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"Die Sirenen von Belfast" Der "katholische Bulle" ermittelt wieder

Auf einem verlassenen Fabrikgelände in Belfast wird ein tiefgekühlter Torso gefunden - der Konflikt in Nordirland scheint ein weiteres Opfer gefordert zu haben. Detective Sean Duffy hat jedoch Zweifel und verstrickt sich in einen Fall, der ungeahnte Dimensionen annimmt.

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Im Belfast der 1980er-Jahre ist ein Ende des religiös motivierten Bürgerkriegs noch lange nicht in Sicht.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Belfast, 1982: Die nordirische Hauptstadt befindet sich im 14. Jahr eines religiös motivierten Bürgerkriegs, den die Bevölkerung verharmlosend als die "Troubles" bezeichnet - die Unruhen. Nur ein Jahr nach den aufsehenerregenden Hungerstreiks der IRA hat die britische Zentralregierung Margaret Thatchers eine weitere Sorge und begibt sich in den Falklandkrieg. Große Teile der in Nordirland stationierten Armee- und Polizeieinheiten werden kurzerhand auf die Inseln im Südatlantik beordert, schließlich erscheint die Situation in Nordirland mehr als hoffnungslos.

Einer, der inmitten dieser turbulenten Zeit auf der irischen Insel bleibt, ist Sean Duffy. Man kann den 32-Jährigen als verrückt und abenteuerlustig bezeichnen, denn der Katholik lebt nicht nur in einem protestantischen Wohnviertel von Carrickfergus unweit der Hauptstadt Belfast. Nein, er ist zu alledem auch noch Detective Sergeant bei der Royal Ulster Constabulary (RUC), der nordirischen Polizei, die sich zu weit über 90 Prozent aus Protestanten rekrutiert und die die Sektiererei in Nordirland tatkräftig unterstützt. Kaum verwunderlich, dass die IRA ihn hasst.

Allen Widerständen zum Trotz nimmt Duffy seinen nunmehr zweiten Fall an, der ihn zunächst auf eines der vielen verlassenen Fabrikgelände von Belfast führt. In einem Müllcontainer finden er und sein fast schon kumpelhafter, obgleich protestantischer, Kollege McCrabban den nackten Torso eines athletischen Mannes - tiefgekühlt, gut gebräunt und in einen Koffer gestopft. Für die Vorgesetzten ist schnell klar: Die "Troubles" haben ein weiteres Opfer gefordert.

Ein weiterer Mord der IRA?

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"Die Sirenen von Belfast" ist im Suhrkamp-Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro.

(Foto: Suhrkamp)

Duffy plagen jedoch von Beginn an Zweifel: Wenn es sich wirklich um eine Tat einer paramilitärischen Einheit handelt, wieso weist das Opfer nicht die üblichen Spuren von Folter auf? Und warum ist dessen Körper für irische Verhältnisse zu gut gebräunt? Zum Glück kann Pathologin Laura, mit der Duffy ein Verhältnis hat, nützliche Hinweise geben. Sie erklärt ihm, dass das Opfer einen mysteriösen Schriftzug tätowiert hat und durch das Gift der äußerst seltenen Paternostererbse ums Leben kam.

Schnell hegt Duffy den Verdacht, dass es sich bei dem rüstigen Mann um einen US-Amerikaner handelt, der beim Militär gedient hat. Er sieht sich bestätigt, als sich plötzlich das FBI einschaltet und trotz aller Hilfsbereitschaft immer noch etwas zu verbergen scheint. Im ländlichen Islandmagee findet der von Neugier geplagte Duffy schließlich heraus, dass der Besitzer des Koffers Opfer eines IRA-Überfalls wurde, die Ermittlungsakte jedoch jede Menge Ungereimtheiten aufweist.

Fortan sucht der "katholische Bulle" immer wieder die Nähe zu der attraktiven und geheimnisvollen Witwe und vermischt dabei zunehmend Gefühle und Ermittlungsinteresse. Ebenso wie sie scheint ihr adliger Schwager wenig Interesse an weiteren Ermittlungen zu haben, schon gar nicht, wenn es um dessen zwielichtige Verbindung zum US-amerikanischen Unternehmer John DeLorean geht. Duffy verstrickt sich zunehmend in dem Fall, der immer größere Dimensionen annimmt. Der umtriebige Ermittler wird nicht nur seinen Vorgesetzten, sondern auch den höchsten politischen Kreisen zum Dorn im Auge.

Authentischer Blick in die Vergangenheit Nordirlands

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Adrian McKinty ist in Carrickfergus nahe der nordirischen Hauptstadt Belfast aufgewachsen.

(Foto: Twitter @adrianmckinty)

Autor Adrian McKinty erweist sich mit "Die Sirenen von Belfast" erneut als Meister der Hard-boiled-Literatur. Protagonist Sean Duffy ist ein Draufgänger, der einen Hang zu Affären mit attraktiven Frauen hat und sich gern den einen oder anderen Wodka-Gimlet mixt. Trotz (oder vielleicht aufgrund) aller Makel weiß die Figur zu faszinieren. Nicht zuletzt, weil der großspurige Außenseiter wie bereits in "Der katholische Bulle" den scheinbar aussichtslosen Kampf gegen das Verbrechen inmitten des von Gewalt und Hass geprägten Nordirlands der 1980er-Jahre aufnimmt.

Der Leser spürt, dass der 1968 in Carrickfergus geborene McKinty diese Zeit selbst erlebt hat und weiß, wovon er schreibt. In seinem aktuellen Duffy-Krimi stellt er abermals seine Fähigkeit unter Beweis, den ganz normalen Wahnsinn der "Troubles" in einen spannenden, facettenreichen Krimi verpacken zu können. Geschickt verknüpft er Fiktion mit wahren Ereignissen, wie beispielsweise den Fall DeLorean. Zudem sind es die vielen kleinen alltäglichen Details, wie der tägliche Blick unter das Auto aus Angst vor einem Bombenanschlag, die dem Krimi Authentizität verleihen.

Adrian McKinty gelingt es erneut, auf erzählerische Weise an den seit nunmehr 16 Jahren offiziell beigelegten Nordirland-Konflikt zu erinnern und dessen Komplexität zu verdeutlichen. Im heutigen Nordirland bestimmen gesellschaftliche Probleme wie Fremdenfeindlichkeit, religiöser Hass oder Homophobie zwar nicht mehr den Alltag. Dennoch wird immer wieder deutlich, dass sie noch nicht aus der zutiefst gespaltenen nordirischen Gesellschaft verschwunden sind. Mit "Die Sirenen von Belfast" bietet Adrian McKinty einen spannenden und lesenswerten Blick zurück in die Vergangenheit Nordirlands, deren Schatten noch immer in die Gegenwart reichen.

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Quelle: ntv.de