Bücher

Neuer Roman von SavianoRossella bezahlt Widerstand gegen die Mafia mit dem Leben

26.04.2026, 12:02 Uhr
imageVon Katja Sembritzki
Rossella_Casini
Rossella Casinis Foto aus ihrem Studienbuch von 1978/1979. (Foto: Public Domain, Quelle: Wikimedia Commons)

Eine junge Frau verliebt sich in einen Mafioso und will für ihn eine 'Ndrangheta-Fehde' beenden. Sie verschwindet spurlos und gerät in Vergessenheit. Mit seinem neuen Roman "Meine Liebe stirbt nicht" setzt Roberto Saviano ihr ein literarisches Denkmal.

Von Rossella Casini gibt es nur ein einziges Foto. Es stammt aus ihrem Studienbuch, das zwei Journalistinnen in den Archiven der Universität von Florenz aufgespürt haben. Dieses Bild ist auf dem Cover des jetzt auf Deutsch erschienenen Romans "Meine Liebe stirbt nicht" zu sehen, in dem Roberto Saviano die wahre Geschichte von Rossella erzählt. Es ist eine Geschichte von Liebe, Mut und Tod.

Sie beginnt 1977, im Jahr der Studentenproteste, Rossella ist Anfang 20 und studiert in Florenz Psychologie, als sie sich in Francesco Frisina verliebt. Der zieht eine Etage unter ihr in eine Studenten-WG ein, trägt sein Hemd aufgeknöpft und ein goldenes Medaillon mit einem Heiligenbild um den Hals. Was Rossella nicht weiß: Francesco wird auch "u principinu" (Prinzchen) genannt und ist der Spross eines kalabrischen 'Ndrangheta-Clans'.

Erst als sie in den Ferien gemeinsam mit Francesco in seinen Heimatort Palmi reist, realisiert Rossella nach und nach die tiefe Verstrickung seiner Familie in kriminelle Machenschaften. Dann bricht nach einer schiefgegangenen Schutzgeld-Erpressung zwischen den Gallico - zu denen die Familie Frisina gehört - und den Condello ein offener Krieg aus. Es gibt viele Tote, darunter ist auch der Vater von Francesco.

Hat Francesco vorher immer wieder versucht, sich rauszuhalten, ist es dafür jetzt zu spät. Er wird selbst zum Jäger und Gejagten. Rossella bleibt an seiner Seite, "sie liebt ihn, weil der Student in ihm nie ganz verschwunden ist, genauso wie der Soldat sich nie ganz versteckt hat". Und sie hofft, die brutale Fehde beenden zu können - weil sie einfach nur glücklich sein möchte mit Francesco. Das kann man naiv finden. Oder mutig.

Zum letzten Mal wird Rossella am 22. Februar 1981 in Palmi gesehen, da ist sie 24 Jahre alt. Ein Kronzeuge berichtet mehr als ein Jahrzehnt später, "die Fremde", wie sie genannt wurde, sei vergewaltigt, getötet und ihr zerstückelter Körper ins Meer geworfen worden. Die Frisina sollen dem Mord zugestimmt haben. Der Prozess gegen vier Angeklagte endete mit Freisprüchen, die Richter waren von der Schuld der Angeklagten überzeugt, ihnen fehlten aber die Beweise.

Romantische Szenen und Gewaltexzesse

Rossellas Geschichte habe ihn "überwältigt". Als er auf sie stieß, sei ihm sofort klar gewesen, dass es "die unglaublichste Liebesgeschichte ist, die ich je gehört habe". Das sagte Saviano in der TV-Talkshow "Che tempo che fa" zum Erscheinen des Buches in Italien, für das er fünf Jahre recherchiert hat.

Saviano studierte Abhörprotokolle, Abschriften von Verhören, Gerichtsurteile und führte Interviews. Unter anderem sprach er mit Rossellas Cousin, der seine Erinnerungen mit ihm teilte. Neben den so gesammelten Erkenntnissen bediente sich Saviano, wie er in der Vorbemerkung schreibt, "zu einem großen Teil beim Arsenal der erzählerischen Erfindung, wenngleich Vermutung und Rekonstruktion nie beliebig sind".

Anzeige
Meine Liebe stirbt nicht: Roman
6
26,00 €

In seinem Roman stellt er in harten Schnitten romantische Szenen und Gewaltexzesse nebeneinander. In die Liebespassagen legt er auch sprachlich sehr viel Emotionen. Das eine oder andere Bild gerät da etwas ungelenk, etwa wenn er die Liebe mit einer Erdbeere und deren "unverhofften Farben und Düften" vergleicht oder die Sonne "süß wie Zucker" scheint (Übersetzung: Anna Leube und Wolf Leube).

In den Abschnitten, in denen es eher um das System Mafia geht, über das in den 1970er Jahren noch wenig bekannt war, blitzt Savianos ganze Expertise auf. Dass man heute sehr viel mehr über den Aufbau und die Mechanismen des Organisierten Verbrechens in Italien weiß, ist auch einer der großen Verdienste von Saviano. Der Preis, den er dafür zahlt: Seit sein Buch "Gomorrha" vor 20 Jahren erschienen ist, lebt er unter ständigem Polizeischutz.

"So räche ich dich"

"Meine Liebe stirbt nicht" liest sich auch als logische Fortsetzung seines vorherigen Buches "Treue". Dort beschäftigte sich Saviano anhand von zwölf Fallbeispielen mit der Rolle der Frauen in der Mafia und zeigte, wie sich kriminelle Strukturen auf intimste Beziehungen auswirken. Nun rückt er mit Rossella ein Einzelschicksal in den Mittelpunkt und macht mit ihrer Geschichte deutlich, dass und warum Liebe im Kosmos des Organisierten Verbrechens scheitern muss. "Imperien werden nicht mit Liebe geschaffen", heißt es an einer Stelle, "im Gegenteil, sie werden geschaffen, indem man sie fernhält, für immer verbannt".

Mit seinem Roman setzt Saviano Rossella Casini ein literarisches Denkmal. Einer Frau, die es wagte, der Mafia die Stirn zu bieten, weil sie dachte, dass Liebe einfach mächtiger sein muss, als es Angst jemals sein kann. Und einer Frau, die nach ihrem Verschwinden in Vergessenheit geriet. Ihr widmet Saviano seinen Roman und sagt über seinen Antrieb: "So räche ich dich."

Quelle: ntv.de

NdranghetaOrganisierte KriminalitätItalienRezensionenLiteraturRoberto SavianoItalienische Mafia