"Du bist schweißgebadet"Harald Krassnitzer ist "Der verlorene Mann"
Interview: Volker Probst
Im "Tatort" mimt Harald Krassnitzer 27 Jahre den gewieften Kommissar. Nun gibt er im Kinofilm "Der verlorene Mann" einen verwirrten Demenzkranken. Mit ntv.de spricht er über diese Rolle, private Hintergründe und natürlich auch den "Tatort".
ntv.de: Wie war denn Ihre Reaktion, als Sie gefragt wurden, ob Sie sich die Darstellung eines Demenzkranken vorstellen könnten?
Harald Krassnitzer: Zunächst einmal liest man das Buch und schaut, was die Geschichte ist - und die war von Anfang an zwingend und gut. Und auch danach geht es erst einmal nicht darum, ob die Figur Demenz hat, krebskrank ist oder vielleicht nur ein Bein hat, sondern man fragt sich: "Wie ist er? Was ist das für ein Typ Mensch?" So versucht man, sich anzunähern und damit auseinanderzusetzen.
War das also gar keine besondere Herausforderung für Sie als Schauspieler?
Ich glaube, aus schauspielerischer Sicht wäre es falsch, sich in erster Linie darüber Gedanken zu machen, dass man einen Kranken spielt. Ich gehe eher mit der Frage daran, was diesen Menschen ausmacht. Was er konkret hat, ist dann vielleicht gar nicht so wichtig, sondern kommt erst im Verlauf der jeweiligen Situationen zum Tragen. Dann ist entscheidend: Was braucht man dazu? Wo muss man hingehen, um zu wissen, was mit der Figur passiert und wovon man redet. Das waren eher die Herausforderungen.
Wie sind Sie denen begegnet?
Wir sind am Anfang zum Beispiel in eine Demenzberatung gegangen und haben dort eine Art Parcours durchlaufen, um zu erkennen: Was passiert bei Demenzkranken? Welche Probleme haben sie? Mit welchen Hindernissen müssen sie zurechtkommen? Wir haben zum Beispiel versucht, etwas spiegelverkehrt einzufädeln. Am Anfang denkst du: Kinderspiel, kann doch gar nicht so schwer sein.
Wie war es tatsächlich?
Man hat gemerkt, was es im Kopf auslöst, wenn du die Hand richtig führen sollst, während du quasi andersherum denkst. Du bist regelrecht schweißgebadet, weil du es nicht kannst und nichts mehr im Einklang ist - so wie bei einem Demenzkranken. Es verdeutlicht die Komplexität des Gehirns, wie es einen leitet und was es heißt, wenn es etwas auslässt.
Oft wird Demenz mit Menschen in einem hohen Alter in Verbindung gebracht. Aber auch schon jüngere Menschen können davon betroffen sein. Treibt Sie das Thema auch privat um?
Ja, ich habe auch in der Familie Berührung damit gehabt. Meine Mutter war schwer demenzkrank. Sie ist vor Kurzem gestorben. Davor haben wir noch mal ein bewegendes Jahr mit ihr haben dürfen. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, auch durch diesen Film, hat mir aber vor Augen geführt, dass ich nicht mit hypothetischen Ängsten leben möchte. Du kannst eh nichts dagegen machen. Wenn es dich erwischt, erwischt es dich. Das gilt auch für andere Bereiche: den Job oder die täglichen Angstschübe vor dem Krieg. Ich will das nicht mehr - von vornherein etwas mit Angst besetzen und damit alles, was mein Gehirn in einer offenen, freien und lebendigen Struktur leisten kann, einschränken.
Vor zwei Jahren waren Sie mit Ihrer Frau Ann-Kathrin Kramer in dem Film "Aus dem Leben" zu sehen, in dem sie eine Schlaganfallpatientin verkörperte. Ist es dann Zufall, Sie zweimal kurz hintereinander in Filmen zu solchen Themen zu sehen?
Nein, das ist schon auch bewusst. Und ich finde es gut, weil es eine Entscheidung zu meiner Wirklichkeit ist. Ich werde in diesem Jahr 66 und viel dreht sich tatsächlich um solche Themen: Wie ist das jetzt mit der Rente? Wie kalibrierst du dich noch mal neu? Was heißt Gesundheit? Wo kommen noch Impacts her? Was passiert in deinem Umfeld? Du stellst fest, dass Leute um dich herum, die jünger oder unwesentlich älter sind, erkranken und sterben. Du sagst: "Na ja, der war 70." Ja, aber das sind nur noch vier Jahre. Vier Sommer.
Man nimmt die eigene Endlichkeit wahr …
Ja, man hat andere Zeitrechnungen. Man denkt: "Vielleicht mache ich das jetzt zum letzten Mal." Ich werde bestimmte Dinge nicht mehr tun, keine Familie mehr gründen, kein Haus mehr bauen. Nicht nur, weil ich die Zeit nicht habe, sondern auch, weil es nicht mehr in das Konzept passt, das jetzt gerade neu zu entwickeln ist. Dass man auch im Job plötzlich mit bestimmten Themen konfrontiert ist, ist daher wahrscheinlich kein Zufall, sondern Teil der Wirklichkeit.
Es gab schon diverse Filme, in denen das Thema Demenz eine Rolle spielte: Til Schweigers "Honig im Kopf" zum Beispiel oder "The Father" mit Anthony Hopkins. Wie sehen Sie "Der verlorene Mann" in dieser Tradition?
Ich würde ihn gar nicht in dieser Tradition sehen. Für unseren Film ist wesentlich, dass wir mit Hanne und Bernd auch noch von zwei anderen Figuren reden, die von Dagmar Manzel und August Zirner gespielt werden. In deren Leben kommt über das System der Erkrankung von Kurt ein Impact, der zu einer Erinnerung führt und sie zu einem anderen Punkt im Leben zurückführt. Es wird klar: "Ich muss mit Kurt noch einmal eine Rechnung aufmachen, etwas zulassen oder abwickeln. Ich muss noch einmal etwas hinterfragen und erfahren. Schmerz, Trauer, Glück, Zärtlichkeit oder Liebe."
Die Dreierkonstellation zwischen Kurt, Hanne und Bernd macht es zweifellos besonders ...
Ja, für mich ist das auch eher ein Liebes- und Freundschaftsfilm über etwas, das wir mal vorhatten. Mit den Symptomen der Krankheit umzugehen, ist nur ein Teil davon. Am Anfang singen die drei "Der Traum ist aus" von Ton Steine Scherben - ein Zitat aus ihrer Jugend und ein früheres Ideal: Wir brechen auf und kämpfen um das Paradies. Jetzt sehen wir drei alte und situierte Menschen. Das hat uns total beschäftigt und fasziniert: Wie kommt man an den Punkt, an dem die Freundschaft, dieses Lebensgefühl und auch eine Form von Liebe wieder aktiviert werden? Das hat uns nicht nur sehr gefordert, sondern August, Dagmar und mir auch eine unglaublich schöne Freundschaft beschert.
In dem Film steckt viel drin - jede Menge Emotionalität, Tragik, aber eben auch Humor. Wie hat es sich angefühlt, als Sie ihn gesehen haben? Schauen Sie sich Ihre Filme überhaupt an?
Ja, ab und zu (lacht) Es hat sich gut angefühlt, weil es eben kein skalierter Film ist, der sagt: "Du gehst jetzt ins Kino und guckst dir einen Film über einen Demenzkranken an." Es ist ein Film über das Leben. Er zeigt uns einfach nur einen Abschnitt aus dem Leben von drei älteren Menschen. Von denen, die ihn gesehen haben, kenne ich niemanden, den der Film nicht sehr berührt hätte.
Es heißt, Ihnen seien auch bei den Dreharbeiten schon mal die Tränen gekommen …
Ja, es macht schon etwas mit einem, wenn man in eine Demenzgruppe mit Menschen geht, die das wirklich betrifft. Man schämt sich, weil man etwas spielt, was die anderen real erleben. Da bewegst du dich auf einer ganz dünnen Membran und musst aufpassen, niemanden zu verletzen. Gleichzeitig musst du aber auch bereit sein, in die Schwingung einzutreten. Dann sitzt du da und siehst, wie die Löschung funktioniert. Du trittst mit jemandem in Kontakt, der gerade dabei ist, sich zu löschen. Und daneben sitzt ein Angehöriger, der ihn noch betreut und leitet. Das ist sehr, sehr heftig.
Jetzt gibt es mit Bruce Willis einen sehr prominenten Kollegen von Ihnen, der an Demenz erkrankt ist. Seine Familie hat sich dazu entschlossen, damit sehr offen umzugehen. Finden Sie das richtig?
Soweit ich das wahrgenommen habe, finde ich das sehr korrekt. Sie führen ihn nicht vor. Sie teilen manchmal mit, wo er sich gerade befindet, und man sieht, dass sich jemand um ihn bemüht. Gerade bei jemandem wie Bruce Willis gibt es wahrscheinlich einen großen Stab an Menschen, die sich über den Umgang damit Gedanken machen. Ich weiß nicht, wie ich es in so einem Fall handhaben würde. Diese Krankheit ist ja auch oft mit Scham belegt.
Inwiefern?
Wenn zum Beispiel die Blase nicht mehr funktioniert und jemand hat sich, ohne es zu merken, in die Hose gemacht. Dann ist das für die Angehörigen schambehaftet. Wir haben noch nicht wirklich gelernt, mit solchen Dingen umzugehen. Das ist für jeden Betroffenen wahnsinnig schwierig. Wir haben auch oft gehört, wie sehr der Freundeskreis schrumpft, wenn jemand an Demenz erkrankt, weil er genauso schambehaftet und verängstigt ist. Das Schöne an dem Film ist, dass er genau mit solchen Situationen auch mit Humor umgeht. Das war übrigens auch eine Erfahrung gerade im letzten Jahr mit meiner Mutter. Wir haben viel gelacht. Es war nicht nur eine bittere, sondern auch eine fröhliche Zeit.
Was Sie und Ihre Filmpartnerin bei "Der verlorene Mann", Dagmar Manzel, auch verbindet, ist Ihre gemeinsame "Tatort"-Erfahrung. Dagmar Manzel ist 2024 beim Franken-"Tatort" ausgestiegen. Ihre "Tatort"-Karriere als Kommissar Moritz Eisner in Wien geht demnächst nach 27 Jahren ebenfalls zu Ende. Haben Sie sich am Set zu "Der verlorene Mann" dazu mal ausgetauscht?
Nein, dazu sind wir zu erfahren. Wir wissen, was wir tun und getan haben. Das war eigentlich gar kein Thema zwischen uns. Wir haben viel mehr über unser jetziges Leben geredet als über das Vergangene. Was meinen "Tatort"-Abschied angeht, wird es eine klare Geschichte werden. Im Dezember wird die Folge ausgestrahlt. Darum herum wird es eine Art Zusammenfassung geben: Was war? Was ist? Und was wird sein?
Auch Ihre Münchner "Kollegen" Batic und Leitmayr haben vor Kurzem nach 100 Folgen den Dienst quittiert. Wie fanden Sie deren Ausstieg?
Sehr schön! Ich durfte quasi mit dabei sein. Beim Bayerischen Rundfunk fand eine Programmpräsentation statt, bei der die letzten Folgen der beiden zelebriert wurden. Es war toll, wie sie von ihrer Senderfamilie und all den Kollegen dort gefeiert wurden. Diese zwei Weißkopfseeadler im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sehen, war wirklich schön und berührend. Es hat mich sehr für sie gefreut.
Freude, Tränen oder sowohl ein lachendes als auch ein weinendes Auge - was überwiegt, wenn Sie nun selbst gehen?
Ganz viel Lachen! Aber nicht im Sinne von Häme oder Erleichterung, sondern von ganz großer Fröhlichkeit und Leichtigkeit. Adele ("Bibi Fellner"-Darstellerin Adele Neuhauser) und ich haben zusammen eine wunderbare Reise gehabt, die wir super abschließen. Wir haben selbstbestimmt gewählt, dass wir aus dem Rennen raus sind. Das war eine fantastische Zeit, die wir nicht missen wollen. Und jetzt gucken wir nach vorne und kalibrieren uns neu.
Zum Beispiel mit einem Film wie "Der verlorene Mann" …
Ja, denn wenn ich etwas in diesem Beruf gelernt habe, dann den Unwert des Vergangenen. Du kannst nicht darauf bauen, dass das, was du getan hast, von Bestand ist. Es ist extrem schnell vergänglich. Als wir bekannt gegeben haben, dass wir beim "Tatort" aufhören, hieß es: "Das ist ja schade. Das ist ja traurig." Und dann sofort: "Wisst Ihr schon, wer die Neuen sind?" (lacht) Da wussten wir: Der Prozess der Verwesung hat schon eingesetzt.
Mit Harald Krassnitzer sprach Volker Probst
Der Film "Der verlorene Mann" läuft aktuell in den deutschen Kinos