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Solidaritätswelle für AlphavilleVeranstalter zieht "Glücksgefühle"-Rauswurf zurück

03.09.2026, 16:19 Uhr
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Steht für seine Überzeugungen ein: Alphaville-Sänger Marian Gold. (Foto: picture alliance / Panama Pictures)

Weil Alphaville-Frontmann Marian Gold auf der Bühne erklärt, es dürfe nicht sein, dass "uns die Nazis unser Land wegnehmen", wird seine Band von einem anderen Festival ausgeladen. Musikkollegen stärken ihm daraufhin den Rücken. Jetzt macht der Veranstalter einen Rückzieher.

Der Auslöser dieser Posse war wohl ein Auftritt von Alphaville im Rahmen der Festival-Reihe "Die 80er live" Mitte Juli in Hamburg. Bandleader Marian Gold nutzte seine Zeit auf der Bühne zwischen anderen 80er-Jahre-Stars wie Kim Wilde, Boy George oder Sandra auch für eine deutliche Ansage: Es dürfe nicht sein, dass mit der AfD "uns die Nazis unser Land wegnehmen", erklärte er da. Während des Songs "Carry Your Flag" war zudem eine Regenbogenfahne im Hintergrund zu sehen.

Der Konzertveranstalter, der nun auch für das "Glücksgefühle"-Festival verantwortlich zeichnet, auf dem Alphaville ebenfalls auftreten sollten, nahm an dieser Art der politischen Positionierung Anstoß. Daran ließ ein offizielles Statement der Markus Krampe Entertainment Group am Mittwoch, das auch ntv.de vorliegt, keine Zweifel. "Unsere Bühne ist keine Plattform für politische Äußerungen", hieß es darin. Dies gelte "unabhängig davon, in welche politische Richtung eine Äußerung geht: für rechts, für links oder für jede andere politische Richtung."

Beim "Glücksgefühle"-Wochenende wolle man "den Menschen ein Wochenende ermöglichen, an dem sie den Alltag hinter sich lassen, abschalten und einfach eine gute Zeit haben können". Es solle daher unpolitisch bleiben. Da es in dieser Hinsicht zu keiner Einigung mit Alphaville gekommen sei, werde die Gruppe bei dem Festival am Hockenheimring nicht auftreten.

Appell an Lukas Podolski

Die Markus Krampe Entertainment Group reagierte mit dieser Stellungnahme auf einen Social-Media-Post der Band um Marian Gold, der am Mittwoch rasend schnell viral gegangen war. Alphaville kritisierten darin den "Maulkorberlass" des Veranstalters und zeigten sich "fassungslos" über das Vorgehen. Der "feindselige und vollkommen unnötige Akt", sie vom Festival auszuladen, lasse "tief blicken, was das Demokratie- und Weltverständnis der Verantwortlichen" angehe. Die Band halte dagegen daran fest, dass Meinungsfreiheit, Toleranz und Demokratie hohe Güter seien, "die mit allen legalen Mitteln verteidigt werden müssen".

Kurz darauf dauerte es abermals nicht lange, bis sich diverse andere Künstler mit Marian Gold solidarisierten. Zum Beispiel Sänger Peter Brings von der nach ihm und seinem Bruder Stephan am Bass benannten Kölschrock-Band Brings. "Wenn wir in diesem Jahr gebucht gewesen wären, würden wir nicht mehr auftreten", sagte er dem Kölner "Express" mit Blick auf das "Glücksgefühle"-Festival. Und er ergänzte: "Jeder ist im Moment wichtig, der klarstellt, dass er Antifaschist ist. Wem es nicht passt, dass Teile seines Publikums das vielleicht nicht hören wollen, dem geht es nur um die Kohle."

Zugleich appellierte Brings an Ex-Fußballer Lukas Podolski, der sich als Mitveranstalter des "Glücksgefühle"-Festivals inzwischen auch als Unternehmer versucht. "Er ist in Polen geboren und in Deutschland mit offenen Armen empfangen worden. Da sollte er mal überdenken, was da gerade bei seiner Veranstaltung passiert", so der Musiker.

Mit den Toten Hosen in Münster

Wie es der Zufall will, absolvierten zudem Die Toten Hosen am Mittwochabend im Rahmen ihrer "Trink aus! Wir müssen gehen"-Tour einen Auftritt in Münster - der Stadt, in der Alphaville einst 1983 gegründet worden waren. Sänger Campino griff den Festival-Rauswurf seiner Synthiepop-Kollegen auf der Bühne direkt auf: "Wir finden es extrem fragwürdig und auch absurd, jemanden auszuladen, der sich gegen die AfD äußert oder gegen Trump, jemand, der stabil ist für die Demokratie. Ich finde, da ist eine neue Grenze überschritten und eingerissen."

Campino ergänzte: "Wir sind Leute, die sich freuen, Menschen mitzubringen, die sich eben politisch äußern und die stabil sind." Prompt begrüßte er danach Marian Gold auf der Bühne. "Sie sind so viel Millionen Mal größer als dieses beschissene Piss-Festival", attestierte der Toten-Hosen-Frontmann Alphaville und stimmte mit Gold dessen größten Hit "Forever Young" an.

Zu den Besuchern des Toten-Hosen-Konzerts gehörten auch Bandmitglieder der Donots, die ein Video von Campinos Ansprache auf ihrer Instagram-Seite hochluden. Zudem posteten Sänger Ingo Knollmann und Gitarrist Alex Siedenbiedel ein gemeinsames Selfie von sich und Marian Gold. Dazu schrieben sie: "Danke Alphaville. Es sind gruselige Zeiten, wenn plötzlich dafür gesorgt werden soll, dass vor und auf Bühnen niemand das Maul gegen braune Scheiße aufmacht. 100 Prozent stabil bleiben."

Marian Gold selbst setzte am Mittwochabend ebenfalls einen neuen Post auf seiner Instagram-Seite ab. "Gleich geht's raus zu unseren Freunden auf die Bühne!", schrieb er, ohne seinen Gastauftritt bei den Toten Hosen konkret zu spoilern. Dazu veröffentlichte er mehrere Fotos, die ihn vor verschiedenen Fahnen zeigten - vor einer Regenbogenfahne, vor einer Fahne mit der Aufschrift "Antifaschistische Aktion", vor einer Fahne mit dem Schriftzug "Kein Bock auf Nazis" und vor einer Fahne, auf der die Solidarität mit Bootsflüchtlingen zum Ausdruck gebracht wird.

Das "Glücksgefühle"-Festival beginnt am Donnerstagabend und geht in der Nacht auf Sonntag zu Ende. Dazu erwartet werden rund 250.000 Fans. Angesichts des Wirbels um die Ausladung von Alphaville wurde mit Spannung darauf gewartet, wie andere für die Veranstaltung gebuchte Künstler reagieren. Schließlich zählen zum Line-up auch diverse Acts, die sich in der Vergangenheit nicht vor einer politischen Positionierung gescheut haben.

Rapper Ski Aggu etwa bezieht klar gegen Rechtsextremismus und Rassismus Stellung - auf Konzerten stimmte er schon auch mal "Fick die AfD"-Gesänge an. Seine Kollegin Nura engagiert sich explizit vor allem für Frauenrechte und die queere Community. Sänger Marteria machte erst vor zwei Wochen in einem Interview deutlich, dass er "keinen Bock" auf eine AfD-Regierung habe.

Ballermann-Sängerin Mia Julia unterbrach auf Mallorca einst ein Konzert, weil sich offenkundig Neonazis im Publikum befanden. Und auch Newcomer Zartmann macht aus seinem Herz keine Mördergrube, wenn es um politische Rechtsaußen geht. In seinem Lied "Meinen die uns" heißt es etwa: "Ich schrei': Fick die AfD! Ich frag' mich wirklich, wer die wählt."

"In der Tat ein Fehler"

Darüber, ob nach der Alphaville-Ausladung andere Künstler damit gedroht haben, ihre Teilnahme am "Glücksgefühle"-Festival ebenfalls abzusagen, ist nichts bekannt. Die Gruppe Culcha Candela machte deutlich, dass sie weiterhin bei der Veranstaltung auftreten will. Man werde dort jedoch "noch lauter" als in der Vergangenheit "FCK AfD" sagen.

Ob daran die jüngste Wendung in dem Fall etwas ändern wird? Am Donnerstagnachmittag jedenfalls zog Markus Krampe die Festival-Ausladung von Alphaville überraschend zurück. Gegenüber der "Bild"-Zeitung räumte er nicht nur einen Fehler ein, er entschuldigte sich auch bei Alphaville. "Wie wir gehandelt haben, war in der Tat ein Fehler. Das tut mir leid. Meinungsfreiheit ist das höchste Gut, das wir in Deutschland haben, sie ist zu schützen", wird er zitiert.

Wenngleich für ihn weiter die Musik, die Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse bei dem Festival im Vordergrund stehen sollten, respektiere er, wenn Alphaville für ihre Überzeugungen einträten. "Und ich glaube, dass es möglich ist, unterschiedliche Haltungen nebeneinander stehenzulassen, ohne laut zu werden."

Krampe bietet der Band nun sogar an, wie geplant auf dem "Glücksgefühle"-Festival aufzutreten. "Nicht als Zeichen eines Nachgebens, sondern als bewusste Entscheidung für das, was uns verbindet." Ob Marian Gold und Alphaville auf diese Offerte eingehen, war zunächst noch offen.

Quelle: ntv.de, vpr

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