Unterhaltung
Houellebecq spielt einfach durch, wovor der Westen Angst hat.
Houellebecq spielt einfach durch, wovor der Westen Angst hat.(Foto: imago/PanoramiC)
Freitag, 16. Januar 2015

Houellebecqs Gespür für Politik: Scharia, Patriarchat, Polygamie

Von Markus Lippold

Der Vertreter einer islamischen Partei wird Präsident von Frankreich - und führt die Scharia ein. Das Szenario von "Unterwerfung" ist eine Schauergeschichte für Pegida-Anhänger. Aber taugt der Roman von Michel Houellebecq zum Skandal?

Wir schreiben das Jahr 2022. Ganz Frankreich wird von einer islamischen Partei regiert. Ganz Frankreich? Ja! Das Land wählt einen neuen Präsidenten. Wahlsiegerin wird Marine Le Pen von der rechtsextremen Front Nationale. Doch sie muss in die Stichwahl. Überraschenderweise nicht gegen einen Vertreter der etablierten Parteien, sondern gegen den zweitplatzierten Mohamed Ben Abbès, Kandidat der neuen Bruderschaft der Muslime.

Michel Houellebecq auf dem Cover von "Charlie Hebdo" - erschienen am Tag des Anschlags.
Michel Houellebecq auf dem Cover von "Charlie Hebdo" - erschienen am Tag des Anschlags.(Foto: imago/PanoramiC)

Um Le Pen zu verhindern und um einen drohenden Bürgerkrieg abzuwenden, unterstützen auch Sozialisten und Konservative den gemäßigten Ben Abbès, der im zweiten Wahlgang zum Staatsoberhaupt gewählt wird - und Frankreich islamisiert.

Michel Hoellebecqs Roman "Unterwerfung" (im Original "Soumission") provoziert, natürlich. Dass das Buch in Frankreich ausgerechnet am 7. Januar erschien, dem Tag des Terroranschlags auf "Charlie Hebdo", hat die Debatte noch verschärft. Immerhin zierte er auch den Titel des Satiremagazins: "2022 feiere ich Ramadan", wird ihm da in den Mund gelegt. Doch Houellebecq, der bei dem Attentat einen guten Freund verlor, wurde auch vorgeworfen, er schüre Ängste vor dem Islam, spalte die französische Gesellschaft.

"Bodenloser Graben" zwischen Volk und Politik

Tatsächlich hält er das Szenario seines Romans nicht für sehr wahrscheinlich, wie er dem US-Magazin "The Paris Review" sagte. Er glaubt eher an eine künftige Präsidentin Marine Le Pen. Doch in seinem Roman geht es ja auch nicht um Wahrscheinlichkeiten. Es geht, wie in anderen Utopien auch, um einen bitterbösen Kommentar auf die Gegenwart. Es geht um Hedonismus und Dekadenz des Westens, um das Scheitern des politischen Systems, das sich nur noch um die "Aufteilung der Macht zwischen zwei rivalisierenden Gangs" drehe, wie es heißt. Es gebe einen "bodenlosen Graben zwischen dem Volk und jenen, die in seinem Namen sprachen - also Politikern und Journalisten". Dem derzeitigen Präsidenten François Hollande werden sogar zwei "verheerende" Amtszeiten bis 2017 bescheinigt.

Nach den Anschlägen von Paris hat Houellebecq (hier im September 2014) seine Werbetour für das Buch abgesagt.
Nach den Anschlägen von Paris hat Houellebecq (hier im September 2014) seine Werbetour für das Buch abgesagt.(Foto: imago/Manfred Segerer)

François - so heißt auch die Hauptfigur, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird. Der 44-jährige Literaturwissenschaftler lehrt an der Sorbonne, seine Leidenschaft gilt Joris-Karl Huysmans, einem französischen Autor des späten 19. Jahrhunderts. Seine anderen Leidenschaften sind Alkohol und junge Studentinnen, mit denen François regelmäßig Affären hat. Und doch fühlt er sich alt, einsam und leer. Für Politik interessiert er sich nicht. "Ich war politisiert wie ein Handtuch", sagt er.

Erst die gewaltsamen Ausschreitungen während der Präsidentenwahl, die in einen Bürgerkrieg zu kippen drohen, rütteln ihn auf: Er flieht aufs Land. Doch der große Knall bleibt aus, Frankreich entwickelt sich nach Ben Abbès Wahlsieg friedlich weiter, wenn auch unter islamischen Vorzeichen. Weil auch die Sorbonne islamisiert und nun von Saudi-Arabien finanziert wird, verliert François seinen Job. Es sei denn, er konvertiert zum Islam, so wie sich sein geistiger Begleiter Huysmans einst am Lebensende von der Dekadenz ab- und dem Katholizismus zuwandte.

Diese Bezüge zur französischen Kultur, Literatur und Politik durchziehen den Roman und erleichtern nicht gerade die Lektüre, wenn man mit den Namen nichts anfangen kann. Doch man sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Houellebecqs mal ironischer, mal zynischer, aber stets distanzierter Ton ist unterhaltend. So schildert er die Zeit nach der Wahl, die friedliche Islamisierung Frankreichs: Das alte politische System implodiert, die etablierten Medien sind fassungslos. Das Land unterwirft sich.

"Unterwerfung" ist bei Dumont erschienen, 280 Seiten im Hardcover, aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek, 22,99 Euro.
"Unterwerfung" ist bei Dumont erschienen, 280 Seiten im Hardcover, aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek, 22,99 Euro.(Foto: picture alliance / dpa)

Dass Houellebecq dabei viele Aspekte auslässt, stark vereinfacht und zuspitzt, kann man verschmerzen. So wird die EU kaum thematisiert, die USA kommen gar nicht vor - wie würden beide auf ein islamisches Frankreich reagieren? Die Front Nationale wiederum verschwindet nach der Wahl von der Bildfläche, es gibt keine Proteste mehr, gar nichts. Auch ökonomische Mechanismen, in die Frankreich fest eingebunden ist, lässt der Autor außen vor.

Frau am Herd mit langem Rock

Stattdessen lässt er den charismatischen islamischen Präsidenten die Probleme des Landes lösen: Er sorgt für den Rückgang der Kriminalität, für eine Stärkung der Familie und fördert kleine Betriebe, indem er den Distributismus durchsetzt. Er stellt auch die traditionelle Moral wieder her: Kurze Röcke verschwinden von den Straßen, so wie Frauen aus dem Arbeitsleben. Es gelten Scharia, Patriarchat und Polygamie. François, der sich immer wieder frauenfeindlich äußert, erfreut die Aussicht auf mehrere unterwürfige, junge Ehefrauen. Sein Sexleben wäre zumindest gerettet. Seine letzte Studenten-Freundin Myriam hat ja inzwischen das Land verlassen - als Jüdin fühlte sie sich nicht mehr sicher.

So unwahrscheinlich eine Islamisierung Frankreichs auch sein mag, Houellebecqs Roman funktioniert sehr gut, wenn er aktuelle politische Entwicklungen aufgreift und weiterspinnt. Und wenn er François, der in seinem literarischen Schneckenhaus des 19. Jahrhunderts lebt, mit diesen Gesellschaftsmodellen konfrontiert.

So trifft der Literaturwissenschaftler ein ehemaliges Mitglied der rechtsgerichteten Identitären Bewegung, die sich auf einen Bürgerkrieg gegen die Moslems vorbereitet. Auch eine Gruppe namens "Europas Urbevölkerung" wird erwähnt, die sich gegen eine islamische Kolonisierung wehrt - Pegida lässt grüßen. Ein Geheimdienstmitarbeiter setzt ihm Hintergründe und Ziele des neuen Präsidenten auseinander. Robert Rediger schließlich, der zum Islam konvertierte neue Präsident der Sorbonne, versucht, François von den Vorzügen des Islam zu überzeugen und ihn zum Übertritt zu bewegen. Der Wissenschaftler, der sich so lange nicht für Politik interessiert hat, muss eine Entscheidung treffen.

Am Ende allerdings ist diese Entscheidung gar nicht so wichtig. Denn da hat Houellebecq, wie es seine Art ist, bereits die Eliten der französischen Gesellschaft vorgeführt: Intellektuelle bekommen ebenso ihr Fett weg wie Politiker und andere Gruppen. Nur beim Islam bleibt der Autor zahm. Und doch weiß er, wie man provoziert: "Ich spiele mit der Angst. Nur weiß man nicht genau, ob man vor den Identitären oder den Muslimen Angst haben soll", sagte er "The Paris Review". In seinem Buch spielt er eine der Möglichkeiten durch. Das ist kein Skandal, sondern ein interessantes politisches Gedankenexperiment, das bereits für reichlich Diskussionen sorgt - wann hat man das zuletzt bei einem deutschen Autor erlebt?

"Unterwerfung" bei Amazon als Buch oder digital bestellen.

Quelle: n-tv.de