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"Polizeiruf" aus Rostock Undank ist der Frauen Lohn

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18 Prozent verdienen Frauen im Schnitt weniger als ihre männlichen Kollegen.

(Foto: imago images/Future Image)

Eine alleinerziehende Mutter arbeitet bis zum Umfallen, um ihrem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen - bis etwas in ihr zerbricht und sie einen persönlichen Rachefeldzug startet. "Sabine" ist harter Tobak, der mit bitteren Wahrheiten spielt.

"1600 Euro netto, nach 18 Jahren hier, mit drei Kindern", wirft die Werftarbeiterin den Rostocker Kommissaren in wütenden Halbsätzen entgegen. Es ist die bittere Bilanz eines harten Arbeitslebens, formuliert von einer Frau, die weiß, dass sie von ebendiesem Leben nicht mehr viel zu erwarten hat - weder Geld noch Respekt, von Dankbarkeit schon mal ganz zu schweigen. Nun soll der Arbeiterin auch noch gekündigt werden, genau wie ihren 800 Kollegen: Deutsche Wertarbeit ist dem Mutterkonzern der Werft zu teuer, die Rendite stimmt nicht mehr. Und weil es daran nun wirklich nichts zu beschönigen gibt, gucken auch die Ermittler im neuen "Polizeiruf", die hier eigentlich eine Mordserie aufklären wollen, nur betreten aus der Wäsche.

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Arbeitet bis zum Umfallen und kommt trotzdem nicht über die Runden: Sabine (Luise Heyer).

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

"Sabine" erzählt die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter (Luise Heyer), die sich als Servicekraft auf der Arunia-Werft abrackert und wegen des niedrigen Lohns trotzdem noch aufstocken muss, um irgendwie über die Runden zu kommen. Sabines Armut ist ein Stigma, das sich durch ihr ganzes Leben zieht: Weil das Geld fehlt, rät die Grundschullehrerin Sabine etwa davon ab, ihren Sohn trotz seiner guten Noten aufs Gymnasium zu schicken - er würde ja doch nur wegen seiner Armut gemobbt werden. Eine Zitronenscheibe und ein gewalttätiger Nachbar bringen das Fass schließlich zum Überlaufen: Sabine sieht rot und rächt sich an "allen Arschlöchern" in ihrer Welt. Und von denen gibt es reichlich.

Dass "Sabine" ein überdurchschnittlich aufreibender Krimi ist, hat nur bedingt mit der Dramatik zu tun, die Mordfälle üblicherweise so mit sich bringen. Es ist vielmehr das Wechselspiel aus Ohnmacht und Wut, die diese akkurat erzählte Milieustudie so spannend machen. Auch wenn Sabines Fall und ihre Reaktion auf die äußeren Umstände extrem sind, das zugrunde liegende Problem ist doch ein hochaktuelles: Das soziale Ungleichgewicht in Deutschland nimmt zu, und die hauptsächlich Betroffenen sind en gros Frauen.

Die Stimmen der Arbeiter

25,8 Prozent aller Frauen sind im Niedriglohn-Sektor beschäftigt, sie verdienen also weniger als zwei Drittel des Durchschnittsbruttolohns - auf Männerseite sind es nur 15,5 Prozent. Konkret verdienten Frauen im vergangenen Jahr 18 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, was erst vergangene Woche wieder deutlich zum Vorschein kam: Am 10. März, nur zwei Tage nach dem Weltfrauentag, fand der Equal Pay Day statt, also der Tag im Jahr, ab dem Frauen statistisch gesehen überhaupt erst anfangen, Geld zu verdienen. Noch mehr Zahlen gefällig? 2020 verdienten Frauen durchschnittlich 18,62 Euro brutto, 4,16 Euro weniger als Männer - im europäischen Vergleich landet Deutschland damit unter 34 Ländern auf dem drittletzten Platz.

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Dass in unserer turbokapitalistischen Welt die Stimmen der Arbeiter nicht oder nur selten gehört werden, ist natürlich kein rein weibliches Problem, sondern eine geschlechterübergreifende systemische Ungerechtigkeit. Im "Polizeiruf" bringt das ausgerechnet der zynische Chef der Arunia-Werft auf den Punkt, der mit den (Arbeits-)Leben seiner 800 Mitarbeiter spielt, weil er auf einen Vorstandsposten hofft: "Wir gehören zu den ein Prozent glücklichen Fickern auf der Welt, die in Geld nur so schwimmen, solange wir nicht diesen einen fatalen Fehler machen: Glaub nicht mal für eine Sekunde daran, dass das System sich ändert, wenn du aussteigst", gibt er seiner Finanzchefin mit auf den Weg, als die wegen moralischer Bedenken kündigen will.

Kurz darauf steigt der Manager unfreiwillig aus dem System aus, Sabine richtet den Mann während ihres persönlichen Rachefeldzugs mit einem Kopfschuss. Es passt zur düsteren Grundstimmung des Films, dass ausgerechnet eine Frau die zynische Weltsicht des Erschossenen unterstreicht: Die Finanzchefin übernimmt die freigewordene Stelle, wickelt die Arunia-Werft mitsamt allen Arbeitern ab und bekommt dafür einen Platz im Vorstand des Mutterkonzerns. Und Sabine? Die mag vielleicht kurzfristig ihre Ohnmacht abgeschüttelt und sich mit der Pistole in der Hand selbst ermächtigt haben, hat aber das System auf lange Sicht nur gestärkt. Der Film arbeitet das fast schon schmerzlich exakt heraus - und setzt gerade deshalb ein starkes Zeichen dafür, den Status quo grundlegend zu ändern.

Quelle: ntv.de

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