"Es sind die Kommata"Warum Torsten Sträter so unverwechselbar ist

Andere brauchen für eine Pointe zehn Wörter, Torsten Sträter gern noch drei Nebensätze und ein paar Kommata mehr. Mit seinem ganz eigenen Ruhrpott-Humor wurde das einstige "schwarze Schaf" zum Comedy-Star. Nun feiert er seinen 60. Geburtstag.
Schwarze Klamotten, Beanie, tiefe Stimme - und Sätze, bei denen man nach dem fünften Nebensatz kurz vergessen kann, wie sie eigentlich angefangen haben. Torsten Sträter braucht nicht viel, um unverwechselbar zu sein. Der Dortmunder hat sich mit trockenem Ruhrpott-Humor, akribisch gebauten Sprachungetümen und einer gehörigen Portion Selbstironie zu einem der beliebtesten Komiker Deutschlands gemausert. Dabei kann der Mann, der sein Publikum über die absurdesten Alltagsbeobachtungen zum Lachen bringt, genauso offen über Depressionen, Krankheit und Ängste sprechen.
Am 4. September 2026 feiert Sträter seinen 60. Geburtstag. Ein runder Geburtstag für einen Mann, der erst vergleichsweise spät auf der großen Bühne landete - und ausgerechnet Dinge zu seinem Markenzeichen machte, vor denen Deutschlehrer und Chefredakteure seit Jahrzehnten warnen: den Nebensatz im Nebensatz. Und natürlich das Komma.
Vom schwarzen Schaf zum schwarzen Beanie
Dass Sträter einmal zu den festen Größen der deutschen Unterhaltung gehören würde, zeichnet sich lange nicht ab. 1966 in Dortmund geboren, wächst er in Waltrop im nördlichen Ruhrgebiet auf. Er lässt sich zum Herrenschneider ausbilden und arbeitet später in der Spedition seiner Mutter und seines Bruders. Den Weg auf die große Bühne findet er erst mit rund 40 Jahren. Seine damalige Rolle in der Familie beschreibt er rückblickend so: "Ich war immer das schwarze Schaf der Familie, ein Typ, der lustig und fluffig ist, super mit Leuten umgehen kann - aber sonst nix auf die Kette kriegt."
Eigentlich steckt in diesem Satz bereits ziemlich viel von dem, was später den Sträter-Stil ausmachen wird: Selbstironie und Selbstzweifel treffen auf Ruhrgebiet und Rhythmus. Vor etwa 20 Jahren beginnt er, Kurzgeschichten zu schreiben. Seine ersten Auftritte auf kleinen Bühnen haben mit großem Entertainment noch wenig zu tun. Ganz in Schwarz gekleidet wirkt Sträter eher schüchtern und liest seine Texte ruhig, fast stoisch von einem Mini-Tablet ab. Doch schon damals fallen die Geschichten auf. Sträter schreibt über den Alltag und seine kleinen Absurditäten und entwickelt früh ein Gespür für den Klang und den Rhythmus von Sprache, das später zu seinem Markenzeichen wird.
"Es sind die Kommata"
Was Sträter sprachlich so unverwechselbar macht, bringt 2021 ausgerechnet ein anderer Komiker besonders treffend auf den Punkt. Max Giermann, bekannt für seine erstaunlich präzisen Parodien, verwandelt sich für den Comedy-Hit "LOL: Last One Laughing" samt schwarzem Beanie in den damals 54-jährigen Sträter. Giermann analysiert in seiner Rolle, was hinter dessen besonderem Sprachstil steckt, und kommt zu einem einfachen Ergebnis: "Es sind die Kommata. Torsten liebt seine Kommata."
Anschließend liefert er einen Schachtelsatz, wie er auch von Sträter selbst stammen könnte: "Vielleicht, denke ich mir, reicht es also, wenn ich so viele Kommata wie möglich in einen einzelnen, nur zu diesem Zwecke erdachten Satz packe, den ich, noch dazu völlig unnötig, mit austauschbaren, der eigentlichen Geschichte nicht im Geringsten dienlichen Nebensätzen scheinbar unendlich, und für den Zuhörer geradezu schmerzhaft in die Länge ziehe, sodass man sich am Ende weder daran erinnert, wie dieser Satz angefangen hat, noch, warum er überhaupt ausgesprochen wird."
Sträter hat dem gepflegten Nebensatz zu neuem Glanz verholfen - und Giermann und seine Fans feiern ihn dafür. Besonders typisch ist seine Fähigkeit, vermeintlich Erhabenes mit völlig Alltäglichem zusammenzubringen: Hochsprache trifft Ruhrpott-Deutsch. Ein Gedanke beginnt im Feuilleton und endet bei comichaften Kraftausdrücken und akustischen Explosionen, die durch Sträter beinahe eine Art Markenschutz bekommen haben: "Schlabbunzn!"
Später Durchbruch
Auch Sträters Weg zu den ersten Poetry-Slams und schließlich ins Fernsehen verläuft nicht geradlinig. Der Durchbruch kommt langsam - danach geht es dafür kontinuierlich bergauf. Aus dem selbst ernannten schwarzen Schaf wird einer der erfolgreichsten Live-Comedians Deutschlands. Sträter veröffentlicht Bücher, bekommt eigene Fernsehformate und füllt immer größere Bühnen. 2024 wird er für sein Live-Programm mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet. Schon dessen Titel "Mach' mal das große Licht an" hat eine persönliche Geschichte: Es ist ein beliebter Spruch seiner geliebten Mutter.
Mindestens genauso viel bedeutet ihm der Grimme-Preis, den er 2022 gemeinsam mit Kurt Krömer erhält. In dessen Sendung "Chez Krömer" sprechen die beiden als Betroffene offen über Depressionen - und schaffen damit einen der bleibenden Momente der deutschen Fernsehunterhaltung. Sträter zeigt dabei eine Seite, die entscheidend zu seiner Popularität beiträgt: seine Verletzlichkeit.
"Tumor gehabt, Glück gehabt, weil geile Ärzte"
Denn Torsten Sträter erzählt längst nicht nur von Dingen, über die man lachen kann. Er spricht auch über Themen, die wehtun: über Depressionen und andere psychische Probleme, ADHS, den Verlust geliebter Menschen - und inzwischen auch über eine schwere körperliche Erkrankung. Seine Depressionen thematisiert Sträter seit Jahren öffentlich. Besonders in den 90er-Jahren nehmen die dunklen Gedanken von ihm Besitz. In seiner eigenen Sendung beschreibt er das Gefühl einmal so: "Das fühlt sich an, als ginge ich durch nassen Sand, hüfthoch, jeder Tag ist gleichzeitig Berg und Tal."
Diese Offenheit macht ihn nahbar. Gleichzeitig macht Sträter aus seinem Privatleben keine Ware. Er entscheidet selbst, welche Tür er für sein Publikum öffnet - und achtet ziemlich genau darauf, dass niemand ungefragt durch eine der anderen geht. Im Frühjahr 2026 öffnet er eine weitere dieser Türen zumindest einen Spalt. Wegen einer Tumorerkrankung muss Sträter Live-Auftritte absagen. Später fasst er die Diagnose im Gespräch mit dem 37-jährigen Felix Lobrecht auf typisch knappe Sträter-Art zusammen: "Tumor gehabt, in Behandlung gegangen, Glück gehabt, weil geile Ärzte, natürlich wieder alles Kölner."
Gleichzeitig wird bei ihm Diabetes festgestellt. Durch den damit verbundenen strikten Verzicht auf Zucker nimmt Sträter deutlich ab. Seinen veränderten Körper kommentiert er wiederum mit bemerkenswert guter Laune: "Ich befinde mich auf dem Wege der Besserung und habe mich noch nie so gut gefühlt. Für mich ist das geil. Ich kann jetzt endlich auf Shein Hosen bestellen."
"Meine Omma war ein Titan"
Auch Sträters Familie steht gewissermaßen regelmäßig mit ihm auf der Bühne. Getreu seinem Motto "Ommas liefern immer" verarbeitet er besonders gern die schlagfertigen Ruhrpott-Weisheiten seiner Mutter und seiner Großmutter in seinen Programmen. "Meine Omma war ein Titan", schwärmt Sträter in der WDR-Talkshow "Kölner Treff". Als Beweis liefert er gleich eine ihrer furiosen Lebensweisheiten: "Sie hat furiose Sachen gesagt, wie: 'Geh' nicht mit Fremden mit, außer du kennst die.'"
Inzwischen taucht auch Sträters erwachsener Sohn regelmäßig in seinen Geschichten auf - wenn auch mitunter gegen dessen Protest. Ein Beispiel: "Er hat mir mal ne SMS geschrieben, darin stand: 'Kondom gerissen.' Und ich habe zurückgeschrieben: 'Gerissen im Sinne von hinterhältig oder kaputt?'" Eine wichtige Tür bleibt dagegen konsequent geschlossen. Über eine aktuelle Partnerin ist öffentlich nichts Belastbares bekannt. Der Mann, der beruflich sehr persönliche Dinge auf die Bühne bringt, weiß ziemlich genau, was dort nichts zu suchen hat.
"Ich mache Dinge jetzt sofort"
Viel Zeit zum ausgiebigen Geburtstagfeiern bleibt Sträter ohnehin nicht. Schon in der kommenden Woche geht er mit seinem neuen Live-Programm "Die Zyklopen von Saint-Tropez" auf Tour. Seine Erkrankung soll dabei nicht zum großen Bühnenthema werden. "Ich will keine Tumorgeschichten erzählen", sagt Sträter im Gespräch mit dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (RND). Für die richtige Mischung aus schwerer Erkrankung und Unterhaltung fehle ihm bislang die Idee.
Ganz ohne Humor verarbeitet er die vergangenen Monate trotzdem nicht. Über die Folgen seiner Chemotherapie schrieb er auf seiner Website: "Ich bin schon froh, dass ich das alles bis hierhin sehr gut vertragen habe. Wenn man davon absieht, dass mir mein kompletter Bart auf den Pullover rieselte." Spurlos ist die Erkrankung an ihm dennoch nicht vorbeigegangen. Sie hat Sträters Blick auf sein eigenes Leben verändert. "Ich mache Dinge jetzt sofort, die ich früher gern verzögert habe", sagt er. Er wolle sich mit Erinnerungen anfüllen und sein Leben regeln.
Lieber ein bisschen Stille, geliebte Menschen, ein guter Film oder ein bisschen Autofahren - eben jene Dinge, die einem manchmal erst fehlen müssen, damit man merkt, wie sehr man sie mag. Und dann geht es weiter. Denn 60 ist schließlich nur eine Zahl. Und für einen Mann, der ganze Geschichten zwischen zwei Kommata unterbringt, noch lange kein Grund, einen Punkt zu machen.