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"Tatort - Blind Date" Mit dem Stock im Nebel

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Ihr erster Fall seit mehr als drei Jahren.

(Foto: SWR/Bettina Müller)

Dritter Fall in fünf Jahren, und so richtig findet Heike Makatsch als Kommissarin Berlinger immer noch nicht in die Spur. Die Ermittlungen um die blinde Studentin und ihren Flirt mit einer mordlüsternen Psychopathin verfangen sich zwischen Sensationslust und Halbgarem.

Die lange Geschichte des Kriminalfilms, sie hat ja durchaus so einige Klassiker zu bieten, bei denen eine blinde Protagonistin im Mittelpunkt steht. Ganz vorn dabei natürlich "Warte, bis es dunkel ist", ein klaustrophobisches Meisterwerk von Terence Young, mit der umwerfenden Audrey Hepburn in der Hauptrolle. Oder "Jennifer 8", mit Uma Thurman als blinde Helena Robertson, die droht, ermordet zu werden - an ihrer Seite Andy Garcia und John Malkovich als Ermittler höchst unterschiedlichen Kalibers.

Die Chancen, dass sich "Blind Date", der dritte "Tatort"-Fall mit Heike Makatsch als Kommissarin Ellen Berlinger, hier einreiht, stehen nicht allzu gut. An Henriette Nagel liegt das kaum, die Schauspielerin tut alles, um der von ihr gespielten blinden Jura-Studentin Rosa Münch eine vielschichtige Gestalt zu geben. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob es in irgendeinem Manual steht, dass es in Filmen mit blinden Protagonistinnen und Protagonisten verpflichtend immer mal wieder einen grauschwarzen Bildschirm zu sehen geben muss, um nur ja klarzumachen: Die sieht nichts?

Auch die Tatsache, wie abgegriffen der Titel ist - siehe "Blind Date" mit Bruce Willis, "Blind Date" mit Hardy Krüger, "Blind Date" mit Kirstie Alley, "Blind Date" mit Anke Engelke und Olli Dittrich, "Blind Date" mit Patricia Clarkson, "Mein Blind Date mit dem Leben", "Blind Fear", "Blind Sight", "Blind Target", "Blind Heat", "Blind Flight", ...Horizon, ...Mountain, ...Shaft - Schwamm drüber!

Tourettöser Anfall um "blinde Lesben"

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Viel zu lachen hat Heike Makatsch als Kommissarin Ellen Berlinger eigentlich nicht ...

(Foto: SWR/Bettina Müller)

Das könnte man alles verknusen, wäre dieser Film nicht so überbevölkert von platten Klischees, plakativster Typologie, kaum nachvollziehbaren Wendungen, zuweilen so over the top, dass man giggeln muss. Da sind zum Beispiel Sophia Hansen (Anica Happich) und Moritz Boldt (Jan Bülow), eine Art "Natural Born Killers"-Variante für die Aula-Bühne: Psychopathen tragen Sonnenbrille, liegen den ganzen Tag auf der faulen Haut, wenn sie nicht gerade durch die Gegend morden oder sich um Sinn und Verstand vögeln.

Da ist Martin Rascher (Sebastian Blomberg), ein Sidekick wie aus allen jemals existierenden "Tatort"-Sidekicks der gröberen Sorte zusammengepuzzelt: Unfreundlich bis ins Mark, bei der Polizeiarbeit ein Stümper, Kaffeeverschütter, Misanthrop und Motzkopf, der nur zufällig bei all dem Stock-im-Nebel-Gestochere mal auf einen richtigen Gedanken kommt.

Oder Alan Burgon (David Murphy), Berlingers Ex aus England, der plötzlich auf ihrer Couch liegt, gekommen, um Whiskey zu saufen, Pastasauce an die Wand zu schmieren und die gemeinsame Tochter Greta mitzunehmen, zurück ins britische Königreich, wo Burgons Ehefrau mit Hund und fünf (!) Kindern wartet und sich auf die nächste Familienerweiterung freut. Arme, arme Greta - die Mama berufstätig, immer auf Arbeit, nie Zeit. Famos, wie schlicht hier eine Storyline verlötet wird. Wobei ... hatte die Berlinger nicht noch eine Tochter? Und hatte sie die nicht auch schon anderweitig geparkt, bei der Omma? Was wurde denn aus der eigentlich?

Überhaupt Ellen Berlinger: mal locker mit Bierchen und Rotwein, flirty mit dem Ex, dann wieder überfordert, überreizt. Aus dem Nichts ein tourettöser Anfall um "blinde Lesben", die sich "die Muschi lecken lassen". Das ist einerseits psychologisch so am Limit, gleichzeitig so lapidar vorgeführt, als hätte ein Trupp Telenovela-Autoren das Skript beim Zettelfalz-Spiel entwickelt. Jeder nur einen Satz schreiben, umknicken, der nächste bitte. Am Ende wird es zur Strafe verfilmt.

Quelle: ntv.de

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