinn als Rentnerin und zwingt die Familie, einen Flüchtling aufzunehmen. Das war schon sehr speziell und politisch inkorrekt. Ich hatte dadurch sofort eine gewisse Struktur, und habe schon beim Schreiben die komödiantische Kraft gespürt. Natürlich habe ich aus allen möglichen politischen Lagern dafür auch Kritik bekommen, denn ich habe in jede Richtung ausgeteilt, aber für das Publikum war das Lachen über dieses Thema wie eine eine Befreiung, glaube ich. So eine Idee hat man leider nicht zu oft (lacht).

Eine Idee aber war, "Nightlife" zu machen und "zack" - bekommen Sie den Ernst-Lubitsch-Preis. Hoffentlich im Sommer dann auch physisch!

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Spaß bei der Arbeit - und danach!

(Foto: imago images/Eventpress)

Die Idee zu "Nightlife", also einem ersten Date, das total aus dem Ruder läuft, bis es um Leben und Tod geht, habe ich schon lange im Kopf, aber es hat eine Weile gedauert, bis ich das in einer Geschichte bändigen konnte. Ich musste immer wieder drüber nachdenken, wie ich die Story am besten erzählen will. Aber ich bin sehr happy, dass ich den Film letztlich machen durfte, weil er irgendwie die Fortführung meines Abschlussfilmes an der Uni ist. Der Film ist sozusagen meine letzte Jugendsünde. Manchmal muss man erst ein bisschen älter werden, um einen jungen Film zu machen.

Wie viel steckt von Ihnen selbst in "Nightlife"?

Eine Menge, definitiv (lacht)! Ich verrate lieber nicht, was …

Sie haben einen kurzen Auftritt …

… ja, aber zum Glück wirklich nur kurz, um mich mit meinem Kumpel selbst ein bisschen auf die Schippe zu nehmen. Ich bin wirklich besser hinter als vor der Kamera (lacht). Drehbuch und Regie sind mein Ding, Schauspielern können andere besser.

Der Ernst-Lubitsch-Preis, was bedeutet der Ihnen?

Tatsächlich hat der für mich eine ganz spezielle Bedeutung. Weil er für eine Art von Komödiemachen steht, die mir sehr viel bedeutet. Ich habe mit diesem Preis nicht gerechnet. Tatsächlich habe ich schon einige Preise gewonnen und bei einigen habe ich damit sogar gerechnet, sie zu bekommen (lacht). Bei diesem Preis jetzt wirklich nicht!

Wofür steht der Preis?

Für etwas, für das ich auch stehen möchte! Solche Leute wie Ernst Lubitsch oder Billy Wilder, der den Preis ja ins Leben gerufen hat, die sind für mich Götter, weil sie für eine Art von feinen, klugen und verflucht witzigen Filmen stehen, die es so kaum mehr gibt. Sie waren eine Klasse für sich. Dass man mich, oder besser gesagt, meine Filme, so sieht, spornt mich total an, in dieser Tradition weiter zu arbeiten. Wenngleich Lubitsch auch so ein Leuchtturm ist, den ich niemals erreichen kann, so ist das doch eine große Ehre!

Was war das Besondere am Regisseur Lubitsch?

Er hatte ein Händchen für das perfekte Timing der Dialoge. Das präzise und liebevolle Zeichnen von Charakteren. Für eine sehr menschliche Art des Filmemachens und des Komödiemachens an sich. Es ist eine Form der Unterhaltungskunst, die heute nicht mehr so weit verbreitet ist. Vielleicht auch, weil sie immer schon stiefmütterlich behandelt wurde.

Der Kernsatz von Lubitsch's Schaffen lautet ja: "Wie würde Lubitsch es machen?" - eine großartige Orientierungshilfe, oder?

Ja. Bei Lubitsch es geht immer um die Liebe, die man als Regisseur für seine Figuren empfindet, um das genaue Beobachten von Menschen. Es ist immer klug, aber auch gerne ein bisschen albern, ein bisschen böse und immer auch für ein großes Kinopublikum mitgedacht. Und - nicht zu vergessen - die handwerkliche Komponente: das Timing, der Flow, die Inszenierung im Raum im Zusammenspiel mit der Kamera. Das sieht so mühelos aus, so leicht. Aber das Leichte ist eben das Schwerste. Es wie "Lubitsch zu machen", das kann man sich zwar alles vornehmen, aber ob man das hinbekommt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Lubitsch war auch ein Meister darin, seine Schauspieler zu führen, das Tempo der Dialoge zu halten, Pausen an den richtigen Stellen zu machen - er hat präzise Skulpturen aus seinen Szenen gemeißelt, und dennoch wirken die ewig spontan und lebendig. Seine Einfälle sind einfach vorbildhaft für jeden, der ein Kinopublikum nicht langweilen will. Denn das ist es, was ich am allerwenigsten möchte.

Stichwort Dialoge: Da hapert's heute in vielerlei Hinsicht …

Ja, da wurde damals noch richtig lange dran gefeilt, an der Rhythmik, an jeder Silbe, schon im Drehbuch. Und so geht es weiter beim Drehen. Dann muss man manchmal einsehen, dass das, was in der Theorie, im Drehbuch, steht, in der Praxis nicht funktioniert. Und darauf muss man eingehen. Man muss in der Regie kapieren, dass man am Set nicht einfach nur das Drehbuch abfilmt, sondern muss sehr wachsam bleiben und notfalls innerhalb von wenigen Minuten oder gar Sekunden alles ändern. Diese Art Komödienregie ist geistiger Hochleistungssport. Für all das steht Lubitsch.

Und jetzt auch Sie mit "Nightlife"...

Eine große Freude, gerade mit einem Berlin-Film diesen Preis zu gewinnen, und durchaus auch mit einem Film, der ja in dieser Tradition entstanden ist. Der diesen Geist transportiert: Ein "Lustspiel" hätte man das früher vielleicht genannt (lacht). Klingt altmodisch, wie bei Wilder, dessen Film "Some Like It Hot" ja von zwei mittellosen Musikern, die sich als Frauen verkleiden, handelt, und beide Liebesirrungen und -wirrungen zu überstehen haben. Und in "Nightlife" habe ich eben auch diese beiden Unglücksraben, die von einem Chaos ins andere stolpern - dabei wollen sie doch nur ein bisschen Glück im Leben. Diese Art von charmanter Komödie gibt es in Europa und auch in Hollywood gar nicht mehr so oft. Leider. Oftmals bilden dabei zwei Protagonisten ein Duo…

so wie bei "Ein seltsames Paar" mit Walther Matthau und Jack Lemon …

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Einer verliebt sich in die Frau, der andere hat nur Flausen im Kopf ...

(Foto: imago images/auslöser-photographie)

… ja, genau, in der Tradition bin ich aufgewachsen, diese Filme habe ich geliebt. Jerry Lewis und Dean Martin oder auch Stan und Ollie, Dick und Doof also - die haben mich sehr glücklich gemacht als Kind. Später kamen, wenn auch auf trivialere Weise, Bud Spencer und Terrence Hill dazu. Diese chaotische Energie, die von diesen Buddys ausgeht, ist herrlich: Einer lernt gerade die Frau seines Lebens kennen und der andere, in meinem Film der wunderbare Freddy Lau, bringt nur Unheil. Aber sie sind trotzdem beste Freude - das ist für mich "Oldschool Film-Vibe" im besten Sinne. Dass das jetzt so erfolgreich wurde, bestätigt und freut mich sehr!

Vielleicht erfährt "Nightlife" ja einen "zweiten Frühling", wenn die Kinos wieder öffnen …

… das wäre natürlich sehr schön, denn der erste Lockdown hat ja voll reingegrätscht, schon nach drei Wochen. Trotzdem 1,5 Millionen Zuschauer, das ist schon beachtlich.

Was sind die aktuellen Pläne?

Ich darf kurz andeuten, dass ich mich in einem kreativen Austausch für ein FC-Bayern-Doku-Projekt befinde, und ich bereite außerdem ein neues Spielfilm-Projekt vor. Einen Musikfilm. Da darf ich leider noch nicht drüber reden aus rechtlichen Gründen. Dabei würde ich so gerne darüber sprechen (lacht)!

Freut mich, dass Sie gut zu tun haben und die Zeit nutzen für Neues. Weil viele diese Corona-Zeit als verlorene Zeit ansehen.

Es kommt auf den Beruf an, denke ich. Wenn man Glück hatte, so wie ich, und schreiben konnte, dann ist das natürlich überhaupt nicht verloren. Aber gedreht wird mittlerweile ja auch schon wieder! Im Film-Bereich ist man doch recht flexibel, eigentlich ein Vorbild, wie schnell da Konzepte entstanden sind, um weiterhin drehen zu können. Auch Werbung. Dieses Testen nervt, sicher, aber es funktioniert! Ich wünschte, diese Konzepte wären auch in den Schulen schon viel früher angekommen und umgesetzt worden. Aber darüber dürfen wir jetzt nicht sprechen, denn dann geht das Interview in eine ganz andere Richtung. Nur so viel: Ich werde richtig wütend, wenn ich länger darüber nachdenke, dass das Thema Schule nicht auf der Prioritätenliste der Regierung stand.

Dann schnell zurück zum Film: Wie setzen Sie Ihre Schauspieler-Ensembles am liebsten zusammen?

Die Mischung macht's. Stars und Newcomer sind eine tolle Kombi. Ich entdecke sehr gerne neue Leute. Als ich Florian David Fitz für "Männerherzen" besetzt habe, musste er sieben Mal zum Casting kommen (lacht). Heute ist er natürlich etabliert. Und jetzt in "Nightlife" habe ich mich beispielsweise für Leon Ulrich in der Rolle des durchgeknallten Bankbeamten entschieden - und was für ein Glück, dass ich diesen Newcomer besetzt habe! Auch bei Elyas M'Barek und Palina Rojinski genau dasselbe, da musste ich früher den Verleih erst überzeugen, dass ich die und keine anderen will. Die sind jetzt Superstars, und für mich einfach Schauspieler, mit denen ich schon oft zusammengearbeitet habe, auch als sie noch nicht so erfolgreich waren. Ich habe an sie geglaubt. Und deswegen fühle ich mich ihnen verbunden. Da gibt es eine Loyalität, das sind meine Leute. Aber auch ich muss natürlich rechtzeitig anfragen, ob sie Zeit haben und dann hoffen, dass ihnen das Drehbuch gefällt.

Ihre Mutter - die wunderbare Senta Berger - wird heute 80, und das ist kaum zu glauben.

Allerdings. Denn sie ist für mich so jung. Eine junge Seele. Sie ist neugierig, liebt ihren Beruf und ihre Familie, und es kann noch so viel kommen. Theoretisch. Hoffentlich!

Ihre Aussagen vor Kurzem zum Thema "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" waren insofern erstaunlich, als dass Ihre Mutter in ihrem Buch "Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann" vor über 15 Jahren bereits darüber berichtet hatte, aber das von niemandem wirklich wahrgenommen wurde.

Allerdings, und dann wurde sie jetzt auch nur immer so kurz zitiert, dabei ist ihr Interview, das sie der "Zeit" gegeben hat, doch viel ausführlicher und dann auch verständlicher.

Ist sie da nicht inzwischen manchmal nur noch erstaunt, was von einem großen Interview übrig bleibt?

Ja, vor allem, weil sie ja darauf aufmerksam gemacht hat, dass sexuelle Belästigung nicht nur ein Thema für Schauspielerinnen ist, sondern auch für Verkäuferinnen, Busfahrerinnen und Putzfrauen. Und dass mehr über solche weniger privilegierten Menschen gesprochen werden sollte als über Filmstars. Ich weiß auch, dass es sie nervt, wenn Menschen sich zu sehr in der Rolle des Opfers darstellen. Davon war sie aber schon immer ganz weit entfernt.

Haben Sie diese Belästigungen als Kind mitbekommen?

Nicht wirklich. Klar, mein Bruder Luca und ich sind damit aufgewachsen, dass hier und da Männer unsere Mutter gut fanden und das auch in einem oftmals machohaften Sinne klargemacht haben. Aber das war nichts Dramatisches. Im Fall Wedel habe ich so emotional reagiert, weil es mich geschockt hat, wie lange solche Männer in unserer Branche von manchen Leuten gedeckt wurden. Ich bin also sehr froh, dass die MeToo-Bewegung ganz vieles aufgedeckt und in Bewegung gebracht hat. Aber, um das noch mal ganz glasklar darzustellen: Meine Mutter ist wirklich alles, aber kein Opfer. Sie hat nie gejammert, das ist gar nicht ihre Natur. Außerdem, und da bin ich mit meiner Mutter auch sehr einig, wir sind keine Fans davon, dass von manchen alles in einen Topf geworfen wird unter einem Schlagwort. Soll heißen: Wenn ein Mann eine Frau übergriffig behandelt, dann sollte er dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Aber: Wenn am Filmset geflirtet wird und eine gewisse Spannung in der Luft liegt, wenn Menschen gar versuchen, romantischen Kontakt aufzunehmen, dann sollten sie davor keine Angst haben. Wenn wir in eine sterile Überwachungsgesellschaft schlittern, bei der man schon verklagt wird, wenn man jemanden zu lange anschaut, dann gute Nacht - das ist nicht damit gemeint! Da müssen die Unterschiede schon klar benannt werden.

Angst, Erstarrung und Askese am Filmset passen irgendwie nicht …

So ist es, das passt nicht. Ein Filmset ist ein Ort, der lebt. Grundsätzlich ist die Bewegung aber gut gewesen, man kann sich vieles doch gar nicht mehr vorstellen aus heutiger Sicht. Und auch, wenn es sich bereits um Täter handelt, die gar nicht mehr unter uns sind, so wie O.W. Fischer - ich bin froh, dass es einen realistischeren und nicht nur den verklärten Blick auf diese Menschen und diese Zeit gibt.

Und ich bin froh, dass Mädchen heute anders aufwachsen, und auch, dass Jungs mit anderen Werten groß werden.

Ich bringe meinem Sohn trotzdem bei, dass es höflich ist, wie ein Gentleman zu agieren, Frauen die Tür aufzuhalten zum Beispiel. Und er darf auch mutig und charmant ein Mädchen anflirten (lacht). Männer und Frauen sollten keine Angst davor haben, etwas zu wagen! Zum Beispiel, jemanden anzulächeln.

Sind wir zu streng mit uns geworden?

Wir müssen generell aufpassen, dass der progressive Zeitgeist nicht bei manchen Themen zu einer humorlosen, politischen Überkorrektheit wird, die lebensfeindlich ist. Wenn Kinder beispielsweise Indianer spielen wollen, sollen sie das bitte tun und sich dafür nicht schämen müssen. Denn sie spielen ja eben nicht "Die Ausrottung der Indianer", sondern das Gegenteil. Dieses Spiel hat etwas mit Bewunderung, Interesse und Liebe für eine andere Kultur zu tun. Eines Tages werden unsere Kinder sonst womöglich gar nicht mehr wissen, wer die Indianer sind. Ich habe als Kind natürlich auch mal Indianer gespielt, ich habe Bücher über Indianer gelesen und hatte und habe den größten Respekt für sie.

Ein Sari, ein marokkanisches Gewand oder ein Dirndl könnten also auch als Form von Respekt gedeutet werden …

Auf jeden Fall. Ich habe das Gefühl, dass diese politische Über-Korrektheit manchmal die Leute mehr trennt, als dass sie uns verbindet. Ich hoffe, dass sich das wieder gibt und wir uns alle wieder etwas mehr beruhigen.

Mit Simon Verhoeven sprach Sabine Oelmann

Senta Berger hat am 13. Mai Geburtstag

Der Ernst-Lubitsch-Preis an Simon Verhoeven für "Nightlife" wird sobald wie möglich verliehen

Quelle: ntv.de

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