Kino

"Music you could make love to" Miles Davis, der Übervater des Cool Jazz

12874_M_NC_PHO12.jpg

Miles Davis, der sonst so Ernste, konnte auch lachen - hier mit seiner Ehefrau Frances Taylor.

(Foto: ©Piece of Magic Entertainment)

Das Musik-Genie, der Obercoole, attraktiv, arrogant - der Film "Miles Davis - Birth of the Cool" stellt den Jazzgott in all seinen Facetten dar. Zu Wort kommen Musiker, Experten, seine Freunde, seine Frauen. Nur seine Musik kommt etwas kurz. Die will man nach dem Kinobesuch aber unbedingt hören.

Derzeit kommen so einige Musikdokus und -Biopics ins Kino - zuletzt "Amazing Grace" von Sydney Pollack über die Soulkönigin Aretha Franklin und "Marianne & Leonard" über Leonard Cohen und seine Muse Marianne; im Januar 2020 laufen "Judy" über Judy Garland, "Lindenberg - mach dein Ding" über Udo Lindenberg und "Mystify" über Michael Hutchence von INXS bei uns an. Die Filme versuchen uns den Menschen hinter den Musiklegenden näherzubringen, ihren Werdegang, ihr Können, ihre Strahlkraft, ihren Aufstieg und manchmal auch ihren Absturz.

Miles-Davis-Poster_RGB_GERMAN.jpg

"Miles Davis - Birth of the Cool" läuft ab dem 2. Januar 2020 im Kino.

(Foto: © Piece of Magic Entertainment)

Nun also "Miles Davis - Birth of the Cool" von Regisseur Stanley Nelson, mit bisher unveröffentlichten Archiv- und Studioaufnahmen und selten gezeigten Fotos. Lernt man das Jazz-Genie Davis im Film kennen, kommt man seiner Person näher, dem Menschen Miles Davis, der oft so unnahbar, auch arrogant und - natürlich - cool wirkte? Nun, er kommt zumindest viel selbst zu Wort, in Zitaten aus seiner Autobiografie von 1989, gesprochen von Carl Lumbly mit einer heiseren Stimme ähnlich wie Davis sie selbst später hatte. (Übrigens deshalb, weil er nach einer Kehlkopf-OP 1955 die von den Ärzten verordnete Schweigezeit nicht einhielt - zurück blieben dauerhaft beschädigte Stimmbänder.) Außer Davis selbst noch Musikerfreunde und Weggefährten wie etwa Herbie Hancock, Carlos Santana und Quincy Jones. Dazu kommen Musikexperten, Freunde und Familienmitglieder.

Star in Paris, "nur ein Schwarzer" in den USA

imago68656827h.jpg

Miles Davis 1967 in Frankreich.

(Foto: imago/Philippe Gras)

Und natürlich Frauen! Etwa Juliette Greco, die "grande dame de la chanson", in die er sich 1950 in Paris verliebt hatte. Dort war Davis zusammen mit anderen Jazzmusikern ab 1949 aufgetreten und dort wurden sie gefeiert und behandelt wie Stars, im Alltag fühlte er sich in Europa wie ein Gleicher unter Gleichen - nach der Rückkehr in die USA begegnete ihm derselbe Rassismus wie vorher. Die Herabwürdigung nur aufgrund seiner Hautfarbe musste er schon als Kind erleben, der 1926 in eine wohlhabende Familie hineingeboren wurde - auch Reichtum und Bildung schützten davor nicht. Sie verfolgte und quälte ihn sein Leben lang, auch noch, als er schon längst in den USA ein Star war.

Greco schwärmt, wie beeindruckt sie war von ihm, von "seiner extremen Schönheit und seiner Genialität". Sie sprach kein Englisch, er kein Französisch und dennnoch war die gegenseitige Faszination so groß, dass die Sprachbarriere keine mehr war. Davis sagt über ihre Liebe in seiner Biografie: "Es war wie Magie, als sei ich hypnotisiert worden, als sei ich in einer Art Trance. Ich hatte so etwas zuvor noch nie erlebt." Gefragt, warum er Greco nicht geheiratet habe, erwiderte er: um sie nicht unglücklich zu machen und es ihr zu ersparen, in den USA das Leben der Frau eines Schwarzen führen zu müssen. (Außerdem hatte er 1950 bereits drei Kinder mit seiner Freundin Irene - die er aber auch nicht heiratete.)

Heißes Paar

Seine Ehefrau wurde dann erst 1960 die Tänzerin Frances Taylor - ihre (häufigen) Statements im Film gehören zu dessen amüsantesten Momenten. Denn mit großem Selbstbewusstsein, Stolz und Vergnügen erzählt sie, dass sie von allen Tänzerinnen die "besten Beine" hatte und was Miles und sie für ein aufsehenerregendes, tolles Paar abgaben ("We were a hot couple!").

*Datenschutz

Mit seinem selbstbewussten Auftreten, seinem Kleidungsstil, seinem Erfolg und seinem Lebenswandel war Miles Davis für viele Schwarze ein Vorbild und galt als "black superman", heißt es im Film. Er gab dem Selbstwertgefühl der Afroamerikaner Auftrieb. Und das ernste, coole, abgeklärte Auftreten - nicht nur von Davis, sondern generell der Jazzmusiker der Nachkriegszeit - war auch eine bewusste Abgrenzung zu den lustigen Grimassenschneidern der Minstrel Shows. Sie wollten keine "komischen Schwarzen" sein, die das weiße Publikum zum Lachen bringen. Sondern ernst zu nehmende, gleichwertige Musiker.

Drogensucht und Aggressionen

Dann aber die dunklen Schatten: Alkohol, Heroin, Drogenexzesse, Gewaltausbrüche ... Die sonst so fröhliche Frances wird ernst, wenn sie sich an Davis' Eifersuchtsanfälle erinnert, seine Aggressionen, wie er sie schlug. Sie verließ ihn schließlich 1965. Und berichtet nicht ohne Genugtuung, wie er ihr offenbar noch viele Jahre später nachtrauerte.

Nicht nur Frances Taylor schildert Miles Davis als "schwierigen Charakter". Er galt als eigensinnig, diktatorisch, verschlossen, ja arrogant - in der Musik zeigte er dann aber seine Gefühle. Die war nach eigener Aussage alles für ihn, sein Leben - "that's all I live for" - und auch sein Fluch. Sie kam an erster Stelle, hinter der Musik musste alles andere zurückstehen - das Privatleben, die Familie, seine Frauen, die Kinder.

Bei all den Talking Heads kommt im Film aber genau das etwas zu kurz: die Musik. Viel ist zu hören über die Großartigkeit, das Genie, das Besondere an seiner Musik - was er anders gemacht hat, wie er die Grenzen des Jazz auslotete, mit Musikern anderer Genres zusammenarbeitete wie etwa mit Prince (den er bei anderer Gelegenheit jedoch eine "Mischung aus Jimi Hendrix und Charlie Chaplin" nannte). Aber sie ist kaum mal länger als ein paar Sekunden zu hören. Das kann man dann ja machen, wenn man aus dem Kino kommt - ab nach Hause und ein Miles-Davis-Album auflegen oder streamen oder was auch immer. Ein gutes Getränk in der Hand, zurücklehnen und zuhören. Wer sonst keine Jazzplatten besitzt - die "Kind of blue" haben doch die meisten, es ist das meistverkaufte Jazzalbum überhaupt und landete beim Musikmagazin "Rolling Stone" auf Platz 12 unter den 500 besten Alben aller Zeiten. Der Film macht auf jeden Fall Lust, sie rauszuholen. Und apropos Lust: "Miles Davis machte Musik, zu der man Liebe machen konnte", heißt es in "Birth of the Cool".

"Miles Davis - Birth of the Cool" läuft ab dem 2. Januar in Deutschland im Kino.

Quelle: ntv.de