Kino

"Ocean Film Tour" Volume 4 Wenn Wind ein widerspenstiger Hipster ist

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Island ist für sein extrem raues Klima bekannt. Das Letzte, was man dort erwartet, sind blonde Surfer. Bei der "Ocean Film Tour" trifft man verrückte Isländer, die dem unbarmherzigen Wind trotzen und sich mit ihren Brettern ins eisige Meer stürzen.

Zwei Männer sitzen in einer Kneipe an einem Tisch. Sie haben langes blondes Haar, gebräunte Gesichter und wirken so, als stünden sie vor ihrem nächsten Abenteuer. Ein dritter Mann setzt sich dazu. Er hat rotes Haar, einen langen roten Bart und trägt Hosenträger - äußerlich ein typischer Hipster. Die drei Männer trinken gemeinsam ein Bier. Plötzlich rastet der Hipster aus, fegt die Biergläser weg und wirft den gesamten Tisch um. Dass es im nächsten Moment nicht zu einer Kneipenschlägerei kommen wird, ist dem Kinozuschauer spätestens dann klar, wenn er sich bewusst macht, dass er bei der vierten Ausgabe der "International Ocean Film Tour" ist - dem Festival für Kurzfilme rund ums Thema Meer.

Der rotbärtige Hipster ist eine Metapher und die blonden Jungs sehen nicht nur aus wie Profisurfer, sondern sind es auch. In "The Accord" zeigen Heidar Logi Elíasson und Gudmundur Thorarinn, wie schwierig es sein kann, seiner Leidenschaft fürs Surfen nachzugehen, wenn man auf Island wohnt. Die Surf-Szene im hohen Norden ist winzig, das Wasser ist eiskalt und der Wind ändert minütlich seine Meinung - wie ein Trunkenbold. Trotz der widrigen Umstände ist ein Kurzfilm entstanden, der nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch durch seine gestalterischen Elemente besticht, die bereits mehrfach mit Filmpreisen ausgezeichnet wurden.

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Ramon Carlín und seine verrückte Segelcrew.

Einen Preis gab es auch für die Crew des Segelschiffes "Sayula II". 1973 macht sich der Mexikaner Ramon Carlín gemeinsam mit seiner Familie und weiteren Besatzungsmitgliedern aus aller Welt auf den Weg ins englische Portsmouth. Dort brechen 17 Jachten zum größten Rennen der Segelgeschichte auf - die "Sayula II" ist eine davon. Eigentlich wollte Carlín seinen Sohn nur von einer überstürzten Ehe abhalten, nun segelt er mit seiner Crew einmal rund um die Welt. Was die munteren Mexikaner dabei erleben und am Ende triumphieren, ist in "The Weekend Sailor" zu sehen - spannend und unterhaltsam zugleich.

Rund um den Erdball geht es auch im Film "Chapter one". Hier zeigen mehrere Kitesurfing-Profis aus aller Welt ihr Können. Unter ihnen befindet sich auch der Multimilliardär Richard Branson, der seit Jahren ein passionierter Kite-Surfer ist. Auf seiner Privatinsel Neckar Island spannt er gerne mit Ex-US-Präsident Barack Obama den Kite-Schirm. Mit diesem brettern die Surfer durch sämtliche Gewässer der Welt. Der Kinozuschauer begleitet sie dabei und bekommt atemberaubende Luftaufnahmen aus den entlegensten Ecken. Denn zum Kiten bedarf es keiner tiefen Ozeane. "Alles, was man braucht, ist der Wind", erklärt Branson.

Absolute Stille unter dem Eis

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Die Kälte des Eises macht Johanna Nordblad nichts mehr aus.

An ferne Orte entführt auch Johanna Nordblad. Die Finnin taut erst so richtig auf, wenn alles um sie herum gefriert. In "Johanna under the Ice" nimmt sie den Zuschauer mit in ihre Welt der Stille und Einsamkeit. Die Freediverin taucht am liebsten in zugefrorenen Seen unter einer zentimeterdicken Eisschicht. Statt Beklemmung und Panik empfindet sie Ruhe und Abgeschiedenheit. Gerade einmal fünf Minuten dauert der Kurzfilm über die Rekordhalterin im Eistauchen - schade eigentlich.

Ganz unbekannt sind die Bilder, die im Film "The Legacy" gezeigt werden, zwar nicht, dafür aber umso beeindruckender. Der Riesen-Mantarochen ist beinahe ausgestorben. In einem Naturschutzarchipel im Golf von Mexiko hat er ein neue Heimat gefunden. Dorthin entführt Marinefotograf Erick Higuera die Zuschauer und liefert spektakuläre Unterwasseraufnahmen der Tiere. Zudem tummeln sich Delfine, Wale und Haie um die Kamera des Filmemachers. Einziger Kritikpunkt: Die gesprochenen Texte der Synchronstimme von Julia Roberts verwirren etwas.

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Clark Littles Fotomodelle sind gewaltig und unberechenbar.

Um einen Fotografen geht es auch in "The Shortbreak". Clark Little war einst ein passionierter Surfer. Mit Mitte 40 hat er das Surfbrett gegen eine Kamera getauscht. Statt auf die Wellen wirft er sich nun mitten in sie hinein. Herumgewirbelt von Wasser, Sand und Steinen, gelingen Little wunderschöne Wellenaufnahmen von Zwergen und Giganten. Wer ihm bei seiner Arbeit zusieht, merkt schnell, wie anstrengend sein Beruf ist. Denn Littles "Models" sind kratzbürstig und folgen ihren eigenen Gesetzen.

Zuletzt macht die "Ocean Film Tour" auf die zunehmende Verschmutzung der Meere aufmerksam. Beinahe jeder Tropfen Wasser in den Ozeanen enthält Mikroplastik. In manchen Teilen der Weltmeere schwimmen kilometerbreite Müllteppiche, die nicht nur die Meeresbewohner schädigen. Denn am Ende der Nahrungskette steht der Mensch - und der nimmt durch den Verzehr von Meerestieren die mit Schadstoffen angereicherten Mikroplastik ebenfalls auf. Was in dem Film "A plastic Ocean" allerdings fehlt, ist eine praktische Anleitung, wie man seinen Plastikabfall reduzieren und somit seinen Beitrag zur Erhaltung des Ökosystems Meer beitragen kann.

Die "International Ocean Film Tour" tourt noch bis Ende Mai durch Deutschland und Europa. Alle Termine finden Sie hier.

 

Quelle: ntv.de