Kino

Almodóvar kennt die Welt der Frauen Julieta, die traurige Schöne

Adriana Ugarte (Julieta) © Tobis Film_El Deseo_Manolo Pavón.jpg

Die junge Julieta im Zug, kurz vor der schicksalhaften Begegnung.

(Foto: Tobis Film)

"Julieta" ist ein echter Almodóvar: poetisch, emotional, voller Liebe, Leid, Trauer und Schuld. Und niemand setzt Frauen und Farben derart sinnlich in Szene wie der spanische Starregisseur - diesmal sogar ohne schrille Figuren.

Gleich die Anfangsszene von "Julieta" steht für das, was den Zuschauer bei Pedro Almodóvar erwartet: Es geht um starke Gefühle, inszeniert mit kräftigen Farben. Der rote Stoff, der sich wie bei einem Herzschlag bewegt, gehört eben jener Julieta (Emma Suarez, in jungen Jahren: Adriana Ugarte), der traurigen Schönen. Irgendetwas bedrückt sie sehr, zieht sie runter - was das ist, teilt sie aber offenbar mit niemandem.

Daniel Grao (Xoan) © Tobis Film_El Deseo_Manolo Pavón.JPG

Xoan, der Mann aus dem Zug, wird der Vater ihrer Tochter Antia.

(Foto: Tobis Film)

Auch nicht mit Lorenzo (Dario Grandinetti), dem Mann, mit dem sie doch eigentlich morgen nach Portugal gehen wollte. Die Kisten sind gepackt, aber ganz plötzlich und für ihn nicht nachvollziehbar entscheidet sie sich in Madrid zu bleiben. Kurz zuvor hatte Julieta Beatriz (Michelle Jenner, als Teenager: Sara Jimenez) getroffen, eine frühere gute Freundin ihrer Tochter Antia. Diese Begegnung wühlt Julieta sehr auf und lässt sie weit in ihre Vergangenheit zurückblicken. Man erlebt mit, wie sie im Zug Xoan (Daniel Grao) kennenlernt, die leidenschaftliche Beziehung beginnt gleich mit Sex noch während der Bahnfahrt; sie werden ein Paar, bekommen eine Tochter - Antia (Priscilla Delgado; als Teenager: Blanca Pares).

Poetisch, emotional, gar nicht schrill

Die Geschichte mit Xoan endet jedoch tragisch, auch Antia verschwindet irgendwann, schwere Schuldgefühle bedrücken Julieta. Sie merkt, wie wenig sie doch über ihre Tochter weiß. Eine Art Fluch scheint auf Julieta zu liegen - Verabschiedungen sind bei ihr oft mit tragischen Ereignissen verbunden, mit schweren Unfällen, Selbstmord, unerklärlichen Abschieden für immer ...

"Julieta" ist ein echter Almodóvar. Poetisch, emotional, voller großer Gefühle, Liebe, Leid, Trauer und Schuld. Voller krasser, plötzlicher, strikter Entscheidungen mit großer Tragweite. Dazu die besondere Ästhetik Almodóvars: starke, leuchtende Farben, kräftiges Rot (besonders Rot!), Blau, Gelb, grafische Muster. Das malerisch aufgewühlte Meer als Sinnbild für die aufgewühlte Seele. Aber anders als bei vielen früheren Filmen Almodóvars kommt "Julieta" ohne schrille, schräge Figuren aus, ohne Transen, HIV-positive schwangere Nonnen, drogenberauschte Flugzeugbesatzungen und dergleichen. Nur ein junger Modegeck mit äußerst grellem Lippenstift hat einen sehr kurzen, exaltierten Auftritt. Und Xoans Haushälterin Marian (Rossy de Palma) erscheint zwar anfangs wie eine unheimliche Hexe, entpuppt sich aber später als gute Seele.

Rückkehr zum "Kino der Frauen"

Adriana Ugarte (Julieta), Priscilla Delgado (Antía), Susi Sánchez (Sara, Julietas Mutter) © Tobis Film_El Deseo_Manolo Pavón.jpg

Frauen aus drei Generationen: Julieta mit ihrer zweijährigen Tochter Antía und ihrer Mutter Sara.

(Foto: Tobis Film)

Almodóvar hatte zuvor angekündigt, nach seiner Komödie "Fliegende Liebende" von 2013 mit "Julieta" wieder in Richtung Drama zu gehen und zu seinem "Kino der Frauen" zurückzukehren. Denn schon in früheren Filmen wie etwa "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" (1988) und "Alles über meine Mutter" (1999) hatte er gezeigt, wie meisterhaft er es versteht, Frauen in Szene zu setzen. Frauen und Farben.

Die verschachtelte, komplexe Struktur der verschiedenen Zeit- und Bildebenen von "Julieta" beruht auf Erzählungen der Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro. Die kanadische "Königin der Kurzgeschichte", wie sie oft genannt wird, ist ja genau dafür bekannt - für ihren gekonnten Umgang mit unterschiedlichen Zeitebenen. Wenn man das Verschachtelte in eine Reihe stellt, ist die Geschichte eigentlich doch überschaubar und gar nicht mehr so kompliziert. Eine Frau in der Krise und wie es dazu kam, ein Drama um eingebildete und wirkliche Schuld. Ohne viel Pathos (ein wenig ist immer dabei), aber voller Mitgefühl für die Figuren. Schön traurig.

Im Mai 2016 lief "Julieta" im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes. Er startet am 4. August in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de