Bücher

Fiktion trifft Realität Das Dilemma der verliebten Spionin

imago0061938802h.jpg

Marie soll dem Präsidenten von Burkina Faso, Thomas Sankara (im Bild zusammen mit François Mitterand), eine Honigfalle stellen.

(Foto: imago/ZUMA/Keystone)

Marie kommt als schwarze Frau unter weißen Männern beim FBI beruflich nicht voran. Dann macht ihr die CIA ein Angebot: Sie soll einen Präsidenten bespitzeln - und gerät in einen moralischen Konflikt. "American Spy" stellt die Regeln klassischer Spionagethriller gekonnt auf den Kopf.

"Ich öffnete den Safe unter meinem Schreibtisch, schnappte mir meine alte Dienstwaffe und schlich lautlos und elegant zur Schlafzimmertür - bis ich auf einen Legostein trat und den Rest des Weges humpeln musste. Vor der Tür ging ich in die Hocke". Wenige Sekunden später kommt es zum Kampf, ein Schuss hallt durch die Nacht, der Angreifer ist tot und im Flur rufen die vier Jahre alten Söhne verängstigt nach ihrer Mutter.

Gleich zum Einstieg in ihren Debütroman "American Spy" fesselt die US-amerikanische Autorin Lauren Wilkinson ihre Leserinnen und Leser mit einer atemlosen Szene. Ihre Protagonistin Marie Mitchell wird von ihrer Vergangenheit als Agentin im Kalten Krieg eingeholt und flieht gemeinsam mit ihren Zwillingen überstürzt und unter falschem Namen zu ihrer Mutter nach Martinique. Für den Fall, dass sie ein weiteres Attentat nicht überleben sollte, schreibt sie ihren Kindern dort einen langen Brief. Darin erzählt sie, wie es dazu kam, dass sie im Fadenkreuz der CIA steht.

SE_PR_Wilkinson_Lauren_c_Niqui-Carter.jpg

Wilkinson Lauren arbeitet in New York als Literaturdozentin.

(Foto: Niqui Carter)

"Was in unserem Haus in Connecticut passiert ist, hat mit Helene angefangen", erklärt sie. Zusammen mit ihrer älteren Schwester, eben jener Helene, wächst Marie in den 1960er-Jahren im New Yorker Stadtteil Queens beim Vater, einem der wenigen schwarzen Polizisten, auf, die Mutter hatte die Familie früh verlassen. Helene meldet sich nach der Schule zum Militär, weil sie hofft, so ihrem großen Wunsch näherzukommen, für den ihre Freunde sie auslachen: Sie will Geheimdienstoffizierin werden. Kurz nachdem sie von einem Einsatz in Vietnam zurückkehrt, stirbt sie bei einem Unfall.

Geheime Mission in Burkina Faso

Es ist Marie, die den Traum der Schwester Realität werden lässt. Anfang der 80er geht sie zum FBI, aber obwohl sie in ihrem Job herausragend ist, kommt sie beruflich nicht voran. Als einzige schwarze Frau unter weißen Männern muss sie sich tagtäglich mit Papierkram herumschlagen. Dann erhält sie ein Angebot von der CIA: Marie soll als Spitzel auf Thomas Sankara, den Präsidenten von Burkina Faso, angesetzt werden.

Wilkinson scheut nicht davor zurück, ihre Ich-Erzählerin mit einer realen Person der Zeitgeschichte aufeinandertreffen zu lassen. Sankara war von 1983 bis zu seiner Ermordung 1987 Staatschef von Obervolta, das er in Burkina Faso ("Land der aufrichtigen Menschen") umbenannte. Er bezeichnete sich selbst als Revolutionär, kämpfte gegen Hunger und Korruption, setzte sich für Gesundheitsprogramme ein und berief so viele Frauen in die Regierung, wie kein anderer afrikanischer Präsident vor ihm. Und er erklärte, dass die "Dritte Welt" ihre Schulden an den Westen nicht zurückzahle.

Im Jahr 1987 begibt sich Marie nun auf eine geheime Mission. Sie glaubt, dass sie dem Präsidenten, der den USA mit seinen sozialistischen Ansichten ein Dorn im Auge ist, eine "Honigfalle" stellen und für kompromittierende Bilder sorgen soll. Womit sie nicht rechnet: Sie verliebt sich Hals über Kopf in den charismatischen Politiker. Sankaras Ermordung kann sie zwar nicht abwenden, aber sie fällt - im moralischen Dilemma zwischen Liebe und Auftragserfüllung - eine Entscheidung, die sie in tödliche Gefahr bringt.

ANZEIGE
American Spy: Thriller
16,00 €
Zum Angebot

Zwar mag der eine oder andere erzählerische Kniff nicht völlig überzeugen, aber Wilkinson weiß, wie man die Leserschaft bei der Stange hält. Auch Barack Obama hat Gefallen an dem Buch gefunden, im Sommer 2019 setze er es auf seine Leseliste. Der ehemalige US-Präsident schrieb dazu, "American Spy" sei "viel mehr als nur ein Spionagethriller, er verwebt die Bande der Familie, der Liebe und des Landes miteinander." Tatsächlich hat sich die 36 Jahre alte Literaturdozentin für ihren Erstling eine Menge Sujets geschnappt, verliert dabei aber nie den Überblick, sondern verknüpft sie auf verschiedenen Zeitebenen und vor dem Hintergrund des alltäglichen Rassismus in den USA gekonnt miteinander.

"Seid keine moralischen Absolutisten"

Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch den Thriller zieht, ist das Leben mit verschiedenen Identitäten. So wurde Maries Mutter von ihren Verwandten als junge Frau gezwungen, sich als Weiße auszugeben und hat, so getarnt, vermutlich als Spionin gearbeitet. Auch Helene schlüpft früh in unterschiedliche Rollen und übt sich für ihren Berufswunsch in der Manipulation von Menschen. Und Marie bekommt von ihrem Vater, als sie beim FBI anfängt, den Rat, sich eine Tarnung zuzulegen: "Ich selbst mache das jeden Tag, ich lebe mein Leben im Grunde schon undercover, seit ich denken kann".

Was an diesem Buch besonders beeindruckt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Wilkinson klassische Spionageroman-Regeln außer Kraft setzt. Mit einer weiblichen und schwarzen Ich-Erzählerin wählt die New Yorkerin nicht nur eine spannende, so bisher nicht eingenommene Perspektive. Sie bricht auch mit den bekannten Koordinaten des Genres in der Tradition von John le Carré oder Frederick Forsyth, die meistens einer eindeutigen Gut-Böse-Strategie folgen. Bei Wilkinson darf es ambivalenter sein. "Ich kann euch nur raten, seid keine moralischen Absolutisten. Wenn ihr die Menschen, von denen ich euch hier erzähle, nach dem Lesen in gut und schlecht einteilt, dann habt ihr nicht verstanden, worauf ich hinaus will", lässt sie Marie an ihre Söhne schreiben.

Quelle: ntv.de