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Der Traum vom großen GeldSteuerbetrug und maßlose Gier enden tödlich

21.06.2026, 12:28 Uhr
imageVon Katja Sembritzki
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Zaid, Erik und Freddy haben es bis in die Spitze eines Banken-Wolkenkratzers in Frankfurt geschafft. (Foto: picture alliance/dpa)

Drei Freunde und ein perfides Milliardengeschäft mit tödlichen Konsequenzen: Oliver Bottini blickt in seinem neuen Roman in die Abgründe der Aktienbranche und erzählt meisterhaft von Gier und Selbsttäuschung.

Ein Krimi über den Cum-Ex-Skandal? Das klingt nach irgendwas zwischen dröge und arg kompliziert, ein Großteil der potentiellen Leserschaft winkt vermutlich müde ab - was in diesem Fall aber ein echter Fehler wäre. Denn wenn sich der sechsfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Oliver Bottini diesem Thema widmet, dann wird es ganz großes Kino in Buchform.

Sein neuer Roman "Die Summe aller Dinge" beginnt mit drei Paukenschlägen: Erst nimmt sich Zaid in Duisburg-Marxloh das Leben, zwei Wochen später wird Freddy beim Joggen in London totgefahren und in Eriks Villa auf Capri taucht nachts ein Killer der Camorra auf. Eine Leiche allerdings wird nicht gefunden und Vera, Zaids Frau, ist sich sicher: Erik lebt.

Vera Berg, Streifenpolizistin aus Frankfurt, kann immer noch nicht fassen, was sie nach dem Tod ihres Mannes erfahren hat: Zusammen mit seinen Freunden Erik und Freddy hat er den Staat um 420 Millionen Euro Steuergeld betrogen, die drei sind in den Fokus von Ermittlungen geraten. Wer war Zaid wirklich und warum hat sie nichts von den dubiosen Aktiengeschäften geahnt? Und wer wollte, dass Freddy und Erik sterben? Veras Suche nach Wahrheiten - und nach ihrer abgehauenen Tochter Emmy - führt sie in ein Geflecht aus Lügen und bringt sie selbst in Lebensgefahr.

Eine weitere Frau lässt der Cum-Ex-Skandal nicht los, obwohl sie vom Justizminister höchstpersönlich zurückgepfiffen wird: Staatsanwältin Esther Molien. Sie hat ihre drei Hauptverdächtigen verloren, der Kronzeuge springt ab, Vorschriften bremsen sie aus und die Anwälte der Gegenseite überhäufen sie mit Vorwürfen - trotzdem setzt sie alles daran, das komplizierte Netzwerk an Beteiligten zu durchdringen und die illegalen Aktien-Machenschaften zur Anklage zu bringen.

Millionen und noch mehr Millionen

Bottini schickt seine Leserinnen und Leser von Frankfurt nach Capri, von Gibraltar nach London, von Alicante in die USA. Das Tempo des Plots ist hoch, der Text reich an Dialogen, die Dramaturgie ausgefeilt. Die Haupthandlung ist 2018 angesiedelt, aber immer wieder blickt der Autor zurück auf die Freundschaft der drei Männer, die sich als Studenten eine Wohnung am Bodensee teilten.

Nebenbei erklärt er anschaulich und verständlich, was Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäfte sind, ohne dabei die Teile der Leserschaft zu verlieren, die eine weniger ausgeprägte Aktienmarktexpertise mitbringen. Aktienmarktexpertise hatte auch Zaid nicht, er wollte als Ingenieur Häuser bauen. Aber Erik und Freddy überredeten ihn, bei ihnen einzusteigen - und nutzten dabei schamlos aus, dass die Millionen, die auf seine Konten purzeln, Zaids Sorge beruhigten: Der Sohn syrischer Eltern, der in Armut in Duisburg-Marxloh aufgewachsen war, will die Zukunft seiner Tochter gesichert wissen.

So wurde Zaid in dem Trio das Mathe-Hirn. Wo Erik und Freddy "bloß Zahlen sahen, erkannte er Zusammenhänge, Muster, Chancen, Risiken". Und immer wieder redeten sie sich ein: Ihre Geschäfte sind völlig legal, sie profitieren einfach nur von "Schlupflöchern" im Finanzsystem. Gab es neue Gesetze, bastelten sie einfach neue Modelle. Nie dachten sie daran, aufzuhören.

Ambivalente Figuren

Eine Stärke des Romans ist die ambivalente Figurenzeichnung. Ja, die drei Freunde sind Betrüger, auch wenn sie sich selbst "Marktoptimierer" nennen. Aber Bottini wäre nicht Bottini, würde er sie nicht auch mit sympathischen Eigenschaften ausstatten und die Leserinnen und Leser damit in ihrer Sicht auf die Luxus-Boys herausfordern.

Zaid erinnern alle als freundlich und sanftmütig, ihm teilt Bottini die Rolle desjenigen zu, der am häufigsten zweifelt. Erik wiederum lässt Bottini als Mann mit großem Herzen auftreten. Er vergöttert seine Frau (die er kennenlernt, als er ihr nach einer kurvenreichen Fahrt im Ferrari kotzend vor die Füße fällt) und ist völlig vernarrt in seine Patentochter Emmy (die er als Baby unermüdlich vom Wäscheschlucker zum hinabgeworfenen Schnuller und zurück zum Wäscheschlucker trägt). Freddy, nun ja - bei ihm hält der Autor es relativ simpel: Für ihn zählen Statussymbole, bei dem Spiel "Meine Luxusvilla, meine Luxusjacht, mein Luxuswagen" will er ganz vorne mitmischen.

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"Die Summe aller Dinge" ist ein spannender und brisanter Roman über maßlose Gier und Selbsttäuschung vor dem Hintergrund des größten Steuerskandals der Bundesrepublik. Bis heute sind die Cum-Ex-Geschäfte, die Deutschland um etwa 32 Milliarden Euro Steuergeld brachten, nicht komplett aufgearbeitet.

Für seine Geschichte braucht Bottini dabei keinen großen Wumms, kein großes Spektakel. Wie in vielen seiner Romane verbindet er meisterhaft ein politisches Thema mit individuellen Schicksalen, dringt in die Psyche seiner Protagonisten ein und ergründet, was sie antreibt. Dabei lässt er trotz aller Vielschichtigkeit nie vergessen, wer Freddy, Erik und Zaid sind: Sie gehören zu den Menschen, die Moral als äußerst elastischen Begriff verstehen.

Quelle: ntv.de

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