Kino

Eine Frage der Moral Bisschen Gangster, Herr Affleck?

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Zu Beginn von "Live By Night" sind Ben Affleck und Sienna Miller ein Liebespaar - ein bisschen wie Bonnie und Clyde.

(Foto: WARNER BROS.)

Sie erinnern ein bisschen an Bonnie und Clyde. Im Gangster-Film "Live By Night" spielen Ben Affleck und Sienna Miller zwei Gestalten der Nacht, die den rechten Weg kaum mehr kennen. Im Gespräch mit n-tv.de beweisen beide aber präzise Vorstellungen von Umgangsformen und Moral und sie erzählen, wieso der Sieg Donald Trumps bei der Präsidentschaftswahl die Wahrnehmung ihres Films verändert hat.

n-tv.de: Das letzte Mal, als Sie als Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent eines Films aufgetreten sind, waren Sie mit Ihrer Arbeit wahnsinnig erfolgreich. Setzt Sie das unter Druck?

Ben Affleck: Ich kann nicht jedes Mal den Oscar für den besten Film gewinnen. So eine Erfahrung wie mit "Argo" macht man vermutlich nur einmal im Leben. Mir hat dieser Erfolg neue Türen geöffnet. Ich kann heute bei meiner Arbeit mehr Risiken eingehen.

War Ihnen "Live By Night" eine Herzensangelegenheit?

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Affleck: In Bezug auf das Genre, ja. Mir gefällt das klassische Hollywoodkino. Ich habe mich von den großen Gangsterfilmen der 70er Jahre wie "Der Pate" beeinflussen lassen und natürlich von "Good Fellas" und "Casino", aber auch von "Chicago - Engel mit schmutzigen Gesichtern" oder "Public Enemies". Gangsterfilme haben Tradition in Hollywood. Ich bin stolz, Teil davon zu sein.

Was reizt Sie speziell an diesem Genre?

Affleck: Es gibt einem die Möglichkeit, Moral auf ihre Mehrdeutigkeit hin zu untersuchen. Die Figuren treffen zwangsläufig Entscheidungen, die die meisten Zuschauer nicht gutheißen würden. Innerhalb ihres sozialen Systems herrschen andere Gesetze.

Und was hat Sie an dem Projekt gereizt, Frau Miller?

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Sienna Miller mag tragische Rollen wie die in "Live By Night".

(Foto: WARNER BROS.)

Sienna Miller: Ich wollte vor allem wahnsinnig gern mit Ben zusammenarbeiten. Ich liebe alle Filme, bei denen er Regie geführt hat. Das Skript war fesselnd, ich hatte sofort Bilder im Kopf. Die Ära, in der "Live By Night" spielt, fasziniert mich. Alles war wahnsinnig glamourös und gleichzeitig so brutal. Die Figur, die ich spiele, passt da perfekt rein: ein gefährliches Wesen!

Gleichzeitig ist sie gefangen in den Grenzen der Frauen ihrer Zeit.

Miller: Bei ihr geht es ums Überleben! Sie ist eine tragische Figur, sie lebt nah am Abgrund. Solche Rollen interessieren mich.

Affleck: An der Figur kann man sehen, wie schwierig es war, Frau zu sein. Frauen konnten ihr Leben nur anhand einer sehr eingeschränkten Zahl an Möglichkeiten gestalten. Sie mussten ihre Sexualität instrumentalisieren.

Also würden Sie die moralische Integrität der Figur im Film nicht ausloten wollen?

Affleck: Ihre Geschichte zeigt sie als Stehaufmännchen. Sie tut, was sie tun muss, um zu überleben. Sie hat keine andere Wahl.

Die Rolle verlangt einen breiten irischen Akzent. Ist es Ihnen schwer gefallen, den zu erlernen, Frau Miller?

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Die Optionen für Frauen in den 20er Jahren waren beschränkt. So verortet Sienna Miller ihre Rolle.

(Foto: WARNER BROS.)

Miller: Ich habe sehr hart daran gearbeitet. Ich hatte dafür extra einen Coach. Es waren die 20er Jahre, also musste der Akzent anders klingen, als das heute der Fall wäre. Außerdem lebt meine Figur in Boston, das sollte man auch ein wenig heraushören. Zusätzlich zum Sprachtraining habe ich Filme von Ken Loach geguckt (der britische Filmemacher vertrat sozialistische Ideale, etwa mit Filmen wie "Hidden Agenda" über den Nordirlandkonflikt; Anm. d. Red.) und im Zweifel habe ich meine irischen Freunde per Telefon genervt.

Herr Affleck, einen neuen Akzent mussten Sie für "Live By Night" nicht lernen. Dafür stemmen sie gleich mehrere Rollen am Set. Woran lässt sich der Unterschied zwischen Schauspielerei und Regiearbeit besonders gut festmachen?

Affleck: Erst kürzlich habe ich mit einem Schauspielerkollegen gesprochen, der bald zum ersten Mal Regie führen wird. Ihm habe ich gesagt: "Du bist es gewohnt, Schauspieler zu sein. Und du bist daran gewöhnt, dass du eine Meinung zu deiner Arbeit hast. Der einzige Unterschied als Regisseur ist: Du hast nicht nur eine Meinung, du darfst auch die Entscheidung treffen."

Worauf legen Sie als Regisseur besonders viel Wert?

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Beim Regisseur Ben Affleck sollen Schauspieler sich wohlfühlen.

(Foto: WARNER BROS.)

Affleck: Ausgehend von meinen Erfahrungen als Schauspieler versuche ich als Regisseur, für das gesamte Filmteam ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem es sich wohlfühlt. Man muss entspannt sein, um die bestmögliche Arbeit abzuliefern. Man muss Risiken eingehen dürfen, ohne sich sorgen zu müssen, wie ein Idiot dazustehen. Man muss sich beschützt und respektiert fühlen. Mit dieser Herangehensweise bin ich bislang immer gut gefahren.

Frau Miller, stimmt es, was er sagt?

Miller: Die Stimmung am Set war wirklich sehr gelöst - und das ist bei weitem nicht immer so. Ich hatte schon angespannte und unbehagliche Drehs. Ben ist als Person sehr warm und großzügig, die Crew war toll. Ich weiß nicht, ob ich zuvor schon einmal so eine großartige Zeit bei der Arbeit hatte.

Hatten Sie, Herr Affleck, bei all Ihren verschiedenen Verpflichtungen denn ebenfalls die Gelegenheit, die Dreharbeiten zu genießen?

Affleck: Es macht Spaß, wenn es gut läuft. Aber es gibt auch Tage, an denen wünsche ich mir, jemand anderes würde bei dem Film Regie führen.

Als sie sich entschieden haben, aus Dennis Lehanis "Live By Night" einen Film zu machen, haben Sie wohl kaum damit gerechnet, wie der Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA die Wahrnehmung im Film behandelter Sujets verändern würde, oder?

Affleck: Ich dachte, einige Themen des Films würden den Zuschauern eher unzugänglich sein. Plötzlich sind sie aber unmittelbar relevant. Der Film zeichnet die Geschichte Amerikas als die Geschichte eines Einwandererlands. Einwanderer haben das Land mit aufgebaut, aber ihre Rolle wurde zur Nebensächlichkeit erklärt. Es gab immer Gruppen von Menschen, die nicht gern gesehen waren. Das waren in der Regel diejenigen, die die harten Arbeiten verrichtet haben. Das Thema bewegt mich. Als wir den Film gedreht haben, habe ich aber nicht damit gerechnet, dass es von so großer Bedeutung sein würde.

Auftritt und Wirkungsmacht des Ku-Klux-Klans im Film wirken in Anbetracht des Erstarkens rassistischer Ideologie in den USA beängstigend.

Affleck: Amerika hat eine großartige Geschichte, aber sie hat auch bittere Makel. Dazu zählt die reaktionäre Haltung einiger weißer Menschen gegenüber anderen ethnischen Gruppen. In den 20er Jahren hatte der Ku-Klux-Klan fünf Millionen Mitglieder - und damals war die Einwohnerzahl in den USA bei weitem noch nicht so hoch wie heute (1920 zählten die USA rund 106 Millionen Einwohner, heute sind es rund 323 Millionen; Anm. d. Red.). Wir leben mit dem Erbe des Rassismus.

Donald Trump …

Affleck: Er wird die Probleme lösen? Na, Gott sei Dank! Ich habe mir schon Sorgen gemacht … (lacht)

Mit Ben Affleck und Sienna Miller sprach Anna Meinecke.

"Live By Night" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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