Kino

Bootcamp in den Bergen "Chrieg" zeichnet die Rebellion

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Manchmal muss es erst knallen, damit Ruhe einkehren kann. Der Film "Chrieg" erzählt eigenwillig vom Erwachsenwerden.

(Foto: PICTURE TREE INTERNATIONAL)

Teenagerjahre sind zornige Jahre. Der 16-jährige Matteo muss eine Zeit davon in einem Bootcamp für Schwererziehbare absitzen. Das Filmdrama "Chrieg" legt ihn in Ketten, um ihn schließlich zu befreien.

Matteo muss ein Baby an seiner Brustwarze saugen lassen, aber er will das nicht. Wieso auch? Es ist schließlich nicht seins und rein biologisch ist die Situation ohnehin auswegslos. Das Baby ist Matteos Bruder und dessen Mutter hat etwas unorthodoxe Vorstellungen davon, wie sich so ein geschwisterliches Näheverhältnis aufbauen lassen könnte. Das Schweizer Drama "Chrieg" braucht nur einen Augenblick, um dem Zuschauer ein Gefühl des Unbehagens in den Nacken zu pflanzen, nicht viel länger, als Matteo braucht, um die Pornoseiten zu schließen, bevor sein Vater nach Hause kommt.

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Wenn man ganz behutsam ein Feuerwerk zünden will, dann muss man es wohl machen wie der Nachwuchsregisseur Simon Jaquemet mit seinem Langfilmdebüt. Die Welt ist gegen seinen Hauptcharakter Matteo. Er kifft einsam in Betonrohren, hat grün gefärbte Haare und trägt Metal-Shirts. Er tut überhaupt so einiges, was ihn nach einem Problemkind aussehen lässt, doch der Zuschauer soll mehr in ihm sehen.

"Scheiß Wichser!"

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Benjamin Lutzke spielt im Drama "Chrieg" Matteo.

(Foto: © PICTURE TREE INTERNATIONAL)

Matteo ist 16 Jahre alt und er ist unverstanden. Seine Mutter ist überfordert, sein Vater auch - und so lässt er den Sohn des Nachts in ein Bootcamp in den Bergen bringen. Nur mit den Klamotten auf dem Leib in einen Van verfrachtet, kann Matteo "scheiß Wichser" rufen und der Autoscheibe seine zornigen Mittelfinger entgegenrecken, aber fliehen kann er nicht. Kann er kämpfen? Vielleicht, aber vielleicht hat er auch aufgegeben in dem Moment, in dem seine Eltern ihn aufgegeben haben.

"Chrieg" ist bildgewaltig. Zuerst wirken die Einstellungen fast zu vertraut und dann immer wieder erhellend ungewöhnlich. Es ist eine karge Welt, in der Teenager Matteo keinen Platz finden will. Doch das ist es nicht, was ihn wütend macht. Angekommen in der Bootcamp-Hütte muss er feststellen, dass der Drill hier aus einer ganz anderen Richtung über sein Selbstwertgefühl trampelt. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass der Mensch an ungewöhnlicher Stelle aufs Glück stößt.

Der Mythos Pubertät

Wirkt "Chrieg" auf den ersten Blick brutal realistisch, entspannt sich im Laufe des Films eine fantastische Welt, mit der niemand gerechnet hat. Matteo wird leiden, lieben und sich selbst behaupten. All das in Schwyzerdütsch, aber man gewöhnt sich daran, versprochen. Der junge Hauptdarsteller Benjamin Lutzke wurde für seine Ausnahmedarbietung nicht umsonst mit dem renommierten Max Ophüls Preis ausgezeichnet.

"Chrieg" ist eine Gegenthese zum etablierten Pubertätsmythos. Vielleicht ist nicht er falsch, vielleicht sind es die anderen. Vielleicht gibt es ein System, in dem er nicht funktioniert und vielleicht kann er ihm entkommen. Nicht Matteos Schweigen hat ihn seltsam gemacht, sondern die verschwiegenen Verdrängungsmechanismen der Erwachsenen, die ihn formten.

"Chrieg" läuft ab 28. April in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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