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Sabine De Barra tritt König Ludwig XIV. mit Charme und einem Rosen-Gleichnis entgegen.
Sabine De Barra tritt König Ludwig XIV. mit Charme und einem Rosen-Gleichnis entgegen.(Foto: TOBIS Film)
Donnerstag, 30. April 2015

Die Gärtnerin von Versailles: Freie Liebe am Hof des Sonnenkönigs

Von Andrea Beu

Seide rauscht, Gold glänzt, Brüste quellen aus Dekolletés: Wir sind im Barock. Ludwig XIV. lässt Schloss Versailles bauen, der Garten soll einzigartig werden. Keine leichte Aufgabe für eine Witwe - der Kampf gegen Konkurrenten und Ehefrauen beginnt.

König Ludwig XIV. lässt sich ein neues Schloss bauen - samt Park natürlich.
König Ludwig XIV. lässt sich ein neues Schloss bauen - samt Park natürlich.(Foto: TOBIS Film)

Frankreich Ende des 17. Jahrhunderts: König Ludwig XIV. will mit der Familie  und dem gesamten Hofstaat raus aus der Stadt, raus aus dem Louvre in Paris. Der Sonnenkönig lässt sich gerade in Versailles ein prachtvolles Schloss bauen. Es soll ebenso prachtvolle, großartige, unvergleichliche Parkanlagen bekommen, die alles Bekannte in den Schatten stellen. Ein bedeutender Auftrag für einen Gartengestalter - der Prestige bringt, aber auch viel Druck und Verantwortung. Leitender Landschaftsarchitekt ist Andre Le Nôtre (Matthias Schoenaerts) - aber der kann (und will) nicht alles allein entwerfen. Also lässt er Kollegen mit ihren Plänen antanzen - darunter auch eine Frau, Sabine De Barra (Kate Winslet).

Die junge Witwe Sabine De Barra ist eher aus der Not heraus Landschaftsgärtnerin geworden - aber sie hat ein gutes Gespür dafür.
Die junge Witwe Sabine De Barra ist eher aus der Not heraus Landschaftsgärtnerin geworden - aber sie hat ein gutes Gespür dafür.(Foto: TOBIS Film)

Was Le Nôtre vorgelegt wird, gefällt ihm alles nicht so recht, auch De Barras Entwurf nicht, der hat ihm zu wenig Ordnung und zu viel Natur. Aber irgendwie spürt er doch ihre besondere Begabung, sucht sie noch am selben Abend in ihrem Haus auf, ist schwer beeindruckt von ihrem Garten - und erteilt ihr den Auftrag. Allerdings für den Teil der Versailler Gartenanlagen, mit dem sie am wenigsten gerechnet hat: für das Ballsaal-Boskett (Salle de Bal). Die Fortsetzung der Architektur im Freien - ein runder Garten mit Treppen, Wasserspielen und Tanzfläche.

Sabine De Barra stürzt sich beherzt in die Arbeit; sie ist keine Adelige, keine feine Dame, die nur die Entwürfe zeichnet - sie packt mit an, steht im Schlamm, schwitzt und rackert. Und sie kämpft nicht nur mit der Technik und der Natur, sondern auch gegen Intrigen. Einerseits legen ihr aus dem Feld geschlagene, in ihrer Eitelkeit gekränkte Mitbewerber um den Garten-Auftrag Steine in den Weg. Zudem droht ein übler Sabotageakt, angestiftet von Le Nôtres eifersüchtiger Ehefrau (Helen McCrory), ihr gesamtes Gartenkunstwerk und De Barra selbst hinwegzuschwemmen. Eifersüchtig, weil Madame Le Nôtre durchaus die zarten Bande bemerkt, die zwischen den beiden Gärtnerseelen entstanden sind.

Sexuell freizügige Zeiten

Sabine De Barra und Andre Le Nôtre kommen sich zaghaft näher.
Sabine De Barra und Andre Le Nôtre kommen sich zaghaft näher.(Foto: TOBIS Film)

Allerdings hat sie eigentlich gar keinen Grund, sich zu beschweren, führt sie doch ein recht freies Leben, kaum eingeengt durch die Zwänge der Ehe, turtelt auf einem Fest ganz offen vor den Augen aller, auch vor ihrem Mann, mit ihrem Geliebten. Generell geht es bei Hofe sexuell ziemlich freizügig zu - der König (Alan Rickman, der auch Regie führte) hat neben seiner Ehefrau eine oder mehrere Mätressen; Affären werden offen ausgelebt; Philippe, Herzog von Orleans (Stanley Tucci) ist mehr oder weniger offen schwul - es ist zumindest allseits bekannt, auch seiner Gemahlin, der deutschen Prinzessin Palatine (Paula Paul), die sich trotzdem als zufriedene Ehefrau bezeichnet. (Sie ist allerdings auch von recht schlichtem, heiterem Gemüt.) Und die Frauenzimmer sitzen in ebenjenem unter sich und befühlen sich gegenseitig die Brüste.

In starkem Kontrast zu dem heiteren, zwanglosen Gebaren steht die formelle, steif-einengende Kleidung. Am Hof werden fast ausschließlich (oft riesige) Perücken getragen, nur in intimer Runde oder wenn man sich allein wähnt, wird das Naturhaar freigelegt. Le Nôtre allerdings trägt keine Perücke - für die Maskenbildnerin Ivana Primorac war er "anders als alle anderen Mitglieder des Hofstaates, weil er ein Workaholic ist, dem es ziemlich egal ist, wie er aussieht". Und auch Sabine de Barras Haar ist meist hübsch wirr und ungeordnet. Zudem passen Kate Winslets nahezu barocken Formen hervorragend in die Zeit (Sie war bei den Dreharbeiten gerade zum dritten Mal schwanger, was ihr wohl noch ein paar mehr schöne Rundungen verlieh).

Historisches Setting, moderne Themen

Ende gut, alles gut: Sabine De Barra zeigt König Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, ihr fertiges Ballsaal-Boskett.
Ende gut, alles gut: Sabine De Barra zeigt König Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, ihr fertiges Ballsaal-Boskett.(Foto: TOBIS Film)

Der Film "Die Gärtnerin von Versailles" ist nicht nur ein Sittengemälde jener Zeit, er greift trotz seines historischen Schauplatzes sehr moderne Themen auf: wie man sich durchsetzt und durchkämpft, vor allem als Frau in einer Männerwelt. Wie man Pläne und Projekte hartnäckig verfolgt, allen Widerständen zum Trotz. Sabine De Barra schafft es schließlich - mit Charme und Beharrlichkeit, mit Hartnäckigkeit und Kampfeswillen.

Neben den Hofintriganten und Neidern hat sie zudem noch mit Dämonen aus ihrer Vergangenheit zu kämpfen. Die Arbeit als Landschaftsgärtnerin ist auch nicht aus einer romantischen Idee, sondern aus der Not heraus geboren - nach dem Tod ihres Mannes musste sie sich schließlich irgendwie selbst ernähren. Und Winslet ist sehr glaubwürdig in der Rolle der anpackenden, bodenständigen Frau mit ästhetischem Gespür, die in Schlamm, Erde und Gestrüpp etwas Schönes schafft. Man sieht sie ungeschminkt, sieht ihre Falten - eine Naturschönheit im krassen Kontrast zu den durchgestylten Damen bei Hofe. "Die Gärtnerin von Versailles" hätte gut gepasst in die Berlinale der starken Frauen in diesem Jahr.

A little Chaos? Wo?

Büste von Le Nôtre in den Tuilerien-Gärten in Paris.
Büste von Le Nôtre in den Tuilerien-Gärten in Paris.(Foto: Andrea Beu)

Alle Figuren im Film basieren auf historischen Vorbildern - außer Sabine De Barra. Natürlich war damals keine Frau in dieser Position, Gartenplanerin für den König zu sein. (In Wirklichkeit wurde das Ballsaal-Boskett von Le Nôtre selbst entworfen, entstanden 1679-1685 nach einer Italienreise. Man kann es noch heute besichtigen.) Auch die im Originaltitel "A little Chaos" angekündigte Unordnung sucht man hier vergebens, alles ist geordnet, die Natur sieht aus wie Architektur. So wie es im Barock nun mal Mode war - zwar viel von allem, aber klar gegliedert.

Aus unserer heutigen Sicht ist schwer nachvollziehbar, dass Le Nôtre in Sabine De Barras Entwürfen "zu wenig Ordnung" vorfand und dies bemängelte. Schließlich ändert er ja auch seine Meinung, lässt "ihre Stimme" als eine andere als die seine im Gesamtkunstwerk der Parkanlagen zu; sie finden über die gemeinsame Arbeit zueinander, auch der König, erst skeptisch, ist begeistert. Ein schönes Märchen in prachtvollem Ambiente, in dem das Gute siegt.

"Die Gärtnerin von Versailles" startet am 30. April 2015 in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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