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"Spielen? Ich spiele nie" Kinderarbeit in den USA vor 100 Jahren

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"Breaker Boys, die beim Ewen Breaker (Kohlenwäscherei) der Pennsylvania Coal Co. arbeiten; South Pittston, Januar 1911."

(Foto: Library of Congress, Prints & Photographs Division, National Child Labor Committee Collection)

Junge und doch schon alte Gesichter, schwarz vor Dreck, kleine Mädchen mit kaputten Händen vom Austern öffnen, müde, manchmal auch stolz nach geschaffter Arbeit: die Fotos von Lewis Hine können niemanden kaltlassen. Aktuell sind sie immer noch.

"And when you play?" "Play? I never play."

Kindheit - das ist die Zeit des Heranwachsens, des Lernens, des Spielens, aber nicht der Arbeit. Eigentlich. Tatsächlich aber mussten seit Menschengedenken Kinder mit ran - besondere Ausmaße nahm Kinderarbeit während der Industrialisierung an, als die Nachfrage nach Arbeitskräften gewaltig anwuchs. Zudem waren die Fabriklöhne so niedrig, dass die blanke Not die Familien zwang, auch die Jüngsten arbeiten zu lassen. Dieses Elend hat Lewis W. Hine Anfang des 20. Jahrhunderts in seinen Fotografien festgehalten - im Bildband "The boss don't care. Kinderarbeit in den USA 1908-1917" sind nun etwa 250 davon zu sehen, mit einem umfassenden Begleittext und einem Vorwort des bekannten Soziologen Jean Ziegler.

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"Die siebenjährige Rosie. Fest angestellte Austernöffnerin. Ihr zweites Jahr. Analphabetin. Arbeitet den ganzen Tag. Öffnet nur wenige Töpfe Austern pro Tag. (Demonstriert den Prozess.) Varn & Platt Canning Co. Bluffton, South Carolina, Februar 1913."

(Foto: Library of Congress, Prints & Photographs Division, National Child Labor Committee Collection)

Hine kam eher durch Zufall zur Fotografie - er stammte aus sehr einfachen Verhältnissen und musste früh in der Fabrik arbeiten. Doch dann wurde er Lehrer und ein Schul-Fotoprojekt brachte ihn zu seiner späteren Berufung. Der "Pionier der sozialdokumentarischen Fotografie" hielt Anfang des 20. Jahrhunderts auf Ellis Island, wo täglich bis zu 5000 Einwanderer auf ein besseres Leben in den USA hofften, viele der Ankommenden in Porträts fest. Mit Freundlichkeit und Anteilnahme und auf Augenhöhe - er ließ ihnen ihre Würde.

Austernöffner und Brecherjungen

So ist es auch bei den Kindern, die er für das National Child Labour Commitee (NCLC) fotografiert, eine 1904 gegründete Organisation, die sich dem Kampf gegen die Kinderarbeit verschrieben hat. Teils Vier-, Fünf-, Sechsjährige porträtiert er, denen unglaublich viel abverlangt wird: sie arbeiten viele Stunden, nachts, bei Kälte, im Dreck, teils ohne Schuhe, mit gefährlichem Werkzeug, müssen schwere Lasten tragen. Allseits bekannte Tätigkeiten wie Zeitungsjunge, Hotelpage und Babysitter sind dabei, aber auch solche wie Austernöffner und Brecherjungen ("Breaker Boys" - sie haben die Aufgabe, in einem Kohleschüttler Verunreinigungen von Kohle zu trennen). Schuhputzer, Zigarrendreher ("Die Jungen rauchen alle"), Feldarbeiter, Fischzerleger, Zuträger in der Glasfabrik ... es gibt keinen Bereich, in dem Hine keine Kinderarbeit in Bildern festgehalten hat.

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"Richard Green (mit Hut), fünfjähriger Zeitungsjunge. Willi, der angab, acht zu sein. (Man vergleiche sie.) Es gibt hier viele dieser kleinen 'Newsboys'. Richmond, Virginia. Juni 1911."

(Foto: Library of Congress, Prints & Photographs Division, National Child Labor Committee Collection)

Dabei wird es ihm oft schwergemacht und der Einlass in Betriebe verwehrt. Dann fotografiert Hine eben heimlich, wendet Tricks an, gibt sich als Postkarten- oder Industriefotograf aus, als Sicherheitsinspekteur. Wenn es ihm gelingt, ein Kind oder mehrere bei der Arbeit zu porträtieren, befragt er sie zudem und notiert sich ihren Namen, ihr Alter, ihre Adresse.

Auch hier muss Hine sich oft etwas einfallen lassen, denn "die Kinder wissen, dass sie erst ab einem bestimmten Alter arbeiten dürfen. Folglich geben sie dem fremden Mann mit der Kamera oft ein falsches Alter an. Um unauffällig ihre Körpergröße zu messen und ihr Alter zu bestimmen, nutzt Hine die Knöpfe seiner Weste."

Kamera als Waffe im Kampf gegen das Elend

Auch die Eltern sehen es oft nicht gern, dass ihre Kinder bei der Arbeit fotografiert werden - mal sind sie ungehalten, weil Hine den Betrieb aufhält, mal ist es ihnen auch unangenehm, ihr Elend und ihre Not so offen dargestellt zu sehen. Aber Hine ist kein voyeuristischer Sensationsreporter - die Kamera ist seine Waffe im Kampf gegen eben jenes Elend: "Könnte ich die Geschichte in Worten erzählen, ich müsste keine Kamera mit mir herumschleppen."

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"The boss don't care". Kinderarbeit in den USA 1908-1917: Fotografien von Lewis W. Hine
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Dafür erzählen die Gesichter, jung und doch schon alt, die Blicke oft leer, müde, erschöpft. Aber auch stolz - wie das Mädchen, das die leerverkauften Körbe herzeigt, oder die Jungs, die sich bereits fast wie gestandene Männer fühlen, weil sie schon so hart arbeiten. Die Kinder lächeln oft - vielleicht auch, weil man einfach lächelt, wenn man fotografiert wird? Sicher auch, weil Hine ihnen wie all seinen Porträtierten mit Freundlichkeit und Zuwendung begegnet. Manche Kinder schaffen aber kein Lächeln mehr - die Erschöpfung ist zu groß. Und man weiß: Diese Kinder haben eigentlich keine Chance, dem Elend zu entkommen. Sie ruinieren durch die harte Arbeit früh ihren Körper und können gar nicht oder kaum zur Schule gehen, viele sind Analphabeten, manche sprechen kein Wort Englisch, da sie aus armen Einwandererfamilien kommen. Die mangelnde Bildung verwehrt ihnen meist den Ausweg aus der Misere - sie sind verdammt zum selben Elend wie ihre Eltern.

Noch lebendiger werden die rund 250 Bilder durch eingestreute Zitate der fotografierten Kinder, der Eltern, von Fabrikanten und anderen Zeitgenossen, die Hine notiert hatte - etwa das oben erwähnte "Und wenn du spielst? - Spielen? Ich spiele nie" oder "Mag sein, dass die Sklaverei vorbei ist. Aber das hier ist schlimmer." (Mrs. Maishell, Mutter von fünf Kindern, Bay St. Louis, Mississipi, Juli 1909)

Was man bei diesem Blick zurück nicht vergessen darf: Die Bilder sind zwar über 100 Jahre alt, aber Kinderarbeit gibt es immer noch, in vielen Teilen der Welt - auch von heute finden sich einige Aufnahmen im Buch. Die offizielle Zahl dazu: 2016 arbeiteten nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) weltweit rund 218 Millionen Kinder unter 17 Jahren. Jeder von uns kann es sehen, wenn er in die armen Länder dieser Welt reist. Die Bilder von dort gleichen denen von Lewis W. Hine. Oder wie Jean Ziegler im Vorwort schreibt: "100 Jahre später sind diese großartigen Fotografien vom Leid der gepeinigten Kinder in stickigen Fabrikhallen, in den Minenschächten, auf den Baumwollfeldern von Atlanta immer noch von beklemmender Aktualität."

Quelle: ntv.de