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"GRM" von Sibylle Berg Die Gegenwart brennt

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Sibylle Bergs neuer Roman "GRM" zeichnet die nahe Zukunft düster und voller Gewalt.

(Foto: Katharina Lütscher )

Es ist nicht alles schlecht an unserer Gegenwart, doch aber einiges - Sibylle Berg spitzt das zu. Für ihren Roman "GRM" hat die Autorin echte Abgründe mit potenzieller Perversion gemischt. Sie fackelt ein Feuerwerk ab, das niederschmettert, aber eben auch aufrüttelt.

Es gibt Ecken im Internet, da sind Bücher angesagt. Gerade lesen sie da "Das Leben ist eins der härtesten" von Giulia Becker. Oder "GRM - Brainfuck" von Sibylle Berg. Beide Autorinnen haben auf Instagram eine treue Anhängerschaft. Hat Fan das Buch erworben, postet Fan ein Foto von dem erworbenen Buch. Zitate daraus kommen auch gut. Hauptsache ab in die Story damit. Die Idole, die die Bücher verfasst haben, reposten das dann. Und auf einmal ist man mittendrin im Hypestrudel. Dabei für etwa 20 Euro.

Man kann da jetzt Witze drüber machen. Man kann es aber auch lassen. Schließlich wird hier zur Abwechselung mal kein Bibi-Deo in die Smartphone-Kamera gehalten, sondern Literatur. Genannte Beispiele sind echte Perlen. Für Becker ist es der erste Roman, bei Berg weiß man schon, was man erwarten darf. Es wird irgendwie niederschmetternd.

Pornos, Fußball und Filterblasen

"GRM" tut besonders weh. Figuren werden nach Hautfarbe, IQ oder Gefährdergrad sortiert. Jeder wird pathologisiert. Der Auftritt eines Menschen stets begleitet von einer Diagnose. Es ist ein Rundumschlag gegen die Gegenwart. Kritisiert wird eigentlich alles: neoliberale Arbeitsmarktpolitik, Überwachung öffentlicher Orte, Pornokonsum bei Jugendlichen und trinkende Mütter.

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GRM: Brainfuck. Roman
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"GRM" spielt zunächst im britischen Rochdale. Die Stadt ist arm und es regnet. Ihre Bewohner sind innerlich leer. Alles, was sie hatten, ist im Pfandleihhaus und damit eigentlich schon lange fort. Mit "müde" beschreibt Berg ihre politische Attitüde. Das klingt ganz anders als "verdrossen". Wer müde ist, lässt sich sicher nicht mehr mit einer coolen Kampagne gewinnen. Der braucht ein Bett, um zu schlafen. Und wenn er das nicht kriegt? Was dann? Dank Pornos, Fußball und Filterblasen bleibt die Revolution vorerst aus.

Berg begibt sich erzählerisch in ein Milieu, bei dem nur selten genauer hingeguckt wird. Die Figuren sind die Abgehängten. Männer kommen nicht gut weg. Sie brüllen und sie töten auch mal einen Hund. Mädchen verkaufen Schuhe, werden schwanger oder sterben. Vier Jugendliche - von ihren Eltern vernachlässigt, vom System miss-, von ihren Mitmenschen verachtet - wollen da raus. Die Geschichte wird sie nach London führen, sie über Jahrzehnte begleiten. Die jungen Leute werden mit einem England konfrontiert werden, in dem der Brexit lang vergessen ist und statt Royals Rechtspopulisten regieren, die mittels implantierter Chips Gesundheitsdaten ihrer Bürger auslesen.

"Welt wieder in Ordnung ficken"

Bisschen drüber? Aber eben auch denkbar. "GRM" bewegt sich irgendwo zwischen Dystopie und Wahrheit. Einen Hochhausbrand in London hat es gegeben, Männer, die in Rochdale über Jahre systematisch Mädchen missbraucht haben, auch. Berg braucht keinen Weltraumkrieg zu prophezeien. Die unmittelbare Zukunft sieht düster genug aus. So erklärt Berg die Welt denn mit der ihr eigenen beiläufigen Härte. Niedriglohnkräfte werden durch Arbeiterinnen aus dem Ausland ersetzt? Es werden Sozialleistungen gekürzt und Kinder von der Polizei gefilzt? Ist halt so. Das Leben geht weiter, weil alles andere sich nur schwer vermeiden lässt.

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"GRM" ist ein Rausch der schlechten Laune. Jeder Satz knallt. Frust mischt sich mit Hoffnungslosigkeit, mischt sich mit Hoffnung. Bei Berg wollen Typen "die Welt wieder in Ordnung ficken". Und es muss hier "ficken" heißen. Berg wird vulgär, weil die Welt, von der sie schreibt, vulgärer ist. Das, was die Männer da vorhaben, ist aggressiv, verzweifelt, bedürftig und angestaut, geboren aus dem Gefühl heraus, ein Recht auf etwas zu haben. Oder nicht auf etwas, sondern auf alles.

"GRM" kommt von "Grime" dem schnelleren, aggressiven Verwandten des Raps aus Großbritannien. Die Kids der Geschichte hören das, träumen von einem anderen Leben. Was sie auch gern hören: "Stress" von Justice. Wer den Track noch grob im Ohr hat, weiß, was von Bergs literarischem Feuerwerk zu erwarten ist. Die Welt brennt. Das muss man aushalten können. Oder was ändern.

Quelle: n-tv.de