Kino

Alltagsleben in der Hölle Der Krieg bleibt nicht vor der Tür

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"Innen Leben", draußen Tod: Delhani und Oum Yazan blicken auf den Krieg vor der Tür.

(Foto: Weltkino)

Wenn draußen der Krieg tobt, kann das eigene Haus zum Gefängnis werden. "Innen Leben" zeigt einen einzigen grauenvollen Tag in einer Wohnung - den Versuch eines Alltagslebens, voll lähmender Angst. Der Film holte bereits den Berlinale-Publikumspreis.

Ein alter Mann steht am Fenster und raucht. Er macht eigentlich kaum etwas anderes, ihm bleibt nicht mehr viel, denn er ist gefangen. In seiner eigenen Wohnung. Draußen wütet der Krieg, brutal, erbarmungslos, ohne absehbares Ende. "Draußen", das ist das zerbombte Syrien, genauer: Damaskus, es könnte aber an vielen Orten der Welt sein, denn dieses Grauen spielt sich nicht nur dort ab.

Gleich die erste Einstellung des Films zeigt die gesamte Situation: vor seinen Augen die Trümmer, die Gewalt, die Barbarei. Hinter ihm: ein großes Bücherregal, eine saubere, gepflegte Wohnung, zeitlos-geschmackvoll eingerichtet, gutbürgerlich.

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Die Einschläge kommen näher - da bleibt als Zufluchtsort nur noch die Küche.

(Foto: Weltkino)

Mit ihm (Mohsen Abbas) in der Wohnung: Seine Schwiegertochter Oum Yazan (Hiam Abbas), die auf die Rückkehr ihres Mannes hofft. Ihre drei Kinder, dazu der Freund ihrer ältesten Tochter Yara (Alissar Kaghadou), ihre philippinische Hausangestellte Delhani (Juliette Navis) sowie die ausgebombte junge Nachbarsfamilie Samir (Moustapha Al Kar) und Halima (Diamand Bou Abboud) mit ihrem Baby, die Oum Yazan großherzig aufgenommen hat.

Verzweifelter Versuch eines Alltagslebens

Die Hausherrin versucht trotz des Grauens vor der Tür - oder gerade deswegen - den Alltag so gut es geht aufrechtzuerhalten: Es wird regelmäßig gekocht, zum Essen setzen sich alle um den großen Tisch, ihr kleiner Sohn lernt mit dem Großvater, bringt ihm Tee; die Hausangestellte soll, obwohl sie kaum noch Wasser haben (aus der Leitung kommt nichts mehr) das Bad putzen und den Boden wischen, wenn nach der nächsten Explosion wieder so viel Staub hereingewirbelt wurde.

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Die Gemeinschaft wird auf eine Probe gestellt.

(Foto: Weltkino)

Doch genauso wenig wie den Staub kann Oum Yazan die schrecklichen Ereignisse vor der Haustür aufhalten - das Grauen kommt doch, fällt mit Gewalt ein und gefährdet ihre kleine Notgemeinschaft. Das ist teilweise stark an der Grenze des Erträglichen für den Zuschauer - aber eben auch nah an der grausamen Realität, die sich Tag für Tag abspielt: das Kammerspiel "Innen Leben" (Originaltitel: "Insyriated") des belgischen Regisseurs Philippe Van Leeuw ist von Erzählungen einer Familie aus Aleppo inspiriert. Gedreht wurde es im Libanon.

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"Innen Leben" startet am 22. Juni in Deutschland.

(Foto: Weltkino)

Van Leeuw zeigt nur einen Tag "Innen Leben", nur 24 Stunden, in denen aber dramatisch viel passiert. In denen die anfangs mühsam aufrechterhaltene Alltagsroutine gezwungenermaßen bröckelt. Panik befällt die Eingesperrten - Panik und Angst, die lähmt. Panik, die sich auf die Zuschauer überträgt. Gegenseitige Hilfe, Beistand, Solidarität - all das endet, als es ums eigene Leben geht. Und jeder Zuschauer kann sich selbst fragen: Wie würde ich mich verhalten?

It's a Man's World

Den Krieg führen die Männer; den Alltag mit den Kindern und Alten müssen die Frauen bewältigen - und so ist "Innen Leben" auch ein Film der starken, leidensfähigen Frauen - allen voran die Hausherrin Oum Yazan, dargestellt von der großartigen Hiam Abbas ("Birnenkuchen mit Lavendel", "Exodus: Götter und Könige" von Ridley Scott). Der Film "Lemon Tree", in dem die israelische Schauspielerin arabischer Herkunft die Hauptrolle spielte, bekam im Jahr 2008 den Berlinale-Publikumspreis - so wie in diesem Jahr "Innen Leben". Trotz des bedrückenden Themas hat er also bereits viele Zuschauer sehr berührt. Der Film erinnert daran, was man durch die lange Zeit der Bürgerkriegs-Nachrichten vielleicht vergessen hat, was hinter den Todesopfer- und Flüchtlingszahlen in den Hintergrund gerückt ist: Es sind Menschen betroffen, viele einzelne Menschen, gefangen in der Hölle des Krieges um sie herum.

Wie geht es nach den 24 Stunden weiter? Der nächste Morgen bricht an, der alte Mann steht am Fenster und raucht. Der neue Tag wird wohl nicht besser verlaufen als der alte. Wer kann es den Menschen verdenken, die in einer solchen Situation keinen anderen Ausweg sehen, als zu fliehen?

Im Februar 2017 feierte die belgisch-französisch-libanesische Koproduktion ihre Weltpremiere auf der Berlinale. Ab dem 22. Juni läuft "Innen Leben" in den deutschen Kinos an.

Quelle: ntv.de