Kino

Hollywood und Rassismus Der schwere Weg nach "Selma"

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David Oyelowo spielt in "Selma" Martin Luther King.

(Foto: Studiocanal / Atsushi Nishijima)

"Es ist hart für schwarze oder weibliche Filmemacher", sagt Ava DuVernay. Gerade hat sie mit "Selma" einen vielgelobten Film vorgelegt. Bei den Oscar-Nominierungen wurde sie aber übergangen. Genau wie ihr schwarzer Hauptdarsteller.

Als am 15. Januar die Nominierungen für die Oscars bekannt gegeben wurden, kam schnell eine Debatte auf, ob die Oscars rassistisch seien. Denn alle Nominierungen für männliche und weibliche Darsteller in Haupt- und Nebenrollen gingen an weiße Künstler. Gleiches gilt für die fünf nominierten Regisseure - die zudem allesamt Männer sind, genau wie alle Nominierten für das beste Drehbuch.

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Darsteller David Oyelowo mit Regisseurin Ava DuVernay, die das ursprüngliche Drehbuch umschrieb und dem Film eine neue Richtung gab - und eine schwarze Perspektive.

(Foto: Studiocanal / Atsushi Nishijima)

Vielfach wurde die Academy dafür kritisiert und scharf angegriffen. Doch es gab auch Stimmen, die sie verteidigten und darauf verwiesen, dass die Organisation ja eine schwarze Präsidentin hätte. Doch die Frage bleibt, warum "Selma", das Drama um den Bürgerrechtler Martin Luther King, zwar als bester Film nominiert wurde, jedoch die schwarze Regisseurin Ava DuVernay und ihr Hauptdarsteller David Oyelowo keine Chance auf den Academy Award bekamen. Beide erhielten schließlich in den USA und in Europa überragende Kritiken für ihre Arbeit.

Doch schon die Entstehung des Films wirft ein Schlaglicht darauf, wie Hollywood funktioniert. Sie sei die siebte Wahl als Regisseur gewesen, sagt DuVernay im Gespräch mit n-tv.de. Zuerst seien weiße, männliche Regisseure im Gespräch gewesen, erzählt sie. Dann waren es schwarze Männer, bis die Wahl auf sie fiel. DuVernay ist auch dafür verantwortlich, dass sich der Film auf die Person von King konzentriert. Im ursprünglichen Skript ging es noch gleichermaßen um King und den damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson.

Schwarze Geschichte durch weiße Augen

"Man kann meiner Meinung nach keinen Film über Dr. King aus der Perspektive von Lyndon B. Johnson drehen", sagt Darsteller Oyelowo dazu im Gespräch mit n-tv.de. "Filme über die Bürgerrechtsbewegung oder Rassenunruhen wurden lange aus einer weißen Perspektive erzählt", erklärt der Brite und nennt etwa "Mississippi Burning" und "Glory" als Beispiel - Filme über afroamerikanische Geschichte mit weißen Hauptdarstellern. Als einziges Gegenbeispiel fällt ihm "Malcolm X" von Spike Lee ein, der Film über den schwarzen Bürgerrechtler.

"Selma" gehört nun zu einer Reihe neuerer Geschichtsfilme, die konsequent eine schwarze Perspektive einnehmen. Dazu zählt etwa der Oscar-Gewinner "12 Years a Slave", der sich mit der Sklaverei beschäftigt. In "The Butler" geht es um einen schwarzen Bediensteten im Weißen Haus, in "The Help" um ein schwarzes Dienstmädchen in den 1960ern. "Red Tails" handelt von einer schwarzen Fliegerstaffel im Zweiten Weltkrieg. Hinzu kommt noch "Lincoln", der allerdings aus weißer Perspektive die Sklavenbefreiung behandelt.

Oyelowo führt diese Filme auf die Präsidentschaft von Barack Obama zurück. Dies habe der Beschäftigung mit der US-Geschichte eine neue Perspektive gegeben, erklärt er. "Alle diese Filme wären vor Obamas Präsidentschaft nicht entstanden", ist sich Oyelowo sicher. Und er selbst hat - abgesehen von "12 Years a Slave" - in all diesen Filmen mitgespielt. Deshalb dankte er Obama bei einem Empfang persönlich für seine Karriere, erzählt er mit einem Schmunzeln.

"Sich immer wieder aufs Neue beweisen"

Ava DuVernay stimmt der These zu: "Die Studios bieten den Kontext zu der Tatsache, dass wir einen schwarzen Präsidenten haben." Sie könnten auch nicht mehr behaupten, dass sich die Menschen nicht für das Leben der Schwarzen interessieren würden, denn "unsere Gesellschaft ist viel offener, als die Studios zugeben". Trotzdem verweist sie darauf, dass es sich nur um eine Handvoll Filme handelt würde, verglichen mit den Hunderten Streifen, die jährlich herauskommen.

Sie weiß auch, dass "Selma" nur entstehen konnte, weil "12 Years a Slave" und "The Butler" erfolgreich waren. "Wenn also 'Selma' keinen Erfolg hat, wars das erstmal für eine Weile", sagte sie und fügt an: "Es ist hart für schwarze oder weibliche Filmemacher, Arbeit zu bekommen oder ihre Geschichte zu erzählen. Man muss sich immer wieder aufs Neue beweisen." Sie spricht von einem Doppelstandard, weil weiße Regisseure auch nach Flops noch große Projekte angeboten bekämen. "Meine Filme müssen dagegen erfolgreich sein, sonst bekomme ich keine Chance mehr."

Deshalb ist sie äußerst flexibel, arbeitet für Fernsehen und Kino, dreht Kurzfilme, Dokumentationen und Kleinproduktionen. "Da ich mit sehr verschiedenen Formaten arbeite, kann ich nie ohne Arbeit sein", erklärt sie. "Wenn ich kein Geld für einen Film habe, mache ich eine Dokumentation. Wenn ich kein Geld für eine Dokumentation habe, drehe ich eine Folge für eine Fernsehserie. Ich werde immer etwas machen."

"Die Academy spiegelt nicht die Gesellschaft"

Vielleicht bekommt sie aber doch noch einen großen Film. Für "Selma" war sie immerhin die erste schwarze Regisseurin, die für einen Golden Globe nominiert wurde. Bei den Oscars hat sie dies nicht geschafft. Zumindest Oyelowo geht aber gelassen damit um, dass er nicht nominiert wurde. "Ich habe bereits eine lange Karriere hinter mir", sagt er, "da spielte der Oscar nie eine große Rolle." Ihm geht es eher um Grundsätzliches: "Die Academy spiegelt nicht die Gesellschaft wider", erklärt er. "Es gibt im heutigen Amerika keine Gruppe, die zu mehr als 90 Prozent weiß ist, zu mehr als 70 Prozent männlich und in der nur zwei Prozent schwarz oder Latinos sind."

Diese Gruppe würde Filme bevorzugen, in denen sie sich selbst wiederfinden, sagt Oyelowo. Dass im vergangenen Jahr "12 Years a Slave" zum besten Film wurde, widerspricht seiner Meinung nach nicht dieser Sichtweise: "Ein Film über einen Sklaven ist etwas anderes als ein Film über einen Anführer wie Doktor King." Er erinnert daran, dass der erste Oscar für eine schwarze Nebendarstellerin an eine Sklavenrolle in "Vom Winde verweht" ging. "Als unterwürfige Menschen wurden schwarze Schauspieler stets gefeiert, aber nicht als Anführer", stellt er fest. Zumindest bei der diesjährigen Oscarverleihung werden sie allerdings gar nicht gefeiert.

Quelle: ntv.de

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